Juris Kristalle, Novelle 2012

Vom 23.07.2012 in

Die unheimlichen Denkwürdigkeiten häufen sich für den Studenten Juri: Mal huschen nicht genauer ausdeutbare Schatten über den Balkon der heimischen Wohnung, mal kauert in den endlos langen Fluren der Universität ein Mann mit einem schwarzen, bereits sehr abgetragenen Mantel hinter ihm. Als der sich erhebt und den Blick auf Juri richtet, entsetzt dieser sich zutiefst, „denn er erkannte dessen Augen: es waren die flackernden Augen Rodion Raskolnikows, die ihn da anstarrten“, jenes Mörders von Aljona und Lisaweta Iwanowna aus Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“. Sequenzen aus Juris Erfahrungswelt, weder der schier grenzenlosen Welt der Phantasie noch den wie auch immer gearteten Erfahrbarkeiten des realen Lebens zuzuordnen. Sie scheinen „irgendwie dazwischen angelegt, wie auf Durchreise“. Wundersame Formen nimmt dies an: Glühende, unnatürlich große Augenpaare gehören dazu, blutgetränkte Kleiderfetzen, scheinbar längst vergessene Mythen, die sich der Lebenswirklichkeit entgegenstellen. Auch ein Tier taucht auf, nachts in seiner Traumwelt: Buck, entsprungen aus Jack Londons „Der Ruf der Wildnis“, ihm zur Seite stehend, nicht nur in der Universität, sondern auch beim Überlebenskampf in der gehässigen Arbeitswelt einer Zeitungsredaktion.
In geradezu beängstigender Weise folgt Kerstin Fischer durch die schlickrigen und weit jenseitig liegenden Kanalgänge von Juris Innenleben. Eine poetische und dennoch realistische Auseinandersetzung mit einem Krankheitsverlauf, die voller Magie steckt.