Buchtipp!

Jhumpa Lahiri: „Das Tiefland“.

U1_978-3-498-03931-8.inddEmpfohlen von Gabi von Alemann, Buchhändlerin:
Von zwei unzertrennlichen Brüdern und einer Frau erzählt das neue Buch der großartigen US-amerikanischen Autorin Jhumpa Lahiri. Es ist ein Roman, der ungeheuer dicht und fesselnd von Liebe und Schuld, Zerrissenheit und Versöhnung in einer indisch-amerikanischen Familie erzählt.

Kalkutta in den 60er Jahren

Subhash und sein unbekümmert-ungestümer jüngerer Bruder Udayan wachsen im Kalkutta der 50er, 60er Jahre auf. Als weltweit die Studenten rebellieren, gründen sich auch in Indien kleine, radikale Gruppen, die im Namen des Marxismus-Leninismus – mit dem Vorbild von Maos China vor Augen – die indische Gesellschaft revolutionieren, Armut und Korruption beseitigen wollen – in Abgrenzung zu Gandhis Konzept der Gewaltfreiheit.

Zwei sehr verschiedene Brüder

Der strebsame, bedächtige Subhash geht zum Studium nach Rhode Island/USA, während Udayan sich mehr und mehr radikalisiert, ohne sich seiner Familie darüber wirklich mitzuteilen. Er lernt die Philosophiestudentin Gauri kennen und heiratet sie gegen den Willen seiner Eltern, womit er gegen alle guten indischen Sitten der arrangierten Ehe verstößt. Schließlich ist die Polizei hinter Udayan her und etwas Unfassbares geschieht. Eine Familie wird in Stücke gerissen. Die Beteiligten und ihre Nachkommen müssen mühsam lernen, mit Schuld und falschen Entscheidungen zu leben.

Bewegende Familien- und Liebesgeschichte

Lahiris Roman spannt sich über einen Zeitraum von etwa 60 Jahren über mehrere Generationen. Ihre Protagonisten leben zwischen zwei Kulturen: Indien und dem Westen. Sie müssen mit Liebe und Abschied, mit Bemühen und Scheitern zurechtkommen, auch mit Verletzung und dem Ringen um Aussöhnung. Sie machen ganz normale, allgemein-menschliche, aber auch extreme Erfahrungen, die ein Leben eben mit sich bringt. Jhumpa Lahiri erzählt mit einfachen Worten und großer Wucht eine Geschichte, die einen über mehr als 500 Seiten nicht mehr loslässt: melancholisch und spannend, traurig und versöhnlich zugleich. Wie gesagt: großartig.

 

Zur Autorin: Jhumpa Lahiri wurde in London geboren und wuchs in Rhode Island auf. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie u.a. mit dem Pulitzer Preis, dem PEN/Hemingway Award und dem Commonwealth Writers‘ Prize ausgezeichnet. Seit 2012 ist sie Mitglied der American Academy of Arts and Letters.

Jhumpa Lahiri: „Das Tiefland“
Roman, 528 S., Rowohlt 2014, € 22,95

„Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“

MagicalMystery

Na endlich! freuen sich die Fans, Sven Regener ist wieder da, mit einem neuen Roman! In der Hauptrolle, der Titel kündigt es an: Karl Schmidt, jetzt Charlie genannt, der verkrachte Künstlerfreund von Frank Lehmann. (Den haben viele aus dem Herr-Lehmann-Film noch in bester Erinnerung, gespielt von Detlev Buck.)

Hilfshausmeister in Hamburg-Altona

Es ist die Mitte der 90er Jahre. Karl/Charlie hat die Psychiatrie überstanden (wohin ihn Frankie Lehmann am Tag der Wende 1989 gebracht hatte) und lebt seit einigen Jahren in Hamburg-Altona in einer betreuten Ex-Junkie-WG. Das „Kunstding“ hat er aufgegeben, clean und trocken ist er auch; aber sein Job als Hilfshausmeister in einem Kinderheim füllt ihn nicht wirklich aus, und manchmal muss er aufpassen, dass ihn das „dunkle Gefühl“ nicht wieder überkommt.

