Aus Sicht meiner Mutter (Das traurige Geschehen)

Von Jasja Mustapha

In der Hoffnung nach Frieden, Ruhe und Liebe innerhalb der Familie überließ ich meine Zukunft den Händen und Entscheidungen meiner Eltern. Diese eine verhängnisvolle Entscheidung brachte mich in eine Ehe voller Leid, doch die Gegenwart meiner Kinder stillte meinen Schmerz.

Alles begann an einem sonnigen Tag. Ich war gerade fünfzehn geworden, ich kam wie gewohnt von der Schule nach Hause. Bereits an meines Vaters Blick bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte. Langsam bekam ich Angst, ich fragte mich, was wohl mit ihm los sei, vielleicht hatte er nur schlechte Laune, doch als er in mein Zimmer kam, wusste ich sofort, dass etwas passiert war. Einige Minuten schwieg er, dann fing er an zu sprechen: „Du wirst heiraten! Meine Tochter!“ Ich wusste, dass es kein Spaß war, denn wenn mein Vater etwas sagt, ist es für mich und meine dreizehn Geschwister Gesetz. So waren die Regeln bei uns.

Aber warum genau ich, was habe ich nur falsch gemacht? Eine Frage nach der anderen drehte sich in meinem Kopf. Und warum genau jetzt? Seit ich dreizehn Jahre alt geworden war, war ich meinem Cousin versprochen. Doch durch einen Familienstreit war ich nicht mehr gezwungen, meinen Cousin zu heiraten. Ich weiß nun weiterhin nicht, wieso ich genau jetzt heiraten muss. Und vor allem, wen soll ich dann heiraten? Mein Cousin kann es nicht mehr werden, durch den Streit ist ja alles geplatzt. Ich kann seit Tagen nicht schlafen, ich versteh das alles einfach nicht. Wieso ich? Und warum genau jetzt? Was ist bloß passiert? Ich habe so viele offene Fragen. Ach, ich hab so viel Angst vor all dem, was wird wohl auf mich zukommen? Spaß von meinem Vater kann es nicht gewesen sein, bei so was würde er niemals Spaß machen. Oh! Mann! Und was, wenn ich wirklich heiraten werde? Was soll ich machen? Aber ich hab keine andere Wahl, ich muss es tun!

Ich respektiere jede Entscheidung, die mein Vater trifft: Ich würde ihn niemals verletzen wollen. Dafür hat er viel zu viel durchgemacht, sein eigener Vater starb, als er drei Monate alt war. Außerdem hat er im Libanon den Krieg erlebt und durch ihn viele Familienmitglieder verloren.

Morgens sagte meine Mutter zu mir, dass ein Junge aus meiner Klasse, der mich seit langer Zeit liebt, um meine Hand angehalten habe. Mein Vater war völlig dagegen, ein Türke würde für ihn niemals, niemals in Frage kommen. Und Vater will mich deswegen so schnell wie möglich verheiraten, weil er Angst hat, mich an einen Türken zu verlieren. Es kam für ihn nur ein Araber in Frage, noch besser wäre jemand aus der Familie. Leider hatte einige Zeit zuvor ein Junge um meine Hand angehalten, der auch noch Araber und verwandt mit uns war. Alles passte für meinen Vater, einfach alles kam auf einen Schlag. Außerdem besuchte ich momentan die 10. Klasse und die Abschlussprüfungen standen an. Ich liebte meine Schule und den Unterricht und vor allem meine Freunde. Leider musste ich mich auch noch von heute auf morgen von der Schule verabschieden. Mein Vater hatte mich abgemeldet. Jetzt stehe ich da ohne Abschluss, ohne nichts, bald muss ich mich auch noch von meinen eigenen Eltern verabschieden.

Ich kann das alles nicht verstehen, was habe ich nur falsch auf dieser Welt gemacht, um sowas zu verdienen? Ich bin noch ein Kind, man erwartet von mir, in eine komplett andere Stadt zu ziehen, achthundert Kilometer entfernt von meinen Eltern zu leben. Meine Geschwister und meine Eltern sind alles für mich, alles was ich habe. Wie werde ich es schaffen, ohne sie zu leben? Die Tage wurden kürzer, und die Nächte wurden länger und plötzlich stand mir der größte Eingriff in meine Zukunft bevor: die Ehe mit einem Mann, den ich zuvor noch nie in meinem Leben gesehen habe. Ich fragte mich, wie er wohl ist, wie seine Familie mich aufnehmen wird und ob sie mich wohl mögen werden? Man erwartete von mir, frühzeitig erwachsen zu werden. Im Alter von sechzehn Jahren zog man mich in eine neue Welt hinein. In eine Welt, die in den Augen meines Vaters stattfinden sollte… Ohne Wenn und Aber.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Mittlerweile bin ich Mutter von sechs Kindern, vier Jungs und zwei Mädchen. Mein erstes Kind bekam ich damals mit siebzehn. Vieles ist auf meinem Weg hierhin passiert, vieles musste ich durchmachen, ich musste mich gegen viele Menschen stellen und meinen Willen durchsetzen. Zwar war es schwer, ich habe Vieles durch die Trennung von meinem Mann verloren. Meine jüngere Schwester und ich haben seit über zwei Jahren kein einziges Wort miteinander gesprochen. Diese Scheidung trennte mich nicht nur von meiner Schwester, selbst von meinen eigenen Kindern wurde ich jahrelang getrennt. Man stellte mich vor die Wahl: Entweder würde ich bleiben und alles akzeptieren oder aber ich würde mich scheiden lassen und die Wohnung verlassen ohne meine Kinder. Die Kinder, die ich auf diese Welt brachte, meine Kinder, die ich neun Monate im Bauch getragen habe und für die ich alles nach wie vor tun würde. Kein Mensch auf dieser Welt hat mich verstanden, wie es sich anfühlt, jahrelang schlecht behandelt zu werden. Mit sechsundzwanzig Jahren sechs Kinder zu haben, und heute bin ich dreiunddreißig.

Man trennte mich von meinen Kindern. Ich hatte in Bremen niemanden, keine Familie, nichts. Ich musste zu meinen Eltern ziehen, achthundert Kilometer entfernt, musste ohne meine Kinder leben. Es gab Tage, da fuhr ich stundenlang, nur um meine Kinder für eine Stunde zu sehen. Und dann wollte man mir die Kinder nehmen, nur weil ich mich scheiden ließ. Der Kampf um die Kinder war so schwer, mehrere Jahre habe ich gebraucht, um genauer zu sein: zwei Jahre; ich habe alles gegeben was ich konnte. Ich war so kraftlos und kaputt, trotzdem versuchte ich, stark zu bleiben, und kämpfte weiter. Selbst die Kinder haben so vieles durchgemacht, ich wünschte, sie hätten diesen Schmerz nie miterleben müssen. Ich kenne diesen Schmerz, ohne Mutter leben zu müssen. Es gab Zeiten, da konnte ich nicht mehr, ich wollte einfach aufgeben und abhauen, es war so schwer für mich, jede Nacht war wie eine Qual, ich habe nie schlafen können. Ich habe es nie verstanden: Was habe ich denn falsch gemacht? Ich wollte nur meine Kinder und deswegen machte man mir das Leben so schwer und kaputt.

Heute bin ich glücklich und bereue nichts, ich lebe mit meinen Kindern zusammen. Es war hart, doch der Kampf hat sich gelohnt, ich bin glücklich, meine Kinder heute bei mir zu haben. Sie sind alles für mich und für sie würde ich alles auf dieser Welt aufgeben.

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