Dževad Karahasan

Jeanette Schocken Preises 2019

Dževad Karahasan, 1953 in Duvno/Jugoslawien geboren, Erzähler, Dramatiker und Essayist. Die Belagerung Sarajevos war Thema seines in zehn Sprachen übersetzten Tagebuchs der Aussiedlung (1993) und seiner beiden Romane Schahrijârs Ring (1997) und Sara und Serafina (2000). Für den Essayband Das Buch der Gärten wurde er 2004 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Karahasan lebt in Graz und Sarajevo. Der Jeanette Schocken Preis ist mit 7.500 Euro dotiert und wird seit 1991 im zweijährigen Turnus verliehen. Die Preisverleihung findet am 12. Mai 2019 im Historischen Museum Bremerhaven statt.


Bücher

Ein Haus für die Müden: Fünf Geschichten

2019
Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3518428337
239 Seiten, €24,00

Sarajevo im September 1914. In einer Zeitungsredaktion, bei der Landesbank und an anderen offiziellen Stellen treffen Briefe mit großer Verspätung, oft erst nach Jahren ein. Doch es ist nicht der Krieg, der die kaiserlich-königliche Post durcheinander gebracht hat, sondern ein verliebter Briefträger, der kürzlich auf dem Schlachtfeld des beginnenden Weltkriegs gefallen ist.Von Liebe und Verlust, Fortschritt und Erinnerung  handeln die fünf großen Erzählungen, mit denen Dževad Karahasan aus dem fernen Epochenschauplatz seines Opus Magnum, Der Trost des Nachthimmels (»ein Jahrzehnte-Ereignis«, NZZ), ins 20. Jahrhundert zurückkehrt. Der Kommunismus erreicht die bosnische Provinz. In den kleinen Städten, umgeben von einsamen, majestätischen Landschaften, spüren Karahasans Helden, dass eine Zeit anbricht, in der sie keinen Platz mehr haben. Sie verweigern sich – radikale Alte, trotzige Weltverweigerer, die auf dem Recht bestehen zu träumen, zu trauern und einfach müde zu sein.Briefe, die ihre Adressaten nicht erreichen, weil Tod und Weltgeschichte in eine Liebe hineinpfuschen, tauchen im Haus für die Müden immer wieder auf. Mit seinen weit ausschwingenden Sätzen und Reflexionen, dem hintergründigen Humor und den mystisch-phantastischen Elementen erzählt Karahasan vom Altwerden – dem Zurückbleiben in einer Welt, die sich schneller verändert, als der Einzelne sie erleben kann.

Der Trost des Nachthimmels

Roman, 2018
Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3518468371
721 Seiten, €14,00

Mit epischer Kraft, den Scharfsinn und die Ohnmacht seiner Protagonisten im Blick, schildert der große bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan, wie der heraufziehende religiöse Fundamentalismus eine blühende, von geistiger Vielfalt und Toleranz geprägte Epoche zerstört. Isfahan im 11. Jahrhundert: Unerwartet stirbt ein hochangesehener Mann und der Sohn des Verstorbenen fordert Aufklärung. An den Ermittlungen nimmt auch der Hofastronom Omar Chayyam teil, der zu dem Schluss kommt, dass der Mann vergiftet wurde. Aber was fängt er nun mit dieser Wahrheit an? Kurz darauf verdüstert sich der Horizont. Hofintrigen und soziale Spannungen bedrohen das Reich von innen, während ihm Kreuzritter und Mongolen von außen gefährlich werden. Als der berühmte Mathematiker und Dichter Chayyam Jahrzehnte später Rechenschaft über sein Leben ablegt, ist das Reich zerfallen. Eine Terrororganisation, angeführt von seinem früheren Weggefährten, versetzt die Gegend in Angst …