Nüchterner Busfahrer gesucht

Da trifft er unverhofft auf Ferdi und Raimund, alte Berliner Kumpels. Die sind inzwischen mit einem Techno-Label reich geworden und planen eine Deutschland-Runde mit einem Bus voller DJs, der von einem Rave zum nächsten touren soll: Magical Mystery, so wie damals die Beatles. Dringend gebraucht wird ein Fahrer, der weder trinkt noch kokst – der ideale Job für Charlie.

Abenteuer in Bremen und anderswo

Über Hamburg, Berlin, München und Essen führt die Tour – unter anderem auch nach Bremen, über den Rembertiring mitten ins Viertel. Die Abenteuer von Frank Lehmann aus „Neue Vahr Süd“ lassen grüßen.

Immer ganz easy

Wie Charlie es schafft, nüchtern und in der Spur zu bleiben (und sich ein bisschen zu verlieben), erzählt Regener in diesem typischen Sound, der schon den Herr-Lehmann-Lesern die Mundwinkel hochgezogen hat. Mit hinreißend witzigen  Running Gags. Mit Dialogen voller Alltagsphilosophie, in denen es um rein gar nichts geht. Die wie eins-zu-eins realen Dialogen abgelauscht wirken – dabei aber sowas von entspannt und friedfertig, als wäre das Leben eine einzige Love Parade.

Und wenn es denn doch mal kompliziert wird, mit den Hotelbetten, mit den Clubs, mit den Meerschweinchen, die irgendwie mit auf die Tournee geraten sind?  „>Easy, Charlie<, sagte Ferdi. >Immer ganz easy, das wird schon.<“
(Gabi von Alemann)

 

Sven Regener: „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“
Roman, 503 S.
Galiani Berlin 2013, € 22,99

„Des Finders Lohn“ – Buchtipp

DesFindersLohn

Stimmungsvoll und gemächlich wie ein Marktbummel präsentiert sich der neue Roman der britischen Krimi-Queen Ruth Rendell. Er spielt rund um die legendäre Portobello Road in Notting Hill, deren Kneipen, Läden und Buden den bunten Hintergrund für eine komödiantische Psycho-Sozial-Kriminal-Studie abgeben.

Süchtig nach Bonbons
Drei schräge Vögel prägen die Geschichte. Es beginnt mit einem Umschlag voller Geld, den der Galerist  Eugene Wren zufällig findet. Wren ist um die Fünfzig, wohlhabend, und er sorgt sich nur um eines: um seine Sucht und wie er davon loskommen könnte. Mit Alkohol ist er seinerzeit problemlos fertig geworden, Drogen nimmt er keine – nein, hier kommt Ms Rendells britischer Humor zum Tragen: Eugene ist süchtig nach einer bestimmten Sorte zuckerfreier Bonbons, die er zu Hause sorgfältig versteckt.

Schräge Vögel
Lance dagegen ist jung und nichtsnutzig, lebt bei seinem bigotten Onkel Gib (einem Prediger und Ex-Knacki) und finanziert sich durch den einen oder anderen Einbruch in den besseren Häusern von Notting Hill. Seine Ex-Freundin Gemma hat gute Gründe, von ihm nichts mehr wissen zu wollen.

Und schließlich Joel, ein Junge aus reichem Haus, der sich in seiner mit altem Kitsch vollgestopften Wohnung hinter geschlossenen Vorhängen verbarrikadiert und Stimmen hört. Nur seine Ärztin Ella Cotswold hat bei Joel Zutritt. Sie ist mit Eugene verlobt, der seine Bonbonsucht unbedingt auch vor ihr geheim halten möchte.

Mord als Nebensache
Was Ruth Rendell sich hier ausgedacht hat, ist eine augenzwinkernde Ironisierung des Genres. OK, mag sie sich gesagt haben, man kennt mich als Autorin von Kriminalromanen, also gib den Lesern, was sie haben wollen! Aber sowohl der Mord, der (spät!) geschieht, als auch der Mörder selbst sind am Ende eher das schmückende Beiwerk zu einem köstlichen – gern auch mal sarkastischen – Porträt der inseltypischen Klassengesellschaft. Und den Charme des Viertels um die Portobello Road gibt’s für London-Liebhaber als Sahnehäubchen obendrauf.

von Gabi von Alemann aus der Humboldt Buchhandlung
Kriminalroman, 384 S., Blanvalet 2013, 14,99€