Bremer Autorenstipendium geht an Jutta Reichelt und Leyla Bektaş

Zur Förderung des literarischen Nachwuchses sowie professionell arbeitender Autorinnen und Autoren hat der Senator für Kultur auch im Jahr 2020 zwei Stipendien vergeben. Bei der Neuausrichtung der Förderung – im Zuge der Bewerbung Bremens um den UNESCO-Titel City of Literature 2023 – wurde eine Verdoppelung der Dotierung vorgenommen und es wurden erstmals zwei unterschiedliche Stipendien vergeben.

Jutta Reichelt, Foto: Nikolai Wolff

Jutta Reichelt, die das Projektstipendium (5.000.-€) erhält, gibt in ihrem literarischen Essay Lebensgeschichtslosigkeit – eine autobiographische Annäherung gibt Jutta Reichelt sich und jenen Menschen eine Stimme, die ihre eigene Lebensgeschichte anzweifeln, sich selbst immer wieder in Frage stellen oder nicht genau wissen, ob das Erlebte tatsächlich genau so passiert ist, wie sie es bisher erinnert haben. Dabei geht die Autorin zwar von ihrer eigenen Biografie aus, taucht allerdings auch immer wieder in autobiographische Werke der Welt- und Gegenwartsliteratur ein, um ihr eigenes Leben an ihnen zu spiegeln. Diese Intertexte sind schlüssig eingebaut, weiten den Blick auf das Thema und wirken zusätzlich inspirierend – zugleich bleibt der Text bei allen Verweisen auf andere Schriftsteller*innen und Bücher stets geerdet. Im Kontrast zu diesen Suchbewegungen um ein Lebensgeheimnis stehen die klar strukturierten fünf Kapitel, in denen zentrale Fragen nach den (Un-)Möglichkeiten des Erzählens der eigenen Lebensgeschichte verhandelt werden.
Die Idee des Gesamtprojekts – die essayistische Tiefe und die erzählerisch-literarische Flüssigkeit – hat die Jury überzeugt; bereits der eingereichte Textauszug („Statt eines Vorworts: Das auslösende Ereignis oder Was hat dieser Text mit mir zu tun?“) weckt unmittelbar die Neugier und großes Interesse daran, den kompletten Essay möglichst bald lesen zu können. Ein Text, der lange nachhallt.

Leyla Bektaş, Foto: Janina Bunk

In ihrem Roman-Projekt Das ist nicht meine Geschichte entfaltet Leyla Bektaş, die Nachwuchsstipendium (4.000.-€) erhält, eine komplexe Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg. Die Handlung beginnt im Jahr 2017, kurz nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei. Die Ich-Erzählerin Alev, Tochter einer deutschen Mutter und eines türkeistämmigen Vaters, erfährt, dass ihr Onkel Necdet, der die Familie jahrelang zusammengehalten hat, in Istanbul im Sterben liegt. Dies ist der Ausgangspunkt einer Suche, die geprägt ist von der Hin- und Hergerissenheit der Protagonistin zwischen ihrem Alltagsleben in Köln und den „Wurzeln“ ihres Vaters.
Äußerst gelungen erscheint der Jury dabei der Versuch, die persönliche Geschichte und die Mehr-Generationen-Erzählung „zwischen“ zwei Kulturen und Sprachen mit aktuellem politischen Zeitgeschehen zu kombinieren, sodass ein „Familien-Puzzle“ der besonderen Art entsteht. Im Mittelpunkt des eingereichten Manuskriptauszugs steht Alevs Erinnerung an eine Taxifahrt vom Flughafen ins „Heimatdorf“ der Familie. Fein erzählt und stilistisch überzeugend kommen bereits in dieser kurzen Passage zentrale Themen wie Erinnerung, Identität und Sprache in kondensierter Form im Innenraum des Autos zusammen. Absolut flüssig nimmt die Erzählung ihren Lauf, in der die Autorin äußerst geschickt türkische Begriffe einarbeitet, die auf diese Weise dem Text einen ganz eigenen Ton verleihen.

