RAUM FÜR VERMUTUNGEN

Um Archäologie und Literatur geht es in der neuen Sonderausstellung, die aktuell im Hafenmuseum zu sehen ist. Die Ausstellung zeigt elf Fundstücke aus der Weserregion, die eine regionalgeschichtliche Bedeutung oder eine Nähe zur Schifffahrt aufweisen. Zu jedem Ausstellungsstück haben zeitgenössische Autorinnen und Autoren literarische Texte verfasst, die in Wechselwirkung mit dem Objekt treten. Die Objekte stammen aus den Archiven der Landesarchäologie Bremen, dem Schifffahrtsmuseum Unterweser, dem Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, dem Focke Museum und dem Hafenmuseum Speicher XI.

Folgende Autorinnen und Autoren sind an der Ausstellung beteiligt: Michael Augustin, Anke Bär, Nora Bossong, Christine Glenewinkel , Klaus Hübotter, Per Leo, Anna Lott, Gülbahar Kültür, Lady Bitch Ray, Moritz Rinke und Ian Watson.

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Die Texte werden als Ausstellungselemente auf Wand und Boden aufgebracht und umfließen großformatig die Objekte. Das Publikum erhält durch die literarischen Texte einen künstlerischen und inspirierenden Zugang zu den Objekten und zur maritimen Geschichte der Weserregion. Die Ausstellung ist aber auch andersherum lesbar: Wissenschaftlich geprägte Fundstücke nehmen den Platz von Illustrationen in einem fiktiven Text ein. Perspektivwechsel werden möglich. Ergänzend werden die Objekte durch ein 360°-Bild des Fundortes sowie ein Audio-Interview mit einem wissenschaftlichen Experten nochmals aus einem anderen Blickwinkel vorgestellt.

Literarische Reiseapotheke: Folge 7 – „Ein unvergänglicher Sommer“

Abkühlung gefällig? Auch wenn der Titel „Ein unvergänglicher Sommer“ anderes verspricht, spielt dieser Roman von Isabel Allende im tiefsten Winter. Die Handlung wird durch einen Schneesturm in New York angeschubst, in dem Richard der verschreckten Evelyn hinten aufs Auto fährt. Was zuerst harmlos erscheint, nimmt bald einen unerwarteten Verlauf. Einige Stunden später steht Evelyn nämlich vor Richards Tür: Das Unfallauto hat sie unerlaubt von ihren herrischen Arbeitgebern geliehen, im Kofferraum liegt eine Leiche und zur Krönung des Schlamassels ist Evelyn illegal in den USA – und hat keine Ahnung, wie sie heil aus dieser Situation entkommen soll. Auch Richard weiß sich nicht zu helfen und bittet seine Mieterin Lucía um Unterstützung.

Ein Roadtrip bis nach Kanada beginnt – durch Eis und Schnee statt auf staubigen Highways. Am Ende soll das Auto samt Leiche in einem See bei einer abgelegenen Hütte verschwinden. Unterwegs warten schäbige Motelzimmer, aufdringliche Elche und andere Abenteuer auf die drei, die bald zu einem guten Team werden.

Verwoben mit der Handlung in New York und dem Roadtrip sind die Lebensgeschichten der Figuren, die in Rückblenden erzählt werden. Evelyn stammt aus Guatemala, wo sie Bandengewalt ausgesetzt war und von wo sie schließlich gerade noch mit Hilfe eines Schleusers entkommen konnte. Lucía ist Chilenin und musste aus politischen Gründen nach dem Militärputsch ihr Heimatland verlassen. Sie arbeitet als Universitätsdozentin und forscht inzwischen über die damals Verschwundenen. Richards Vergangenheit liegt in Europa, lange Jahre hat er außerdem in Brasilien gelebt. An ihren Lebensgeschichten werden wichtige gesellschaftliche Fragen Süd- und Mittelamerikas vorgeführt – gerade für uns in Europa, die unterhalb der USA oft weiße Flecke auf der inneren Landkarte verzeichnen, ist das interessant und wichtig.

