Lyrik, 2008
mit Holzschnitten von Timm Kregel
Ludwigsfelder Verlagshaus
64 Seiten
ISBN 978-3-933022-52-3
11,90€
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"Bilder, Statuen, Sonaten, Symphonien", so schreibt Gottfried Benn, "sind international - Gedichte nie. Man kann das Gedicht als das Unübersetzbare definieren". Damit scheint das Besondere der Lyrik markiert: sie bleibt der Muttersprache verhaftet, sie begrenzt auf Verständnis hin, sie bleibt um Eindeutigkeit im Ausdruck bemüht und zugleich, Grenzraum des Geistigen, dem Zweideutigen der Natur verbunden.
Die Lyrik heute hat eigentlich nur gegen das Vorurteil anzukämpfen, sie sei schwer verständlich. Dies scheint unbegründet, da sie unauslöschlich fortlebt. Freilich, die Welt besteht nun einmal nicht nur aus Federgewichten; zudem: selbst Federn zwingen den Zeiger einer Waage zum Ausschlag!
Wie in dem von der "Dulzinea"-Redaktion ausgezeichneten Gedicht "Zeitfragen", das mit wehmütigem Blick zurück ein Thema aus den "Oden" von Horaz über die Flüchtigkeit der Zeit variiert, bleibt der Lyriker in einer scheinbar kühl kalkulierten Weise in einem Teil seiner Gedichte den großen Denkmustern der Antike verpflichtet, die er in eigentümlich anrührender Weise und mit hohem Sinn für Sprachwirkung mit dem Geschehen der Gegenwart zu verknüpfen versteht. Mit diesen Instrumentarien durchfährt der Autor mit seinen hier vorgestellten Kompositionen in unverkennbar eigenwilliger Notenschrift die rätselhaften Routen von Raum und Zeit. Dabei bleibt er lebensprall nahe an den "vollen Futteralen der Zeit", weiß von "Schauermanns Hunger" ebenso wie von der "Gier der Tycoone", die fortdauert, unstillbar scheint und inzwischen dem Geschehen fast jegliche Perspektive zu nehmen droht. Über allem aber "Ananke", die Verkörperung der ehernen Notwendigkeit, die noch über den Göttern und jeglichem Geschehen wirkt, und der das noch keimende und daher mehr den je gefährdete "ICH" gegenübersteht, das aber schon "von Staubtanz und Fußspuren im tauenden Lehm" weiß. Eine durchaus rare, aber eben deswegen außerordentliche Poesie mit zumeist gestrophten Versen, den Geist der Antike atmend, dabei dennoch fesselnd aktuell.
Schmale Pfade
Der Abend der Zeit scheint
Nahe: Still kehren bei
Sinkender Sonne die weißen
Schiffe nun heim. Doch füllt ihre
Fracht die Ärare nicht: Schauermanns
Hunger bleibt, und die Gier der
Tycoone reißt die Reusen der
Fischer von ihren schlingernden
Schiffen aus dem Nährstrom der
Zunft. Die Vernunft triggert zum
Vorspiel einer wirren Utopie im
Trüben Fruchtwasser trunkener
Pharaonen. Nur Rousseau hält die
Speicher des sanften Behagens
Leer, und die Mütter recken den
Reichsapfel zum Thron, preisen die
Spur der Pflugschar und das satte
Blattgrün aufwärts zu den schmalen
Stolperpfaden des lange schon
Verlassenen Olymps.
Zeitfragen
War es nicht erst gestern, Eheu
Fugaces anni…, dass ICH über die
Glänzenden Knospen Deiner
Hochragenden Brüste strich, Dein
Haar verwühlte, und die Rose, die
Schönste, schnitt, Dein Wasser Trank,
Grusiniens Tee schlürfte und a´
Tergo mich willig dem höllischen Takt
Des schilfernden Lebens beugte? War
Es nicht erst gestern? Eheu fugaces…?
Reimen sich die die Dinge des großen
Ablaufs immer neu? Nun, da die dunklen
Abendschatten länger werden und
Nur noch der Wechsel der
Tage gelingen. Wohin ist der mohnrote
Mund, das Wasser der Rose und das a´
Tergo der Zeit mit seinem wehen Glück des
Leicht gestoßenen Atems, den hellen
Lockrufen der schwarzen Milane vom
Hohen Himmel Darguns und dem läppischen
Drehtanz unterm grün umkränzten Maibaum,
Wohin sind die Jahre…?