Whitney Ibrahim & Kübra Tutyemez: „Der Morgen danach“

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Foto: Victor Ströver

Es ist 10:15. Melissa und Jenny sitzen an der Haltestelle und trauen sich nicht, nach Hause zu gehen. Sie haben die letzte Nacht auf der Party von Kevin Krause verbracht, während ihre Eltern dachten, dass sie gemeinsam lernen würden.
„Ich hab Angst, dass mein Vater das rauskriegt! Der bringt mich doch um!“ Melissa greift sich in die dunklen Haare und macht ein panisches Gesicht. Sie fühlt sich immer noch betrunken. Nicht so wie gestern, aber immer noch nicht ganz da.
„Hör auf so rum zu stressen!“, zischt Jenny und zieht ihren extra kurzen Mini-Rock zurecht. Den Rock hat Kevin ihr geschenkt. Er hat gesagt, dass er sie super scharf findet, wenn sie so etwas trägt – auch wenn sie nicht die dünnsten Beine hat.
„Die ganze Zeit jammerst du wie ein Baby! Kev hatte Recht, du bist die totale Langweilerin!“
Melissa schlägt traurig die Augen nieder, sie hat keine andere Freundin und wenn sie Jenny so reden hört, dann ist die genauso gemein, wie ihre Mitschüler.
„Ich hab voll die Kopfschmerzen!“, stöhnt Jenny und lehnt den Kopf an die kalte Scheibe der Haltestelle. Melissa sagt lieber nichts dazu, sie spürt, wie ihr die Gänsehaut langsam an den nackten Beinen hoch kriecht. Wieso hatte sie sich von Jenny überreden lassen, so wenig anzuziehen?

Auf einmal ruft eine tiefe, männliche Stimme: „JENNY! SCHATZ! BABY! Beide drehen den Kopf zur Seite und schauen sich nach dem Jungen um. Sie erkennen sofort, dass es Kevin ist. Kevin, der schon studiert und viel älter ist als sie. Und der so gerne andere verarscht. Zwei junge Männer sind mit ihm unterwegs und haben so viele  Bierflaschen dabei, dass sie sie kaum tragen können.
Jenny strahlt und springt auf. „KEVIIII!“ Sie wirft ihm eine Kusshand zu, die Jungs grölen und Melissa zieht die Schultern hoch. Jetzt erkennt sie auch, wer die beiden anderen sind: Alex und Justin.
Justin ist im Grunde genommen an allem Schuld! Er hatte dafür gesorgt, dass aus einer harmlosen Jugend-Party mit Cola, Flaschendrehen und Kesha-Songs ein Trink-Festival wurde. Er ist Alex und Kevins älterer Nachbar und schon 30! Seine Frau hat ihn verlassen, weil er lieber an seinem Auto rum schraubt, als Zeit mit seiner Tochter zu verbringen. Vielleicht macht es ihm deshalb Spaß, das Leben anderer Jugendlicher, die noch eine Chance haben, zu versauen?!

„Was macht ihr denn hier?“ fragt Jenny und lässt sich von Kevin eine Hand um die Schulter legen.
„Wir haben dich gesucht, Baby! Wir wollen noch ein bisschen Spaß haben!“ Kevin nickt seinen Kumpels zu.
„Oh, wenn du meinst …“, lächelt Jenny und kichert.
„Nein, Jenny!“ Melissa reißt die Augen auf. „Wir wollten doch nach Hause und unseren Eltern alles erzählen, du hast es mir doch gerade …“
Jenny stampft mit dem Fuß auf und schaut ihre Freundin missbilligend an. „Wer hat dich denn gefragt, Glubschauge?“
Melissa unterdrückt den Drang, laut los zu heulen und nach ihrer Mutter zu rufen.
„Sei nicht so fies, mein Schatz.“ Kevin küsst Jenny auf den blonden Kopf.
„Dann kommt Mädels!“ Justin reicht Jenny eine Flasche. Melissa schaut gebannt zu, wie Jenny ohne zu zögern einen großen Schluck nimmt und Kevin dann anlächelt. Er soll unbedingt merken, dass sie mindestens so cool ist, wie die älteren Mädchen, die er kennt.
„Kommst du Melissa?“ Alex traut sich nicht, ihr in die Augen zu sehen. Er weiß, dass es falsch ist, was sie tun, aber er weiß auch, dass er unbedingt eine Freundin haben möchte – und dass er sich deswegen mit Kevin anfreunden muss.

