Vom Norden Afrikas nach Europa

Von Amina Louaye

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Wie jeden Tag in der Schule scherzte ich mit meinen Freundinnen rum. Wir erzählten uns Witze und hatten unseren Spaß. Bis dahin wusste ich noch nicht, dass dieser Spaß mein Leben komplett auf den Kopf stellen würde.

Wie üblich gingen wir an jenem Tag durch die Schule und lachten. Wir waren jung und haben nicht viel nachgedacht. Als wir nach dem Schulunterricht in den Schulbus steigen wollten, um nach Hause zu fahren, da es schon spät am Nachmittag war und der Koran-Unterricht gleich anfangen sollte, bemerkten wir im Gang, dass überall Zettel aushingen mit den Überschriften ,,Frankreich“, ,,Belgien“, ,,Spanien“ und ,,Deutschland“. Es waren Listen, in die man sich eintragen konnte, um in diesen Ländern die Schule zu beenden. Aber dies konnte man nur, wenn man wirklich schlau genug war. Meine beste Freundin Salma und ich waren die Klassenbesten – dennoch haben wir diese Listen nicht ernst genommen. Für uns war es schon immer ein Traum, irgendwann nach Frankreich zu ziehen und ein besseres Leben dort zu führen.

Von Nordafrika nach Europa – davon träumen doch die meisten, die noch heute in meiner Heimat leben. Als wir uns gerade zum Spaß bei der Liste ,,Frankreich“ eintragen wollten, kam Salma auf die brillante Idee, dass wir uns doch bei ,,Deutschland“ eintragen sollen, da ja alles nur ein Spaß sei.

Gesagt, getan. Ich habe mir nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht und bin in den nächsten Bus gestiegen, den nach Hause. Meine acht Geschwister warteten schon auf mich, damit wir zusammen essen konnten.

Nach dem Essen ging es dann für uns alle zur Koran-Schule, wie für alle anderen Schüler, die in Marokko leben.

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Wochen vergingen und ich hatte den Scherz, den ich mir mit Salma erlaubt habe, schon längst vergessen.

Salma und ich saßen wie jeden Tag im Unterricht nebeneinander, die Lehrer verwechselten uns oft, aber das war eigentlich ganz lustig. Im Laufe des Tages kam dann der Direktor zu uns und erzählte uns plötzlich, dass wir nach Deutschland fliegen würden.

Ich war fassungslos, ich glaubte seinen Worten nicht. Nach einer Weile habe ich dann endlich realisiert, dass es kein Spaß war. Wie soll ich das meinen Eltern erklären? Wie soll ich in einem fremden Land zurechtkommen? Fragen über Fragen. Mein Kopf explodierte förmlich. Ich wusste trotz allem nicht, was ich fühlen und davon halten sollte. Einerseits war ich glücklich darüber, da ich es legal nach Europa schaffen konnte und es nicht wie andere versuchen müsste, mit dem Boot über die Grenze Spaniens zu kommen. Meine Noten waren so gut, dass die mich in Deutschland haben wollten.

Das alles habe ich meine Eltern zu verdanken, die mich immer motiviert haben zu lernen für ein besseres Leben. Andererseits hatte ich große Angst, in einem Land, dessen Sprache ich nicht einmal beherrschte und in dem ich niemanden kannte, zu leben. Ich hatte Glück, dass Salma und ich angenommen worden sind, aber was sagen unsere Eltern dazu? , fragte ich mich. 

Wir beiden hatten sehr strenge Eltern. Wir durften nicht alleine rausgehen und Jungs waren ein komplettes No-Go. Also wie werden sie reagieren, wenn ihre Töchter auf einem anderen Kontinent und in einem fremden Land alleine zur Schule gehen werden?

Ich zitterte. Meine Augen tränten ein bisschen, da ich Angst vor ihrer Reaktion hatte.

Abends waren wir alle im Wohnzimmer versammelt. Ich nahm all meinen Mut zusammen und erzählte es meiner ganzen Familie.

Überraschenderweise fingen meine Eltern an, vor Freunde zu weinen: Eines ihrer Kinder hatte es geschafft! Die bessere Welt! Europa! Meine Familie hat sich für mich gefreut. Salmas Familie hat sich ebenfalls gefreut. Zwei beste Freundinnen in einem fremden Land, das kann ja ein richtig gutes Abenteuer werden.

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Monate vergingen und der Tag der Ausreise kam immer näher. Endlich war es dann soweit: Ich fliege nach Deutschland!

Meine Eltern, meine Schwester und meine drei Brüder brachten mich zum Flughafen. Wir mussten alle ziemlich viel weinen, als wir uns verabschiedeten.

Und als ich das erste Mal in meinem Leben ein Flugzeug betrat, wusste ich, dass ich nicht mit leeren Händen wieder zurückkehren konnte. Schließlich hatte meine liebe Mutter ihr Gold für mich verkauft – nur damit ich meinen Traum leben konnte.

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Nach vier Stunden Flug sind wir in der Stadt Bremen gelandet. Alles war so anders. Die Menschen hier sahen aus wie im Film. Ich traute meinen Augen nicht. Ich habe es geschafft!

Die ersten Monate vergingen damit, dass wir Deutschunterricht kriegten und immer mehr Menschen kennenlernten. Es waren spannende, lustige und einsame Monate.

Ein Jahr verging und ich war endlich fertig mit meiner Schule. Ich habe für paar Monate in einem Restaurant gearbeitet, wo ich mich aber mit den Leuten nicht allzu gut verstanden habe. Ich wusste, es war Zeit für was Neues, also fing ich an, bei Mercedes zu arbeiten, wo ich später auch meinen Ehemann kennenlernte.

Und heute habe ich mit ihm zwei wundervolle Kinder. Ich besuche jedes Jahr meine Familie in Marokko und werde nie vergessen, was ich für ein Glück hatte und woher ich komme.

Das war der Weg meiner Mutter nach Deutschland.

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