„Ein unvergänglicher Sommer“ ist aber dennoch keine zu schwere Kost, immerhin vergleicht Dennis Scheck den Roman mit einem im Bett verbrachten Sonntag: Die Figuren sind sympathisch gezeichnet, an Humor fehlt es der Erzählung nicht und noch dazu führt die Reise zu zarten amourösen Verwicklungen. Sowohl Richard als auch Lucía, beide mit über 60 schon ältere Semester, hatten bisher wenig Glück in der Liebe und sehnen sich schon länger nach jemandem, der mit ihnen am Frühstückstisch Zeitung liest oder einen Sonntagsspaziergang unternimmt. Natürlich dauert es einige Zeit, bis sie erkennen, dass sie diesen Jemand in jeweils anderen gefunden haben könnten und den nötigen Mut für die ersten Schritte aufbringen. Diese späte Liebesgeschichte ist emotional, aber nicht zu kitschig erzählt und schafft neben der krimiähnlichen Reisegeschichte einen angenehmen Ausgleich zu den dramatischen Schicksalen der Protagonisten.

Was diese Reise aber nun mit einem unvergänglichen Sommer zu tun hat? Das liegt eher auf der metaphorischen Ebene und offenbart sich am Ende des Romans. Trotzdem scheinen der Originaltitel „Más allá del invierno“ beziehungsweise die englische Übersetzung „In the Midst of Winter“ treffender gewählt – macht aber nichts, denn mit diesem Roman kann man zu jeder Jahreszeit in die USA verreisen.

Sie wollten in den Sommerferien verreisen, jetzt ruft aber nur Balkonien? Mit diesen Buchtipps nehmen wir Sie jede Woche mit auf eine Lese-Reise. Wir stellen Ihnen Romane vor, mit denen auch zu Hause Urlaubstimmung aufkommt. Reisen Sie mit auf den staubigen Highways der USA, in den kambodschanischen Dschungel oder auf mondbeschienene Inseln. Unsere Literarische Reiseapotheke hilft garantiert gegen Fernweh!

Isabel Allende: Ein unvergänglicher Sommer, Suhrkamp 2018, 347 Seiten

Text: Annika Depping

Weiterlesen:
>> Folge 1 – „Die Kieferninsel“ von Marion Poschmann
>> Folge 2 – „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest van der Kwast
>> Folge 3 – „Das Sommerbuch“ von Tove Jansson
>> Folge 4 – „Offene See“ von Benjamin Myers
>> Folge 5 – „Nullzeit“ von Juli Zeh
>> Folge 6 – „Der Leuchtturm“ von Jean-Pierre Abrahams

Aufruf zu einer weltweiten Lesung für die Demokratiebewegung in Hongkong

Das internationale literaturfestival berlin [ilb] ruft Individuen, Schulen, Universitäten, kulturelle Institutionen und Medien zu einer weltweiten Lesung für Meinungs- und Versammlungsfreiheit am 9. September 2020 auf. Mit diesen Lesungen soll auf die Lage der Meinungs- und Versammlungsfreiheit und der Menschenrechte in Hongkong aufmerksam gemacht werden.
 
Gelesen werden sollen die 30 Artikel der Menschenrechte, die sich in über 500 Sprachen auf der Webseite der Vereinten Nationen finden sowie gelesen von Vivienne Westwood, Nina Hoss, Can Dündar, Patti Smith, Simon Rattle, Ai Weiwei, Elfriede Jelinek und David Grossman, untertitelt in den Sprachen Arabisch, Chinesisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Hindi, Russisch, Spanisch und Türkisch über die Plattform des internationalen literaturfestivals.
 
Institutionen und Personen, die sich mit einer Lesung am 9. September 2020 beteiligen möchten, werden gebeten, folgende Informationen an das ilb zu schicken: Organisator*innen, Veranstaltungsort, Uhrzeit, teilnehmende Akteure, Veranstaltungssprache, ggf. Link zur Webseite. Die E-Mail-Adresse lautet: worldwidereading@literaturfestival.com.