Das Buch der Gärten: Grenzgänge zwischen Islam und Christentum

Essayband, 2002
Insel Verlag, ISBN: 978-3458171362
192 Seiten, €19,90

Islam und Christentum teilen die Vorstellung vom Paradies als Garten. Sie entspringt der gemeinsamen geographischen Herkunft. Nur in Kulturen, die mit der Wüste vertraut waren, konnte man die Abgeschlossenheit eines bewässerten Fleckchens Erde als einen Ort der Wunder erfahren. »Im Garten träumt man und entdeckt die Liebe, gibt sich Betrachtungen hin und unterliegt den sinnlichen Versuchungen, im Garten wird aus dem Bettler ein König und umgekehrt, im Garten entdeckt man das Heilige und versöhnt sich mit dem Tod.«Dževad Karahasan untersucht den Topos des Gartens in der Bibel, im Koran und in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht. Aber er führt uns auch in den Stadtpark von Sarajevo, der mit seiner mitteleuropäischen Anlage, den Blumenrabatten, Springbrunnen und Bänken, und dem verwilderten Hügel, mit Grabsteinen und verborgenen Winkeln, die Bilder von Garten und Wüste in beiden Religionen widerspiegelt. Was Parks und Gärten über die Natur einer Stadt, über die innere Verfassung einer Gesellschaft, über ihre Idee von Glück, Intimität und Geheimnis aussagen, wie eine Ruinenlandschaft als Garten durchwandert und als Buch der Erinnerungen gelesen werden kann – all das wird so suggestiv entfaltet, daß man die west-östlichen Korrespondenzen von innen heraus begreift.

Sara und Serafina

Roman, 2000
Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3871344091
187 Seiten, €8,99

Ein junges Paar soll mit Hilfe gefälschter Taufdokumente aus dem belagerten Sarajevo herausgebracht werden. Die Aktion scheitert. Die beteiligten Retter werden von Schuldgefühlen gequält. Serafina, die Mutter, kann den Verlust ihrer Tochter und die Zerstörung einer Liebe nicht ertragen und beschließt zu sterben. Knapp zwanzig Minuten liegen zwischen Anfang und Ende des Romans, doch die wie in einer Zeitspirale erzählte Geschichte reicht zurück bis ins Jahr 1942, als Serafina, die sich Sara nannte, ihrer jüdischen Freundin nach Auschwitz folgen wollte. Dževad Karahasan, der neben Ivo Andrić bedeutendste poetische Chronist Bosniens, hat Zauber und Tragik seiner Heimatstadt nie unerbittlicher dokumentiert als in diesem Buch.

Schahrijârs Ring

Roman, 1997
Rowohlt Verlag, ISBN: 978-3871342394
472 Seiten, €8,65

Seinen Roman „Schahrijârs Ring“ hat Karahasan noch in Sarajevo begonnen, weitergesponnen hat er ihn unterwegs. Oberflächlich gesehen, erzählt das Buch die Liebesgeschichte von Faruk und Azra: er ein Esoteriker, der vor lauter Geschichten die Welt nicht sieht, sie eine moderne Frau, die das nicht erträgt und ihn fortschickt. Erst als sie Faruks zurückgelassene Erzählungen in die Hand bekommt, spürt Azra, wie nah er ihr ist. Diese Erzählungen machen den Hauptteil von „Schahrijârs Ring“ aus. Auch sie sind Liebesgeschichten, und auch sie kreisen um die Stadt – sie spielen in Istanbul und Uruk, dem mesopotamischen Urbild der Urbanität. Auf verschachtelten Ebenen durchleuchten sich die Geschichten gegenseitig – Karahasan zeigt sich als Erzähler aus dem Geist von Tausendundeiner Nacht. Die Verbindung von westlicher Intellektualität und morgenländischer Bilderwelt und Mystik macht den Roman so spannend.

