Schomacker, Tim

»Meine Daten sind bekanntlich unzuverlässig.«
J. L. Borges

»Throw away your books, throw away your images,
keep away from me with your metaphor!«
M. Ribot

Foto: Johann Peter Eickhorst

Kontakt
 
Vita
Geboren 1973, lebt und arbeitet in Bremen.
Studium der Geschichts-, Literatur- und Politikwissenschaften an den Universitäten Münster und Oldenburg.

Kulturjournalistische Beiträge unter anderem für »taz«, »jungle world«, »konkret«, »Kreiszeitung« und »Radio Bremen«.
1996 bis 2005 Redakteur der Literaturzeitschriften »GrauZone« (Freiburg) und »STiNT« (Bremen).
Seit April 2006 Redakteur, Moderator und Formatentwickler des freien Radio- und Zeitungssenders SCHWANKUNGEN. In Zusammenarbeit mit der Rudolf-Alexander Schröder-Stiftung konzipiert und produziert er seit 2009 den Podcast zum Literaturfestival Literarische Woche Bremen.
Seit Sommer 2008 hat er als Experte ein Bücherregal bei readme.cc. Für 2011 ist der Aufbau einer Audioschiene für dieses Leserportal in Arbeit.

Seine literarische Arbeit wurde mit dem Bremer Autorenstipendium 2004 gefördert.
Als »Writer in Residence« im Literaturhaus Bremen dokumentierte er 2006 den Fortgang eines Langzeitromanprojektes über die Geschichte jüdischer Jazzmusik in New York City im Rahmen des Projekts »papierfiguren / Schreiben am Netz«.
Im Februar 2007 realisierte er gemeinsam mit Urbanscreen und dem Literaturhaus Bremen: »Viertelvorzwölf« - eine Gemeinschaftsarbeit mit dem Autorinnen-Kollektiv Fräulein Schmiss.

Mit einem kurzen Text über die Einwechslung des Spielers Hugo Almeida beteiligte er sich 2010 am Kunst/Literatur-Programm Der 35ste Spieltag.


Als Musiker und Klangperformer ist er Mitglied des Musik-Aktions-Ensembles KLANK. Neben Konzerten als improvisierendem Quartett enstehen abendfüllende Konzertereignisse wie GROSSES LERNEN (frei nach Cornelius Cardew) (2009), "StadtKLANK. MusikAktion für Waiblinger in KlangGängen mit SchlussKollektiv" (2010).

Gemeinsam mit Reinhart Hammerschmidt Gründer der Agentur on Demand für Text, Grafik, Idee, Konzept NBK.



 
Veröffentlichungen (Auswahl)
neustadtvonwegen
kunst_freiraum_stadt
Ein Bilderbuch
Gestaltung: Ole Kaleschke
Text: Tim Schomacker
Bremen: kulturg.u.t 2008



"Da sind Sie ja! Ich hatte schon mit Ihnen gerechnet. Setzen Sie sich doch.
Bequem? Gut! Jetzt wollen Sie sicher wissen, wer ich bin. Ich bin ein Buch über die Neustadt. Neustadt - von wegen. Haben Sie vielleicht gelesen. Aber das W muss groß. Von Wegen. Zum Gehen.
Ich will Sie nämlich zu einem Spaziergang einladen..."


BREMENBUCH
Hrsg. von Jörg Sundermeier, Werner Labisch, Radek Krolczyk
Berlin: Verbrecher Verlag 2008

Bremen liegt an der Weser. Früher gab es Kolonialwarenhändler, Werften, Räterepublik und die rote Kaderschmiede, aber das ist lange her. Nach wie vor essen die Bremer Labskaus und Kohl mit Pinkel, exportieren Beck's und die Bremer Stadtmusikanten in alle Welt, lieben Paula Modersohn-Becker und Tim Fischer, sind natürlich für Werder und stolz auf Schnoorviertel, Böttcherstrasse, Roland, Dom und Überseemuseum. Doch was ist die Stadt, die zusammen mit ihrer Hafendependance in Niedersachsen das kleinste Bundesland bildet, wirklich?
Texte und Bilder von Nina Bittcher, Peter O. Chotjewitz, Detlev Claussen, Knud Kohr, Rudolf Lorenzen, Eric Peters, Linus Volkmann, Germar Grimsen, Sven Regener, Tim Schomacker, Arn Strohmeyer und vielen anderen.

ON RULES AND MONSTERS
Essays zu Horror, Film und Gesellschaft
Hrsg. von Benjamin Moldenhauer, Christoph Spehr und Jörg Windszus
Hamburg: Argument Verlag 2008
192 Seiten
9,90 Euro


Mit Beiträgen von Linnie Blake, Jörg Buttgereit, Udo Franke-Penski, Dietrich Kuhlbrodt, Verena Kuni, Benjamin Moldenhauer, Uche Nduka, Jakob Schmidt, Tim Schomacker, Christoph Spehr, Dieter Wiene und Jörg Windszus.
Die Klassiker der Literaturgeschichte sind voll davon. Von der Ilias über Macbeth bis zum Faust, von Byron über Brecht bis Böll: Wer den Horror rausnimmt, dem bleibt wenig übrig. Im Horror sind immer geschichtliche Erfahrungen aufgehoben, und zwar zeitgeschichtliche. Hier lagert sich ab, was kollektiv erlebt wird und verarbeitet werden muss. Das Horrorgenre ist ein Trainingslager für die Psyche. Was in der Sozialisation an den Rand gedrängt wird, rückt es zurück ins Zentrum.
Im modernen Horrorfi lm wohnt das Böse bereits nebenan. Und es zieht auch nicht wieder weg. Oder der Feind sitzt zu Hause - die Familie ist hier kein Ort des Trostes, sondern Hort des Terrors. Gewalt erscheint nicht als Unterbrechung, als zurückdrängbare Störung, sondern als ein konstitutives Element des ganz alltäglichen Lebens. Wenn etwa im typischen Actionkino das Überleben am besten gesichert wird, indem man sich eng an den männlichen Helden hält, der - vorgebildet durch Militär, Geheimdienst oder Polizei - gleich zu Anfang seine Muskeln und Waffen beruhigend vorführt, dann ist das im zeitgenössischen Horrorfi lm der sicherste Weg, nicht einmal die zweite Hälfte des Films zu erleben und sich frühzeitig unter die vielen anderen Leichen einzureihen. Fakt ist: Im Horrorfilm sind Frauen in Krisensituationen handlungsfähiger als Männer. Die Botschaft ist klar: Männer taugen in der Krise nichts.
Die Wirkung auf die Zuschauer: Desensibilisierung, Verrohung und Anleitung zur Nachahmung?
Man kann, wenn man möchte, Filme wie Hostel, The Hills have Eyes oder Saw als Exploitation abtun - oder aber, wenngleich man sich damit in unwegsamere Gewässer begibt, sich auf die vom Genre hergestellte Assoziation von drastischen Bildern und Wahrhaftigkeit einlassen und versuchen nachzuvollziehen, welche Haltung die drastische Ästhetik dieser Filme transportiert.
Der Horrorfi lm inszeniert für seine jugendlichen Zuschauer eine symbolische Welt, die auf Gewalt gebaut ist und in der die Erwachsenen diese Gewalt vergessen wollen, ohne dass sie sie im Griff hätten.
Damit erfüllt der Horrorfilm eigentlich alle Wünsche des schlecht gelaunten Ideologiekritikers, der immer schon fand, dass das Getünche und die Scheinlösungen im Mainstream-Kino bürgerlicher Bullshit sind, Opium fürs Volk, Sand in die Augen der Massen. An Botschaften wie "Da kümmert sich schon jemand drum" oder "Im Grunde geht's uns doch gut" hat der Horrorfilm jedenfalls kein Interesse. Dass es wahrscheinlich nicht einmal einen Oberschurken oder eine geheime Verschwörung gibt, die Schuld ist an der Misere, sondern nur allgemeine Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit und ein bisschen alltäglichen
Sadismus und Opportunismus, macht die Sache nur schlimmer.
Der Horrorfilm spielt auf der Schutthalde der Zivilisation. Hier lebt alles, was eigentlich gar nicht mehr leben dürfte, wenn es nach den offiziellen Selbstbeschreibungen der modernen Gesellschaft und des bürgerlichen Individuums ginge: Gewalt, Blut, Ängste, Innereien, Obsession und Verfall.
Viel Spaß auf der Schutthalde der Zivilisation!


Nicht jeder findet Grün erquicklich
Auf meinen Reisen durch die östlichen Gebiete der neuseeländischen Südinsel stieß ich in der Schublade eines Nachtschränkchens in einem ältlichen Hotelzimmer nahe Christchurch auf einen Zeitungsartikel, der im Sommer 1934 im dortigen »Chronicle« erschienen war. Gegenüber einer Seite mit Traueranzeigen, einigen Annoncen für Bekanntschaften sowie Reklamekästchen für Gartenbedarf war unter der Überschrift Nicht jeder findet Grün erquicklich. Zum hundertsten Todestag des Botanikers David Douglas ein mit einer Miniatur Washwups illustrierter Text zu lesen. Über den Verfasser Robert Woodburn war trotz der überaus freundlichen Unterstützung der Mitarbeiter des Chronicle-Nachfolgers »Christchurch Star« nur wenig in Erfahrung zu bringen.
Auch nach meiner Rückkehr angestellte Nachforschungen in der Wissenschaftlichen Abteilung von Kew Gardens, der Horticultural Society of London, im British Museum sowie im Archiv der Times konnten den Verbleib der Dokumente, von denen Woodburn schreibt, nicht erhellen.
Mir bleibt also nichts, als den Text aus der Sonntagsausgabe des »Christchurch Chronicle« vom 14. Juli 1934 wiederzugeben (soweit das angesichts des bisweilen armseligen Zustands der Seite möglich ist) ---

Der Fund einiger bis dahin unbekannter Stücke aus dem Nachlass von David Douglas liegt noch nicht lange zurück. Nicht wenige erhoffen sich aus den wenigen Briefen, kaum ein Dutzend an der Zahl, und dem in Leder gebundenen Quartbüchlein späte Antworten auf einige Fragen, die eigentümlichen Begleitumstände seines Todes am 12. Juli des Jahres 1834 betreffend. Wie an anderer Stelle bereits ausführlich berichtet worden ist, hatte eine Unachtsamkeit des Archivars der London Horticultural Society Briefe und Notizbuch zu Tage gefördert. In verschiedenen, in der Times erschienenen Artikeln hat Gwyndrow Pierce den ehrenvoll geführten Streit um die Echtheit der Dokumente nachgezeichnet. Pierce, der uns seit Jahren als ausgezeichneter Kenner der Fauna und Gartenbaukunst des Vereinigten Königreichs bekannt ist, versteigt sich sogar zu der Behauptung, mit den nun aufgefundenen Dokumenten könne jene klaffende Lücke geschlossen werden, die seit der viktorianischen Ära auf der Geschichte der britischen Forstwirtschaft lastet. Eine Frage, die uns nach den jüngsten Einlassungen Bryan Falkners im »Garden« an dieser Stelle aber weniger interessieren sollte.
Denjenigen unter meinen Lesern, deren grüner Daumen allein dem Vergnügen dient und die folglich mit der Historie der britischen Botanik wenig vertraut sein dürften, sei ad personam David Douglas ein kurzer Einblick in dessen Leben vorangestellt, wie er sich in der zweiten Auflage des von Robert Martins' 1846 bei Roempstead in London herausgegebenen Buches »Hunting the Green Planet. Brief Encyclopedia of British Botanical Landmarks« findet: Ein wenig überheblich stellte David Douglas fest, dass ihm auch die Felder der französischen Siedlungen »wohl kultiviert« und deren Gärten »geschmackvoll und gepflegt« erschienen. Die gewiss nicht gänzlich fehlerhafte Einschätzung sollte sich rächen. Wir schreiben das Jahr 1823: Gleich auf seiner ersten Forschungsreise begegnet dem größten Talent unter den königlich britischen Botanikern Ungemach. Am 20. September - Douglas hatte den kultivierten Feldern und den Häusern mit den vorbildlichen Gärten kaum den Rücken gekehrt ­- verabschiedet sich Douglas' Reiseführer nebst dessen Finanzen und Teilen seiner Reiseausstattung. Der Versuch, das zu seiner Verfügung zurück gelassene Pferd für die Rückkehr zu nutzen, schlägt zunächst fehl: »Das Pferd verstand ausschließlich die französische Sprache«, berichtet Douglas in seinem Reise-Journal, »und ich konnte mit ihm nicht in seiner Muttersprache reden.« Der Sammler der Horticultural Society of London musste sich wohl oder übel einen frankophonen Kutscher suchen, konnte die von allerlei Hindernissen erschwerte Rückreise nach New York gleichwohl zum Botanisieren nutzen.
David Douglas, 1799 im schottischen Scone geboren, trat nicht in die Fußstapfen seines Vaters. Dieser war Steinmetz. Zunächst sah es sogar aus, als würde der eigenwillige Junge in überhaupt niemandes Fußstapfen treten. Eifrig verpasste er den Schulunterricht, erkundete die Wälder und Wasserläufe der Gegend. Kaum jemand hätte einen Penny darauf gesetzt, dass dereinst ein Mitreisender über ihn schreiben würde: »Ich war überrascht, welch schnellen Blick er beim Aufspüren winziger Objekte und Pflanzen, an denen wir vorbeikamen, an den Tag legte.« Bei so viel Hin- und Auffassungsgabe in Bodennähe verwundert es kaum, dass Douglas - ohne es wirklich zu merken - zum ersten Bergsteiger Amerikas wurde, als er 1826 den Athabasca-Pass überquerte.
Bereits während seiner Lehrjahre auf Scone Palace, dem Anwesen des 3rd Earl of Mansfield, bekundet Douglas, die »Realien-Schrift der Natur« studieren zu wollen. Eine Unternehmung, die er im Journal seiner Nordamerika-Reise von 1823 bis 1827 präzisiert. Doch enthält das Journal nicht nur zahlreiche wohlformulierte Gedanken zur Wissenschaft von der Natur, sondern auch detaillierte Beschreibungen von 33 Eichen- und 18 Pinienarten, wie sie die Geschichte der Fauna bis dato nicht verzeichnete. Die in verschiedenen Herbarien niedergelegten Pflanzen zählen in der Summe nach Tausenden. Durch seine Reisen entlang der Ostküste und ins Kanadische bereicherte Douglas den britischen Artenbestand um 7000 Stück. Darunter: Die Douglas-Tanne, deren lateinischer Name (Pseudotsunga menziesii) ausgerechnet von seinem Konkurrenten Archibald Menzies herrührt, und die Lupinen. Es wären noch einige Hundert mehr gewesen, wäre Douglas' Kanu nicht im Juni 1829 nahe Fort George auf Grund und voll Wasser gelaufen. Der Sammler konnte seine meteorologischen Aufzeichnungen sowie das astronomische Arbeitsjournal retten - seine botanischen Notizen und eine Sammlung mit Pflanzensamen indes...
[An dieser Stelle macht ein Brandfleck die Lektüre über eine Länge von circa 15 Zeilen unmöglich. Da dem Verfasser nur die erste Auflage von Martins' Enzyklopädie vorliegt - sie enthält keinen Artikel über Douglas - ließ sich der vollständige Text vor Drucklegung nicht rekonstruieren]
... erfolgreichsten britischen Pflanzenjägers aller Zeiten waren die Umstände von Douglas Tod: Kurz vor Weihnachten 1833 erreichte der Botaniker Honolulu. Ein gutes halbes Jahr entsprach die Erkundung der Fauna auf den Sandwich-Inseln dem zuvor beschlossenen Plan. Am 12. Juni 1834 verschwand Douglas bei einer Exkursion. Spurlos zunächst, bis sein zerschundener Leichnam kurze Zeit später in einer Tierfalle gefunden wurde, einem Loch, welches Douglas mit einem noch immer zuckenden und trampelnden Stier teilte.
In Douglas Todesjahr 1834 entwickelte der gleichnamige englische Arzt den Ward'schen Kasten, eine Art Reisegewächshaus. Und revolutionierte so den zuvor von hohen Verlusten gezeichneten Transport exotischer Pflanzen ins königliche Mutterland.
Obzwar die über das gemeine Gottvertrauen hinaus gehende Metaphysik nicht nur in den Kreisen der London Horticultural Society verpönt war, münzten nicht wenige einen Satz aus Douglas Journal auf das tragische Ende seines eigenen Lebens. Als Nachruf auf einen Adler, ein Geschenk seitens John Rowands, des Chief Factors von Fort Edmonton, notierte Douglas: »Was kann einen tiefer schmerzen? 2000 Meilen trug ich das Tier mit mir und nun habe ich es verloren, ich möchte sagen, daheim.« Mit dem Fund der Briefe nun erscheint Douglas' tragischer Tod in der Tierfalle weit weniger in jenem Lichte der Vorsehung, mit dem sich die Kommentatoren in den vergangenen einhundert Jahren nur allzu gern zufrieden gaben. Der Verdacht, bei Douglas' Tod sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen, der sich, obgleich von den Kommentatoren weitgehend ignoriert, über einhundert Jahre gehalten hat, bekommt durch den jüngsten Fund neue Nahrung. Selbst Archibald Whitmore, dessen Douglas-Biographie aus dem Jahre 1921 sich zierte, diesen Weg gedanklich einzuschlagen, formulierte unlängst bei der Jahrestagung der Botanischen Gesellschaft in Wellington: »Es zeigt sich deutlicher denn je, dass es mit der romantischen Perspektive des unter der Krone Reisenden nicht getan ist. Douglas' Rivalität mit Menzies, aber auch Wards Versuche, die Pflanzenjagd zu revolutionieren folgen weniger der Logik aristokratischer Ränkespiele als den Regeln des Marktes.« In diesem Sinne sei ist zu überlegen, ob der Geschichte der Botanik nicht ...
[Auf sieben Zeilen unleserlich]
... von den »großen Handlungen der Natur« schreibt Douglas in seinem bislang unbekannten Logbuch, das die botanischen Expeditionen seit seinem Aufenthalt in Californien ab 1830 verzeichnet, gelegentlich fällt - bereits ab dem Jahre 1831 - mit Edward Gurney jener Name, den Mr. Hall in den Mittelpunkt seiner Ermittlungen rückte. Dass Douglas an seinem Todestag im Hause des ein Jahrzehnt zuvor aus einer Strafkolonie geflohenen Gurney gefrühstückt hat, ist bekanntlich von verschiedenen Personen bezeugt worden. Auch in einem der Briefe Robinsons von Herbst 1833 fällt der Name. »Wenn sie das Reich der Pflanzen kennten, es würde ihnen Angst werden«, gibt Douglas einen sonderbaren Ausspruch des ungebildeten Gurney wieder. In der Folgezeit finden sich zahlreiche Journaleinträge, die von »schweren Vorahnungen« und »der Angst angesichts des Unheimlichen« handeln, die »ein Mensch allein kaum zu schauen im Stande« sei. Muss es nicht einen Grund gegeben haben, der Douglas in Gurneys seltsamen Worten eine Drohung hören ließ oder einen Fluch? In der Folge der Ermittlungen Mr. Halls hat es immer wieder Stimmen gegeben, die eine Verbindung zwischen Gurney und den amerikanischen Partnern Archibald Menzies nahe legten. Die Aufzeichnungen Hookers, der in London an seiner Flora Boreali-Americana arbeitete, bezeugen immerhin, mit wie viel Interesse der Schotte Menzies die Reiserouten seines um 35 Jahre jüngeren Kollegen verfolgte. Kurz nach Gurneys Ableben 1862 druckte eine Zeitung die Worte eines indianischen Jägers, der seine Kindheit in der Nähe von dessen Haus verbrachte: »Als der Fremde ermordet wurde, fühlten wir alle das Gleiche - nur traute ...
[Hier wird der Artikel ein weiteres Mal für circa zehn Zeilen unleserlich]
... Grün erquicklich«, vermerkt der dem Bekunden nach zurückhaltende Douglas in einer Notiz vom Mai 1834. Um anschließend einen schwarzen Stier als »herausragend anmutiges und gewaltiges Exemplar seiner Art« zu rühmen, der »seit Tagen schon in der allerhöchsten Gemütsruhe« vor dem Fenster seines provisorischen Arbeitszimmers zugegen war? Handelte es sich um das selbe Tier, dem ...

--- An dieser Stelle bricht der Artikel endgültig ab. Jemand hat - offenbar wegen einer Annonce oder eines Rätsels auf der Rückseite - ein Stück aus dem Zeitungspapier gerissen. Die Miniatur Verden Washwups zeigt den jungen David Douglas auf einer Bank, vermutlich im Garten der Botanischen Fakultät in Glasgow, wo der 21-Jährige 1820 eine Stelle bei Sir Joseph Dalton Hooker, dem späteren Leiter von Kew Gardens, antrat. So sehr sich Woodburn auch bemüht, aus dem ihm - vielleicht tatsächlich vorliegenden, möglicherweise aber auch nur in Auszügen oder gar vom Hörensagen - bekannten Material die andernorts kaum ernsthaft in Betracht gezogene These von der Verschwörung gegen Douglas zu belegen, so wenig will es ihm gelingen.
Auch die Briefe William Robinsons, wie sie die Maindrake Manor Memorial Society vor wenigen Jahren in einem schmalen Bändchen herausgab, lassen kaum eindeutige Schlüsse zu. Von Robinson, so scheint es, wusste Woodburn möglicherweise nichts weiter als in den wenigen Briefen von und an Douglas zu lesen war. Sein kaum verstelltes Interesse an Robinson als möglichem Zeugen im vermeintlichen Mordfall Douglas lässt ihn über Robinsons Aussagen wie »Ein denkender Mensch sollte wissen, wann seine Zeit abgelaufen ist« kaum nachdenken.
Als Sohn eines im Pazifischen weilenden Tee-Händlers wuchs Robinson in Maindrake Manor auf, dem Anwesen einer befreundeten Familie nahe Scoune Pallace. Hier lernten sich Robinson und Douglas in ihrer Jugend kennen. Über diese Jahre sei wenig bekannt, gab der rotgesichtige ältere Herr zu, der mich nicht ohne Stolz über die Anlage führte. Bis auf diese Jahre vermochte jedes noch so kleine Detail ihn zu einer Anekdote aus der Familiengeschichte zu inspirieren - sei es in der mit dunklem Holz getäfelten Bibliothek, sei es der Abstand der Bäume auf der gemächlich sich zum Haupthaus hinaufwindenden Allee oder eine Kammer in einem der Nebengebäude. Wie Douglas' Herz für die Botanik schlug, erwies sich anfangs die Malerei als Robinsons Leidenschaft. Es heißt, sagte mein Begleiter, die beiden hätten oft hingerissen auf die Kürbisse gestarrt, mit Blättern so groß wie die Fächer, die in einem Hollywood-Epos den ägyptischen Pharao kühlten. Wobei sich Douglas mehr dafür interessiert habe, wie die seinerzeit im Schottischen eher unübliche Beerenart nach Europa gekommen sei, wohingegen Robinson seine Faszination bald in großformatige Bilder übersetzte, von denen einige noch heute in einem Seitenflügel hingen. Ob ich sie sehen wolle, fragte der Herr und schob mich, mit der linken Hand rasch noch den Schluss einer Betrachtung über Traditionen in die Luft malend, bereits mit der rechten Richtung Haupteingang. Als ich verneinte, wendete er sich wieder der gemeinsamen Betrachtung des Gartens zu.
»Ich habe der Malerei den Rücken gekehrt, weil die Malerei sich selbst den Rücken gekehrt hat«, schrieb Robinson eines Tages seinem Freund. Danach war der Garten seine einzige Leidenschaft. Mein Begleiter führte mich hinunter in Richtung Strand und entschuldigte sich, als wir am Ende des Weges angekommen waren. Doch bevor ich die hier farbigen dort steinigen und kargen Arrangement genauer betrachten konnte, von denen ich gelesen hatte, dass einige unter ihnen Landschaftsbeschreibungen aus Douglas' Journal nachgebildet worden waren, stieß ich mit dem Fuß in eine kleine Grube. Ich trat zurück und sah, dass nicht etwa die Unachtsamkeit eines Gärtners eine Mulde im Boden hinterlassen hatte, sondern dass ich in eines der Steinbeete getreten war. Neben einem an den Seiten mit kleinen, glatten Steinchen ausgekleideten Loch von vielleicht vierzig Zentimetern Tiefe stand, lag auf einem knapp knöchelhohen Hügelchen der verwitterte Schädel eines Stiers.

("Nicht jeder findet Grün erquicklich" ist ein Materialsammlung. Sie steht am Beginn einer ganz anderen biografischen Recherche. Der Text wurde am 13. September 2007 im Rahmen der Reihe "Vorsaison" im Ambiente, Bremen, vorgestellt.)



Ror-Wolf-Fußball (1 Zeitschriftentext)
Echt Bacra Lamm, naturel belassenes, rein Anilin zugerichtetes Haarschaf-Volleder. Wenn das nicht 1A-Material ist für jemanden, der zeitlebens aus Satzstümpfen und Wortbrocken, Fetzen Collagen zusammengeklebt hat. Höchst Kunstvoll. Das ist ja wohl selbstverständlich. Und in hohem Maße unterhaltsam. Diese Tatsache spricht Bände. Bände, die beispielsweise in Haarschaf-Volleder gebunden sind wie Raoul Tranchirers großer vielseitiger Ratschläger für alle Fälle dieser Welt von Ror Wolf. Eine weitere Variante. Ein ganz weißer Ball wartet darauf, bewegt zu werden. Auch dieser ist aus Leder. Wenn auch weniger stark veredelt. Jedenfalls optisch sieht es so aus. Die Veredlung des Balles nehmen vor (in der Reihenfolge ihres Auftretens): zunächst die Fußballspieler, die den Ball bewegen, mal hin mal her. Mal völlig unbedrängt direkt in die Wolken. Dann die Fußballreporter vom Radio, die denen, die das Spiel nicht sehen, erzählen, wie der Ball getreten, gestoppt, geschlenzt, gelupft wird, das vereinfacht also das Mitdenken daheim. Schließlich der Fußballradiocollagenmacher. Also Ror Wolf. Und nach 241 Minuten und 13 Sekunden werden wir wissen, was zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Wunschdenken und Wahrheit geblieben ist.

Nochmal zurück. Ein ganz weißer Ball wartet darauf, bewegt zu werden. Die Frage aber ist, worauf wartet der Ball. Nicht mit, sondern auf welchem Grund. Der Fußboden ist die Grundlage unserer täglichen Existenz, hatte Ror Wolf ganz zu Beginn seiner Karriere geschrieben. Als Motto, auf einem Vorsatzblatt seines Romans (in Anführungszeichen) Fortsetzung des Berichts. Dieser erschien 1964. Und Wolf hat den Boden der Grundlagenforschung zu unserer täglichen Existenz seitdem nie verlassen. Man fragt sich tatsächlich, wie lange geht so was gut. Aber dazu werde ich sicher noch kommen.

Den Bericht fortsetzend, dessen längster Teil vor Beginn des Textes schon besteht - Nun, nachdem ich alles beschrieben habe, diese zurückliegende Zeit (...) nähere ich mich dem Ende des Berichts -, beschreitet Wolfs Ich eine bizarre, bei näherem & längerem Hinsehen durchaus luzide Gedächtnislandschaft. Diese ist: ein Gestrüpp von Aktionen und Partikeln. Wolfs Erzähl-Ich variiert, moduliert, wiederholt. Der Ton ist ein zutiefst mündlicher. Im Prozess beständigen Verwerfens und Wieder-Ansetzens entsteht eine Art Ausdehnung Ausbreitung, ich weiß nicht, eine Art Landschaft. Das nicht-lineare Voranschreiten, die Bildung von Substantiv- und Adjektiv-Reihen, die Mündlichkeit; das wird Wolfs Texte begleiten. Bis zu seinen Hörspielen Der Chinese am Fenster oder Bananen-Heinz, bis zu seinen Radiocollagen zum Thema Fußball: WETTER BODEN LICHT SICHT, heißt es in einem der Produktionspläne.

Ich fange also zum dritten Mal an. Akustisch. Das Knarren und Stampfen eines Raddampfers auf dem Mississippi zum Beispiel. Der Erzähler war schon einige Tage so durch die Welt geflossen, als plötzlich zwei Personen auf ihn einsprechen. Es sind die Herren Jackson und Jones, die aus New Orleans kamen. Sie berichten, wie das so war, damals im Jahre warten Sie mal ungefähr fünf oder sechs wie gesagt. "Damals" und "ungefähr" sind vage Begriffe. Für die Buch- und Klangkosmen Ror Wolfs sind sie zentral. Das Dritte - nach der enzyklopädischen Welt seiner Kunstfigur Raoul Tranchirer und den Erkundungen im Gestrüpp von Aktionen der Sprachen des Fußballs - ist der Jazz. Mit Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika hat Ror Wolf dieser - vielleicht alles entscheidenden - Grundvoraussetzung: dem Jazz 1987 ein eigenes Hörspiel gewidmet. Der Jazz kam über Nacht. Nicht über eine Nacht, sondern über viele. Das betont Wolf immer wieder, wenn er über meine Voraussetzungen spricht. Schon daß er einen Text über die Voraussetzungen seines literarischen Arbeitens meine Voraussetzungen (1966) nennt, zeigt, wie Wolf Sprache und Text, die den seinigen vorausgehen, sieht - als Material. Gebrauchsanweisungen auf Suppenbeuteln, Schlagzeilen, Werbesprüche einerseits, der Müll der Redensarten und das flaue Gemurmel der Politik andererseits. Dazu werden, bald, die Sprachen des Fußballs kommen. Kaum etwas scheint den Radiohörer Wolf so beeindruckt zu haben wie die Rundfunkübertragung von Fußballspielen. Er schneidet Kommentare mit, Spielberichte, Schwierigkeiten beim Umschalten. Später Originaltöne aus Fußballstadien und von Trainingsplätzen. Aber Geschichten sind es noch nicht. Geschichten entstehen unter Verwendung von Realität an meinem Schreibtisch.

Wolfs Erzähler sind zusammengesetzt, unfertig, jederzeit bereit, das, was sie zu erzählen haben, völlig unbedrängt direkt in die Wolken zu schießen: Biographien und Fußballspiele, letzte Versuche, die Welt in einem Buch zu ordnen. Jedenfalls optisch sieht es so aus. Das habe ich auch so gesehen. Das ist eindeutig klar zu erkennen. Ror Wolf überschüttet seine Erzähler gleich zu Beginn mit jeder Menge Sympathie. Nur so, ihnen zugetan aber eingedenk ihrer notwendigen Unfertigkeit, ihres zwangsläufigen Scheiterns, können sie sein nahezu unbegrenztes Illusionsgelände betreten und in besagtem Gestrüpp von Aktionen nach dem rechten Sinn und der korrekten Reihenfolge fahnden. Wolfs Erzählfiguren erklären sich sich selbst, und sie erklären sich die Welt.

Die Annäherungen an "damals" und "ungefähr" brauchen Zeit. Ror Wolf nimmt sie sich. Die Welt- und Wirklichkeitslehre der Enzyklopädie für unerschrockene Leser erschien zwischen 1983 und 2005. Mit seinen zehn Fußballcollagen, die nun (um ein elftes aus neuester Produktion ergänzt) gesammelt erschienen sind, brachte Wolf mindestens das vorangegangene Jahrzehnt zu. Die erwerbsmäßigen und privaten Ballsportler stolpern bei ihren Expertisen über ungefähr und oder und warten Sie mal und wie gesagt usf. All das ist von einem Ernst, den Wolf in der Trivialität des andererseits hochkomplexen Geflechts des Fußball lieber auszumachen und zu untersuchen scheint als bei Kafka oder Beckett. Wenn er Reportersprüche thematisch gruppiert, eng gegeneinander schneidet, Wiederholungen und Leere hineinbaut, denn auch das vereinfacht also das Mitdenken daheim. Mit warmherzigem Chapeau vor den Radiomachern konfrontiert er in Cordoba, Juni 13 Uhr 45 den fassungslos zerknirschten Österreicher Edi Finger mit der kühlen nord-westdeutschen Schule eines Armin Hauffe. Österreich gegen Deutschland in Argentinien. Es ist das zehnte und letzte Fußballstück Wolfs. Bald darauf beginnt er mit Tranchirers Enzyklopädie. Mit der Scheißfummelei aufhören konnte Wolf nie.




Kursiv gesetzte Passagen entstammen sämtlich Prosa-, Kommentar- und Hörspieltexten von Ror Wolf. Helge Feldmann hat diesen Text (erschienen in konkret 6/2006) als Hörfassung bearbeitet. 

Literaturhaus Bremen