Foto: Das gute Portrait

Ulrike Kuckero erhält 2020 ein Anerkennungsstipendium. In ihrem Romanprojekt Meine Freundin Ingeborg wird die Studentin Hanna plötzlich zur Seelsorgerin ihrer psychisch kranken Tante Magda. Alarmiert durch die „Mondscheinsonate“, die Magda lautstark in die Tasten ihres Klaviers hämmert, eilt Hanna herbei, muss jedoch feststellen, dass ihre Tante sich verbarrikadiert hat. Notgedrungen hockt
Hanna sich vor die Wohnungstür und beginnt, ihrer Tante Geschichten von ihrer erfundenen Freundin Ingeborg zu erzählen (eine Reminiszenz an Ingeborg Bachmann). Dies ist der starke Auftakt einer ebenso gefühlvoll wie spannungsreich erzählten Geschichte zum intimen Thema Schizophrenie, dem sich die Autorin auf überzeugende, weil sensible Art annähert. Und zwar in dem eingereichten Auszug stilistisch so gekonnt, dass der Text in jeder Hinsicht von der ersten Seite an einen Sog entwickelt, der große Lust auf den ganzen Roman macht, weshalb die Jury dieses Projekt zusätzlich auszeichnet.

Zu den Autorinnen

Leyla Bektaş, geboren 1988 in Achim, aufgewachsen in Bremen. Studierte Romanistik in Köln, Bordeaux und Mexiko-Stadt, später Literarisches Schreiben in Leipzig. Arbeitete als Dozentin für spanischsprachige Literatur an der Universität Köln. Lebt seit 2019 mit ihrem Mann und Sohn wieder in Bremen. Schreibt Prosa und Essayistisches und veröffentlichte
Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien. Arbeitet seit 2017 an ihrem Familienroman und interviewt dafür Familienmitglieder und recherchiert innerhalb ihrer deutsch-türkischen
Familie.

Jutta Reichelt (1967) lebt als Schriftstellerin und Geschichtenanstifterin in Bremen. Sie schreibt Romane, Erzählungen, literarische Essays, bloggt „Über das Schreiben von Geschichten“ und entwickelt Schreibprojekte für Schulen, Hochschulen, Theater und Museen. Sie erhielt verschiedene Auszeichnungen, darunter 2001 den Würth-Preis der Tübinger Poetik-Dozentur. Gerade erschienen ist das Buch „Blaumeier oder der
Möglichkeitssinn“, für das sie die Texte verfasst hat. Im Rahmen der Kooperation zwischen der Universität Bremen und dem Bremer Literaturkontor erhielt Jutta Reichelt im Bereich
„Kreatives Schreiben“ in diesem Wintersemester einen Lehrauftrag zum Thema „Meine Lebensgeschichte erfinde ich selbst – Anregungen zum autofiktionalen Schreiben“.

Ulrike Kuckero, geb. 1952 in Bremen, studierte Literaturwissenschaften und Anglistik in Kiel, New York City und Hamburg und hat dann viele Jahre als Grundschullehrerin in Bremen gearbeitet. 2015 lehrte sie Kreatives Schreiben an der Universität Bremen. Sie schreibt Kinder- und Jugendbücher (veröffentlicht bei Rowohlt, Thienemann, Carlsen). Zuletzt erschien das Vorlesebuch „Till Wiesentrolls schönste Abenteuer“ (Thienemann-Esslinger). Hierzu erschien auch eine dreiteilige Hörspiel-CD. Ihre Bücher sind in mehrere Sprachen übersetzt worden. Der Roman „Alice im Mongolenland“ wurde für die Shortlist des französischen Kinderbuchpreises „Les Incorruptables“ nominiert.

Der Termin der Lesung der drei Stipendiatinnen, bei der sie ihre Projekte vorstellen und Auszüge lesen, steht aufgrund der aktuellen Situation noch nicht fest, wird aber voraussichtlich Anfang des kommenden Jahres bekanntgegeben.

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