Anja Deutsch: „Junge an der Kreuzung“

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Foto: Victor Ströver

Schon seit zehn Minuten steht ein Junge an der Kreuzung. Ich sehe aus meinem Augenwinkel, dass er mich beobachtet. Seltsam. Ich schaue ihn an, der Junge guckt mich auch kurz an, dann schaut er wieder weg. Er hat braune, verwuschelte Haare und trägt eine Lederjacke. Er lehnt an einer Wand und am Fuß steht seine Schultasche. Er kommt mir bekannt vor – aber woher bloß?

Ich gehe langsam auf ihn zu, vielleicht erkenne ich ihn aus der Nähe ja besser. Aus einer Wohnung im 1. Stock hört man Hilfeschreie, ich mache mir Sorgen. Obwohl es recht kühl ist, sitzt ein Mädchen mit einem kurzärmeligen T-Shirt in einem geöffneten Fenster und hört laut Musik. Sie denkt bestimmt über dieses englische Lied nach. Eine Mutter zerrt ihre Kinder über die Ampel. Mmh … Heute ist echt ein seltsamer Tag. Plötzlich entdecke ich, dass der Typ mit der Lederjacke verschwunden ist. Ich laufe schneller und entdecke ihn einfach nicht. Er kann doch nicht so schnell abhauen! Eine Gruppe Jugendlicher stürmt aus dem Frisör-Salon raus, aber da ist der Typ auch nicht dabei. Das kann doch nicht wahr sein …

Ein Mann sieht mich komisch an, aber ich drehe mich um und halte weiter Ausschau nach dem seltsamen Typen mit der Lederjacke. Er geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Ich laufe die Kreuzung entlang, Richtung Walle Center. Plötzlich tippt mir jemand von hinten auf die Schulter – der Typ steht vor mir! Steht einfach da. Wir kommen ins Gespräch und stellen fest, dass wir uns aus der Grundschule kennen – es ist Mike! Wir waren damals beste Freunde. Ich merke, wie sehr ich ihn vermisst habe und mich nach so einem Freund sehnte. Wir sind damals durch dick und dünn gegangen und waren sozusagen Bruder und Schwester. Wir sind nach der Grundschule auf unterschiedliche Schulen gekommen und haben uns aus den Augen verloren. Fast hektisch frage ich ihn nach seiner neuen Adresse und (Handy)-Nummer – das wird mir nicht noch mal passieren! Und dann quatschen wir über die alten Zeiten und verabreden uns direkt für den nächsten Tag. Es ist wunderbar – endlich sind wir wieder vereint …

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