globale°-Festivalblog

Der globale°-Festivalblog ist ein Projekt des virtuellen Literaturhauses Bremen und der Universität Bremen.

Einen spannenden Blick hinter die Kulissen liefert blogale°, der Blog zu globale° – Festival für grenzüberschreitende Literatur. In Eigenregie gestalten Studierende der Universität Bremen im Masterstudiengang Transnationale Literaturwissenschaft in Kooperation mit dem virtuellen Literaturhaus Bremen den Festivalblog. Sie schreiben Buchrezensionen, halten Eindrücke aus den Veranstaltungen fest und treffen Autor*innen. Unabhängig und kritisch, kreativ und keineswegs eingeschüchtert nähern sie sich dem Festival, den Geschichten zwischen den Lesungen und werden selbst zu Erzähler*innen.

Mehr auf: https://globaleblog.wordpress.com/

Artur Becker: Der Mut zum Entblößen und Erzählen – Ein Rückblick

Schülerworkshop »Diverse People Remember«:

Dreiundfünfzig Seiten im Manuskript, Stories und Gedichte, aber geschrieben von Schülerinnen und Schülern aus Bremen, Gymnasiasten des Schulzentrums Walle, die sich auf das Abitur vorbereiten. Und jeder dieser Texte, die im Rahmen unseres Workshops »Diverse People Remember« entstanden sind, ist eine persönliche Begegnung und Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und Familienherkunft – eine erfrischende und überraschende Begegnung, die im Dunkel der Weltgeschichte kurz aufleuchtet, um in unserem Gedächtnis wenigstens für wenige Augenblicke haftenzubleiben. Und das Aufleuchten gelingt allen Texten ausgezeichnet, weil sie vor Entblößung, dem Drang nach Wahrheit, keine Angst haben.

Denn es ist erstaunlich, wie mutig und forsch die jungen Autorinnen und Autoren vorgegangen sind, um ihren Familienstoff zu präsentieren. Sie ersparen uns nichts, wir leiden mit, wenn Tragisches und Unglückseliges erzählt wird; wir freuen uns zusammen mit ihnen über jeden Erfolg, mag er auch auf den ersten Blick gewöhnlich und austauschbar sein. Und wir staunen im nächsten Moment auch über die Leichtigkeit der Texte, obwohl sie oft von den letzten Dingen erzählen: vom Sterben, von der Übermacht einer schweren Krankheit, vom Scheitern der Emigration, von der Einsamkeit, vom Bürgerkrieg oder von der tragischen Geschichte Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Außerdem zeigen die Früchte unseres Workshops, wie vielschichtig und kompliziert in der globalisierten Welt unsere Identitäten geworden sind, die wir von unseren Familien geerbt haben und in einem fremden Land mit uns herumtragen müssen wie einen vollgestopften Rucksack. Gleichzeitig bauen wir neue Identitäten, da wir uns mit unserem neuen Land solidarisieren und identifizieren, sofern wir nicht an der schlimmsten Emigrantenkrankheit leiden – dem Defätismus, der ewigen Nörgelei und Schwarzmalerei.   

Und was auch noch erstaunt, ist die Tatsache, dass wir in diesen Texten  einem Deutschland begegnen, das wie ein Katalysator funktioniert, oder vielmehr wie  ein Transformator: Altes wird mit Neuem vermischt, und trotzdem entsteht dabei nicht nur eine moderne bundesrepublikanische Identität, die all die jungen Menschen ausmacht, deren Familiengeschichten wir auf Papier kennengelernt haben. Es entstehen auch Paare, die friedlich miteinander koexistieren: Die zu Hause erlernte Muttersprache ist genauso wichtig und lebendig wie die deutsche Sprache, die hinzugekommen ist. Das betrifft auch die Kultur – die ursprüngliche und die hinzugekommene: Es bilden sich jedes Mal unzertrennliche Paare wie in der Liebe.

Glücklich kann sich deshalb ein Land schätzen, das solche Geschichten von Herkunft und Kampf um ein besseres Leben in der Fremde, wie sie auf den dreiundfünfzig Manuskriptseiten zu lesen sind, auch zu seinem geistigen Eigentum zählen kann: glücklich deshalb, weil diese Familienstories für uns alle eine Bereicherung sind und keine Bürde, die obendrein politisch instrumentalisiert werden könnte.

Hinzu kommt noch etwas Überraschendes und Erfreuliches, dass nämlich in allen Themen, die in den Texten der Bremer Schülerinnen und Schüler auftauchen, oft klassische Stoffe der Literatur erkennbar werden, zumindest im Keim: die Odyssee, der lange Weg nach Hause; der Kampf um ein besseres Leben in der Fremde; der Verlust von geliebten Menschen, die der  Krieg einem genommen hat; das Leben auf Inseln, die man sich in der Fremde erschafft, da man sich in seinem neuen Land nicht neu erfinden kann; dann die Auseinandersetzung mit der Familientradition und der Religion, die Konflikte zwischen den Generationen – die jungen Wilden, die dem Altbackenen und Erprobten entfliehen wollen; und zum Schluss dieses Rückblicks muss man noch die Sorge um unsere Zukunft hervorheben, die in vielen Texten geäußert wird, wenn auch manchmal zwischen den Zeilen, aber nach nochmaligem Lesen fühlt man, dass diese Texte sorgenvoll in die Zukunft der Erde und ihrer Bewohner schauen, weil der Wunsch nach einem erfüllten, glücklichen Leben für die Erdlinge ihr eigentlicher Motor ist.

Und noch etwas Wichtiges: Man staunt während der Lektüre über die positive, lebensbejahende und zum moralischen Handeln animierende Haltung der Eltern und Großeltern, die ihren Sprösslingen im Prinzip einen wichtigen Satz mit auf den weiten Lebensweg geben: »Versuch ein guter Mensch zu sein!« Nichts anderes sagte mir meine polnische Großmutter Natalia, wenn ich Anfang der Achtzigerjahre, damals ein Sechzehnjähriger, wieder einmal auf Reisen ging und in den nächstbesten Zug sprang, um zum Beispiel in Posen mein Mädchen zu besuchen. »Geh mit Gott!«, sagte sie, aber es meinte ja das Gleiche: »Versuch ein guter Mensch zu sein.«

Was jedoch an diesen Workshoptexten am besten gefällt, ist ihr Mut zur Wahrheit, zum Erzählen: Keiner soll denken, dass Tragisches, Hässliches, Schreckliches, was vor allem Kindern und Jugendlichen normalerweise nicht widerfahren darf, in diesen Geschichten auf der Strecke bleibt. Nein, das nicht. Zum Glück nicht. Die Authentizität ist nämlich das wichtigste Charakteristikum dieser Prosatexte und Gedichte, auch wenn uns manchmal Tränen den Hals zuschnüren wollen – uns erfahrenen Lesern.

Wir haben viel gelernt: Wir haben gelernt, wie zerbrechlich unsere Familien und ihre Ursprünge sind; wie man Geschichten knapp und herzlich und wahrhaftig erzählt; wie man mit Kritik umgeht und wie wichtig der Dialog ist, den wir miteinander führen mussten: als Schreiber und Leser. Wir haben gelernt, wie man bestimmte Motive, die in einer Story scheinbar zufällig aufgetaucht sind, weiterentwickeln und zu Ende erzählen kann; und wir haben gelernt, wie wichtig es ist, an den Texten sprachlich zu arbeiten, an der Sprache zu feilen, in einem Tempus den roten Faden einer Geschichte zu spinnen.

Mein Dank gilt der Deutschlehrerin Frederike Kiesel, die für eine produktive Arbeitsatmosphäre gesorgt und den Schülerinnen und Schülern ihre Wünsche von den Lippen abgelesen hat. Ein großer Dank gilt auch dem Team des virtuellen Literaturhauses Bremen: Heike Müller, Annika Depping und Tabea Scherer – sowie der Sylt Fundation aus Johannesburg, ihrem guten Geist Indra Wussow.           

Von Artur Becker
Verden-Bremen, März – August 2019