Melissa sucht in ihrem Rucksack nach ihrem Handy, um ihre Eltern zu informieren. Sie will es heimlich tun, sie macht ein paar Schritte zur Seite, damit niemand etwas davon mitbekommt, aber Jenny bemerkt es und löst sich aus Kevins Umarmung. Wütend schlägt sie Melissa das Handy aus der Hand. Die Jungs machen große Augen und sehen, wie das Handy in hohem Bogen auf den Schienen landet.
„NEEEIIN!“ Melissa streckt die Hand aus, als könne sie so den Aufprall verhindern, aber es ist zu spät. „Das war mein Weihnachtsgeschenk!“, sie rauf sich die Haare. Jenny sieht auf einmal ganz schuldbewusst aus.
„Sorry, Melissa! Das wollte ich nicht!“ Auch Alex sieht ganz unglücklich aus und murmelt, „ich hol das eben.“ Doch in dem Moment kommt die Straßenbahn und fährt eiskalt über das Handy. Eine Minute lang sagt niemand etwas. Dann prustet Kevin laut los. „War eh ein Schrottteil!“ Er klatscht Jenny auf den Arsch. „Lass uns gehen!“
Jenny schaut Melissa kurz an, dann wirft sie einen ebenso kurzen Blick auf die Metallreste und dreht sich vollkommen gleichgültig zu den Jungs um. Melissa ist so weiß geworden, dass sie wie ein bebrillter Geist wirkt.
„Meine Eltern killen mich“, flüstert sie erneut.
„Krieg dich ein! Ich kauf dir ein Neues, Heulsuse!“ Sie schaut überrascht zu Kevin, und fragt sich, was das zu bedeuten hat. Hat er Schuldgefühle? Oder verschenkt er Handys wie andere Menschen Taschentücher?
Melissa ist das plötzlich alles egal, sie schnappt Justin eine der Flaschen aus der Hand und nimmt einen kräftigen Schluck. „Lasst uns die Schule schwänzen, Leute!“, ruft sie so laut, dass sich zwei ältere Frauen auf der anderen Straßenseite umdrehen.

10:38 Lachend balanciert Melissa auf einem Fahrradständer und findet es auf einmal unglaublich lustig, dass sie ihr Gleichgewicht gar nicht mehr halten kann. Alex schaut ihr rauchend dabei zu – er raucht schon seit der 8. Klasse. Kevin und Jenny unterbrechen ihre wilde Knutscherei nur, um aus derselben Flasche zu trinken. Vielleicht hätten sie verliebt gewirkt, wenn sich Kevin`s Hand nicht unter Jenny`s Rock geschoben hätte. Und Justin? Der schaut vergnügt dabei zu, wie diese Jugendlichen alles dafür tun, dass ihr Leben bald genauso scheiße sein würde, wie sein eigenes. Er scheint diesen Gedanken sogar zu genießen.

10:41 Die beiden Polizisten haben gerade das Polizeirevier neben dem Walle-Center verlassen und beginnen ihre gewöhnliche Streifenfahrt. Tony hat sein Fenster geöffnet, denn sein Kollege Harry riecht heute mal wieder besonders intensiv nach Zwiebelringen. Leise läuft das Radio, irgendwo ist ein Geisterfahrer unterwegs.
„Hörst du das, Tony?“
„Was meinst du?“ Harry hört auf, mit der Tüte zu rascheln und versucht, etwas zu sehen. Er muss sich sehr recken, denn er ist sehr dick und sehr klein, was keine gute Kombination ist.
„Na, hier ist doch irgendwo Party!“
„Das sollten wir uns mal aus der Nähe ansehen!“
Die Jugendlichen bemerken den sich nähernden Polizeiwagen nicht. Sie haben Spaß. So viel Spaß, wie schon lange nicht mehr. Sie sorgen sich nicht um die Schule, nicht um ihre Eltern und noch nicht einmal um ihr Image. Es ist ihnen vollkommen egal.