Tagebuch der Aussiedlung

Essays, 1993
Wieser Verlag, ISBN: 978-3851291186
108 Seiten, €14,80

Ex-Jugoslawien: Die Wurzeln der Kriege. Deutsche Erstausgabe 1997 mit zahlreichem Karten- und Bildmaterial aus dem Norwegischen. Ein Grundlagenwerk, das den Bogen der Geschichte der Nationen und Staatsformen in Exjugoslawien von den Anfängen des Jahrtausends bis zum Vertrag von Dayton 1995 umfasst. Ein Buch, welches für ein besseres Verständnis der kulturellen, politischen, aber auch militärischen Entwicklung auf dem Balkan unumgänglich und zugleich ein Nachschlagewerk für die Zeitgeschichte ist. Das zahlreiche Karten- und Bildmaterial trägt wesentlich zur Veranschaulichung des Geschehens bei.

Veranstaltungen


Lesung des Jeanette Schocken Preisträgers Dževad Karahasan

Dževad Karahasan liest aus „Der Trost des Nachthimmels“ – ein erzählerisches Meisterwerk über Blüte und Zerfall eines islamischen Reiches

In Isfahan, der Hauptstadt des Seldschuken-Reiches, stirbt unerwartet ein hochangesehener Mann. Der Sohn des Verstorbenen fordert Aufklärung. An den Ermittlungen nimmt auch der Hofastronom Omar Chayyam teil. Er kommt zu dem Schluss, dass der Mann vergiftet wurde. Dabei hatte er versucht, den Trauernden davon zu überzeugen, dass es besser wäre, sich an den Vater zu erinnern, wie er war, anstatt dieses Bild durch Ermittlungen in Zweifel zu ziehen. Was fangen sie nun mit dieser Wahrheit an? Kurz darauf verdüstert sich der Horizont. Hofintrigen und soziale Spannungen bedrohen das Reich von innen, während ihm Kreuzritter und Mongolen von außen gefährlich werden. Doch der Sultan lehnt die Gründung eines Nachrichtendienstes zur Gefahrenbekämpfung ab. Ein verhängnisvoller Fehler. Als der berühmte Mathematiker und Dichter Jahrzehnte später Rechenschaft über sein Leben ablegt, ist das Reich zerfallen. Eine Terrororganisation, angeführt von einem früheren Weggefährten Omar Chayyams, versetzt die Gegend in Angst.

Mit epischer Kraft, den Scharfsinn und die Ohnmacht seiner Protagonisten im Blick, schildert der große bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan, wie der heraufziehende religiöse Fundamentalismus eine blühende, von geistiger Vielfalt und Toleranz geprägte Epoche zerstört.


Eintritt 10€ / ermäßigt 5€

Veranstaltungsdetails

Datum und Uhrzeit
Daten: 12.05.2019
20:00

Ort
Pferdestall Bremerhaven

Kategorie(n)


Verleihung des Jeanette Schocken Preises 2019 an Dzevad Karahasan

Verleihung des Jeanette Schocken Preises, Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur
an Dzevad Karahasan

Der Jeanette Schocken Preis – Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur wurde 1991 vom Jeanette-Schocken-Verein und der Stadt Bremerhaven gestiftet.

Durch diesen Literaturpreis soll zum einen des 6. Mai 1933 gedacht werden, als auf dem Marktplatz in Bremerhaven unter öffentlichem Beifall Bücher verbrannt wurden. Zum anderen soll Jeanette Schockens, der Witwe des Bremerhavener Kaufhausbesitzers Julius Schocken, gedacht werden. Jeanette Schocken gab nach den Novemberpogromen 1938 jüdischen Mitbürgern Unterkunft und verhalf ihnen zur Ausreise. Wegen ihrer schwer erkrankten Tochter floh sie selbst nicht. Sie wurde im November 1941 nach Minsk deportiert und mutmaßlich im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet.

Mit dem Jeanette Schocken Preis soll ein Zeichen gesetzt werden gegen Unrecht und Gewalt, gegen Hass und Intoleranz.

Laudatio: Andreas Breitenstein

Veranstaltungsdetails

Datum und Uhrzeit
Daten: 12.05.2019
11:00

Kategorie(n)