29. Januar 2010, Weser Kurier
Von Schülern und ihren Superhelden

Sorgfältig kontrolliert ein Mädchen in der zweiten Reihe ihre frisch blondierten Haarspitzen. Zwei Meter weiter stößt ein Junge seinem Nachbarn den Ellenbogen in die Seite. Die Neuntklässler der Gesamtschule West aus Gröpelingen sitzen in einem Halbkreis um Finn-Ole heinrich, noch wissen sie nicht genau, was auf sie zukommt. Ihr Gekicher belebt die kühl-gediegene Atmospähre des Wall-Saals im alten Polizeihaus.
"Denkt euch als erstes einen Superhelden mit Superkräften aus, und überlegt als nächstes, woher er diese Kräfte hat", fordert der 27-Jährige die Schüler auf. "Ihr könnt richtig rumspinnen und Quatsch schreiben, lasst eurer Fantasie freien Lauf." Etwas unsicher greifen die Jugendlichen zu ihren Stiften, einige schreiben sofort los, andere fragen, wie lang der Text werden soll und ob auch dieses oder jenes Thema geht.
Einfach rumspinnen, da tun sich viele schwer, sagt Finn-Ole heinrich, dabei ist es so wichtig, mal alles rauszulassen, die Fesseln der Realität zu sprengen, abzuschweifen und Neues zu erschaffen. "Man ist oft viel zu beeindruckt von dem, was einen umgibt." Deshalb liest er so gut wie keine Bücher mehr, auch Filme schaut er selten, obwohl er bis vor kurzem noch Filmregie in Hannover studierte. "Die Kommilitonen haben am Tag zwei Filme gesehen und sich ein enorm thoretisches Wissen angeeignet. Aber ihre Produktivität haben sie total beschränkt - immer hieß es, das hat doch schon der eine oder andere Regisseur gemacht."
In Filmen erzählt er Geschichten, die als Texte nicht funktionieren würden. Reiseberichte, Begegnungen, Momentaufnahmen - so etwas in der Art. Mit einer Produktionsfirma und einem Fernsehsender plant er gerade die Verfilmung einer Geschichte aus seinem ersten Erzählband "die taschen voll wasser". Es geht um drei polnische Jungen, die davon leben, Kohlen von Zügen zu klauen und diese auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Die Jungen sparen für ihr großes Ziel, nach Berlin auszuwandern und die Armut hinter sich zu lassen.

Ziele, Träume und Konflikte
Finn- Ole heinrich schreibt gerne über Jugendliche, ihre Ziele, Träume und Konflikte. In seinem bisher erfolgreichsten Buch "Räuberhände" erzählt er die Geschichte von Janik und Samuel, die zusammen nach Istanbul reisen, auf der Suche nach einem freien und selbstbestimmtem Leben. Doch zwischen ihnen steht immer wieder ihre Herkunft, Janik´s liberal-bürgerliches Elternhaus und Samuels alleinerziehende Mutter, die sich als verwahrloste Alkoholikerin durchs Leben schlägt. In Istanbul hofft Samuel, seinen unbekannten Vater zu finden.
Für seine Arbeiten erhielt der Hamburger bereits zahlreiche Preise und Stipendien. Es läuft gut für ihn, allein in den letzten drei Jahren wurde er zu 500 Lesungen in der ganzen Budesrepublik eingeladen. Seit das neue Werk "Gestern war auch schon ein Tag" auf dem Markt ist, reist er ununterbrochen von Stadt zu Stadt, davon lebt er, denn der Buchverkauf allein reicht dafür nicht aus. "Das ist wie bei einer Punkband, die muss auch in tausend Garagen spielen, bis die Leute freiwillig kommen und Eintritt zahlen."
Die meisten Schüler sind fertig, vor ihnen liegen die frisch beschriebenen Seiten. "Wer will vorlesen?", fragt Finn-Ole Heinrich in die Runde. Unsicher gucken die Jugendlichen nach rechts und nach links, gucken, wieviel die anderen geschrieben haben. Es dauert etwas, bis ein Mädchen sich traut. Ihr Superheld ist ein Hund, der, wenn er auf eine Stelle pinkelt, die Natur schlagartig zum Erblühen bringt. Wo das Tier durch die Stadt streift und sein Bein hebt, hinterlässt er ein Meer bunter Blumen, Gräser, Sträucher und Bäume.
Andere Schüler lesen vor, erst vereinzelt, dann wollen alle. Ob Zeitmaschinen, Gedankenleser oder Krakenmenschen. Nach jedem Text gibt Finn-Ole Heinrich Tipps, überlegt mit den Neuntklässlern, wie man die Story weiterspinnen könnte. Er ist begeistert. "Man merkt richtig, dass da was ins Rollen gekommen ist." Besonders gefällt ihm die Geschichte eines Jungen, dessen Superheld eine Heizung ist, die auf Stufe fünf steht und immer neben ihm herrollt. "Super! Das hat Realitätsbezug und ist gleichzeitig totaler Quatsch", sagt der 27-Jährige. "Wenn du dir jetzt noch überlegst, was geschieht, wenn der Junge eine Verabredung mit einem Mädchen hat und die Heizung ständig im Weg ist, wird´s richtig spannend."

Von Uwe Wichert

Literaturhaus Bremen