10:43 Der Wagen hat nun angehalten. „Ich kann gar nicht glauben, dass deine Frau dich noch nicht verlassen hat – bei diesem Gestank!“ Tony hält sich die Nase zu und wirft einen Zwiebelring, der aus der Tüte gefallen war, nach Harry. „Fahr schon weiter, sind doch nur ein paar besoffene Punks.“
„Dafür sind die aber ganz schön ordentlich angezogen.“ Tony kurbelt das Fenster herunter.
„HEY IHR!“ Tony steigt aus.
„Habt ihr keine Schule?“ Die Lacher verstummen.
„Was?“ ruft Alex und hält eine Hand hinter sein Ohr, als hätte er den Polizisten nicht verstanden.
„Ob ihr keine Schule habt?“ fragt Tony ruhig und legt eine Hand an seinen Waffengurt.
„Sind Sie ein Bulle – oder was?“ Alex sieht ihn durchdringend an.
„Polizist“, verbessert Tony mit schmalen Augen.
„Officer“, lallt Kevin und torkelt auf den Mann zu. „Officer, ich liebe Jenny, ich liebe sie wirklich!“ Jenny kichert und klatscht in die Hände.
„Habt ihr was getrunken?“, fragt Tony und beobachtet, wie Melissa vom Fahrradständer springt und schreit: „Ich kann fliegen!“.
„Wir sind nicht betrunken, Officer!“, lallt Kevin weiter. „Überhaupt nicht, Officer!“, bestätigt Alex und lacht. Die beiden hören sich an, wie aus einem Teenager-Film.
„Ich bräuchte dann mal eure Personalien.“
Justin verschränkt die Arme und macht einen Schritt in Richtung des Polizisten. „Sie sehen doch aus wie ein Erwachsener – sind Sie der Vater von einem der Kinder?“
Justin lacht und formt mit den Lippen ein lautloses: LAUFT. „Was?“, murmelt Alex, während die Mädchen sich erschrocken ansehen und sich nicht trauen, irgendetwas zu sagen. „Lauft ihr Ärsche!“, hören sie jemanden zischen und dann sehen sie, wie Kevin und Alex losrennen. Melissa und Jenny stehen wie eingefroren, wie in einer Schockstarre.
„Was sollen wir nur tun?“, flüstert Melissa. „Ganz ehrlich?“ Jenny seufzt und schaut verschämt zu Boden. „Ich weiß es nicht!“ Melissa laufen Tränen über die Wangen. Sie hat Angst wie noch nie in ihrem Leben. Ihr Handy ist kaputt, sie trägt aufreizende Klamotten, hat eine Party mit sehr viel älteren Jungs gefeiert, die Schule geschwänzt und betrunken ist sie auch noch. Ihr Herz klopft so laut, dass Jenny es bestimmt hören kann.

10:47 Harry steigt aus dem Wagen, in der Hand eine Chipstüte. Melissa rückt ihre Brille zurecht. „Ich kann das alles erklären …“ Harry lacht brummend. „Das wollen wir doch hoffen, oder Tony?“ Tony nickt. „Ich hätte da einen Vorschlag. Wir bringen Euch jetzt zu euren Eltern – und dann erklärt ihr euren Eltern und uns beiden, was das hier für eine Geschichte ist – dann müsst ihr es nicht zweimal erzählen. Gute Idee?“ Tony lächelt, als hätte er sie zu einem Eis eingeladen. „Oh scheiße!“, zischen Jenny und Melissa gleichzeitig und trotten mit hängenden Schultern zum Polizeiauto.

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