Die Decke des Soldaten, Roman, 2000

Vom 30.07.2000 in

Valmares, Dorf an der Algarveküste in Portugal, zur Zeit der Salazar-Diktatur. Die Erinnerungen der Erzählerin kreisen um jene regnerische Nacht im Jahr 1963, als sie, die fünfzehnjährige Tochter von Walter Dias, mit bangem Erwarten die Schritte ihres Vaters hört, der heimlich die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufsteigt, um sie für sein langes Wegbleiben um Verzeihung zu bitten.
Dass er nicht ihr Onkel ist, ahnt sie nur, denn darüber wird in der großen Familie des Patriarchen Francisco Dias niemals gesprochen. Gerüchte, Vorwürfe und dunkle Erwartungen umgeben Walter – den Herumtreiber, den Schürzenjäger -, seit er das Haus fluchtartig verlassen hat und durch die Welt zieht. Ab und an erreichen Briefe die Familie, versehen mit prächtigen Vogelzeichnungen, die Walters »Nichte« heimlich sammelt. Später, als sie selbst erwachsen ist, wird sie Walter Dias in Buenos Aires aufsuchen und ihm die Fragen stellen, die sie seit ihrer Mädchenzeit umgetrieben haben. Vor dem Hintergrund des unaufhaltsamen Verfalls einer ländlich-patriarchalischen Gesellschaft entfaltet Lídia Jorge die dramatische Dynamik einer Familie – und einer Person, der alles zum Zeichen wird. Nie zuvor hat Lídia Jorge ihre Kunst der atmosphärischen Evidenz zu einem so packenden Ganzen verdichtet.

Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner.