Fischer, Peter

Sonnenwende

Wer sagt denn, dass das
Blühen nachlässt, wenn die
Zeit anschwillt und die Sanduhr
Voller läuft?
Verwehter Phlox und letztes
Asterblau im Schnee - milder
Mohn pelziger Raunächte.Chronos
Refft seine dunklen Segel: Erster
Vogelzug und gefurchte Zelgen,
Schwirre Paarung und drängende
Keime. Gestern kommt
Wieder und wendet die Revers.Warum
Soll jetzt schon alles
Verwehen, noch ehe der
Abend schimmert?
Peter Fischer
(erschienen in "Dulzinea"/Heft 10/2007)



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Vita
Peter Fischer, geb. 1943 in Suhl/Thüringen, Redakteur (Zeitgeschichte/Politik sowie Fernseh-, Theater- und Literaturkritik), Sachbuchautor, Lyriker. 2006 erschien sein Gedicht 'Später Frühling' bei der Brentano-Gesellschaft in Frankfurt am Main.
Peter Fischer kam nach politischer Haft in der DDR und Freikauf 1975 in den Westteil Berlins, später nach Hamburg. Lebt jetzt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Kerstin Fischer ("Das Gewächshaus", "Sergejs Schatten") und Sohn Klemens Kajo in Achim bei Bremen. Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller.

 
Veröffentlichungen (Auswahl)
Ananke
Lyrik, 2008

mit Holzschnitten von Timm Kregel

Ludwigsfelder Verlagshaus

64 Seiten

ISBN 978-3-933022-52-3

11,90€

(Bestellungen über alle Buchhandlungen (aber nicht über amazon.de) oder direkt beim Verlag versandkostenfrei unter verlagshaus@gmx.de)


"Bilder, Statuen, Sonaten, Symphonien", so schreibt Gottfried Benn,  "sind international - Gedichte nie. Man kann das Gedicht als das Unübersetzbare definieren". Damit scheint das Besondere der Lyrik markiert: sie bleibt der Muttersprache verhaftet, sie begrenzt auf Verständnis hin, sie bleibt um Eindeutigkeit im Ausdruck bemüht und zugleich, Grenzraum des Geistigen, dem Zweideutigen der Natur verbunden.
Die Lyrik heute hat eigentlich nur gegen das Vorurteil anzukämpfen, sie sei schwer verständlich. Dies scheint unbegründet, da sie unauslöschlich fortlebt. Freilich, die Welt besteht nun einmal nicht nur aus Federgewichten; zudem: selbst Federn zwingen den Zeiger einer Waage zum Ausschlag!
Wie in dem von der "Dulzinea"-Redaktion ausgezeichneten Gedicht "Zeitfragen", das mit wehmütigem Blick zurück ein Thema aus den "Oden" von Horaz über die Flüchtigkeit der Zeit variiert, bleibt der Lyriker in einer scheinbar kühl kalkulierten Weise in einem Teil seiner Gedichte den großen Denkmustern der Antike verpflichtet, die er in eigentümlich anrührender Weise und mit hohem Sinn für Sprachwirkung mit dem Geschehen der Gegenwart zu verknüpfen versteht. Mit diesen Instrumentarien durchfährt der Autor mit seinen hier vorgestellten Kompositionen in unverkennbar eigenwilliger Notenschrift die rätselhaften Routen von Raum und Zeit. Dabei bleibt er lebensprall nahe an den "vollen Futteralen der Zeit", weiß von "Schauermanns Hunger" ebenso wie von der "Gier der Tycoone", die fortdauert, unstillbar scheint und inzwischen dem Geschehen fast jegliche Perspektive zu nehmen droht. Über allem aber "Ananke", die Verkörperung der ehernen Notwendigkeit, die noch über den Göttern und jeglichem Geschehen wirkt, und der das noch keimende und daher mehr den je gefährdete "ICH" gegenübersteht, das aber schon "von Staubtanz und Fußspuren im tauenden Lehm" weiß. Eine durchaus rare, aber eben deswegen außerordentliche Poesie mit zumeist gestrophten Versen, den Geist der Antike atmend, dabei dennoch fesselnd aktuell.

Schmale Pfade                                    

Der Abend der Zeit scheint
Nahe: Still kehren bei
Sinkender Sonne die weißen
Schiffe nun heim. Doch füllt ihre
Fracht die Ärare nicht: Schauermanns
Hunger bleibt, und die Gier der
Tycoone reißt die Reusen der
Fischer von ihren schlingernden
Schiffen aus dem Nährstrom der
Zunft. Die Vernunft triggert zum
Vorspiel einer wirren Utopie im
Trüben Fruchtwasser trunkener
Pharaonen. Nur Rousseau hält die
Speicher des sanften Behagens
Leer, und die Mütter recken den
Reichsapfel zum Thron, preisen die
Spur der Pflugschar und das satte
Blattgrün aufwärts zu den schmalen
Stolperpfaden des lange schon
Verlassenen Olymps.

Zeitfragen

War es nicht erst gestern, Eheu
Fugaces anni…, dass ICH über die
Glänzenden Knospen Deiner
Hochragenden Brüste strich, Dein
Haar verwühlte, und die Rose, die
Schönste, schnitt, Dein Wasser Trank,
Grusiniens Tee schlürfte und a´
Tergo mich willig dem höllischen Takt
Des schilfernden Lebens beugte? War
Es nicht erst gestern? Eheu fugaces…?

Reimen sich die die Dinge des großen
Ablaufs immer neu? Nun, da die dunklen
Abendschatten länger werden und
Nur noch der Wechsel der
Tage gelingen. Wohin ist der mohnrote
Mund, das Wasser der Rose und das a´
Tergo der Zeit mit seinem wehen Glück des
Leicht gestoßenen Atems, den hellen
Lockrufen der schwarzen Milane vom
Hohen Himmel Darguns und dem läppischen
Drehtanz unterm grün umkränzten Maibaum,
Wohin sind die Jahre…?

Der Schein
Roman, 2007

Ludwigsfelder Verlagshaus

3.Auflage 184 Seiten

ISBN: 978-3-9330222-46-2

Zu bestellen im Buchhandel (Verzeichnis lieferbarer Bücher/VLB) oder direkt beim Verlag versandkostenfrei unter verlagshaus@gmx.de   


Kurzbeschreibung:
"Die alten Heiler", so heißt es an einer Stelle im Roman, "benannten drei Tore, durch die der Tod trat: Herz, Lunge, Hirn". Bei Michael Sahloks Vater kam er in den letzten Tagen des Krieges durch die Schläfe; er fiel in Frankfurt am Main. Für Michael, Hauptfigur des Romans, der in einer thüringischen Kleinstadt aufwächst, verschränken sich von da an auf denkwürdig exemplarische Weise Lebensgang und politische Umbrüche eines durch die Verheerungen des Krieges noch nicht wieder zu sich gekommenen Landes. Die Kriegsfackel brennt nicht mehr, die Trümmer werden geräumt, aber wer zeigt den Nachgeborenen den inneren Weg, wer bewahrt den äußeren, wenn die Väter nicht mehr  sind und die Mütter sie ersetzen müssen?
Weggefährten gibt es immer, aber sie bleiben selten: Georg, der Freund aus der Kinderzeit, kehrt nach einer Ferienreise nicht mehr zurück, Studienrat Klöben, der kundige Ratgeber und vielseitig Gebildete, stirbt, Jutta, die Jugendliebe, studiert in Budapest. Michael Sahlok versucht auch bei diesem schwankenden Lebensgrund die Unversehrtheit und Integrität seiner Person zu bewahren, was ihn schließlich fast zwangsläufig in das Räderwerk der politisch Mächtigen führt...
 "Der Schein" ist der erste Teil einer Trilogie; in "Der Fall" und "Die Zwischenzeit" wird  Michaels Spur durch die Zeit weiter verfolgt. Zugleich steht der wechselhafte Lebensgang der Hauptfigur für einige nicht eben unbedeutende Begebenheiten in der deutschen
Geschichte.


Leseprobe aus meinem Roman "Der Schein":

...Michael sah alles, ohne Winrich genauer darüber befragt zu haben. Seine Gedanken flohen, Schutz suchend, allmählich zurück in die uneinnehmbaren Fluchtburgen früher Tage: Gelbe Birnen, die im ungenutzten Gästebett der Großeltern unter den bestickten Decken reiften und allmählich das ganze Haus mit ihrem Duft durchzogen, vorzeitig geerntete Kürbisse, die tagsüber im Fenster zur Reife auslagen, dicke, bauchige Bohnen, deren Kerne prall gegen die grünen Hüllen drückten, Schieferplatten, die immer nur kurz vor dem Einschlafen wie aufgeregt bribbelten, wenn Windstöße aufkamen, Vogelfedern, die sonderbar rein und unversehrt im Gras lagen, Amseljunge in der Geißbarthecke der Gartenlaube, die voll Lebensgier Hälse und Schnäbel reckten.
 "Bist Du auch ein Kürbis?", wenn Großvaters gelb glänzender, die Sonne spiegelnder Kahlkopf aus dem Fenster ragte, Großvater, der dann lachend mit dem Zeigefinger drohte, Tante Anni,  die auch im Sommer schwarze, leicht knarrende kniehohe  Stiefel aus feinem Juchtenlder trug, Dorle Wehner, die wunderlich gewordene Tochter  eines längst schon verstorbenen Wiener Arztes, die egal mit "Servus!" grüßte, aber sonst nur mit ihrem riesigen Schäferhund redete, Frau Metzger, die Vertriebene aus dem Sudetenland, die die schmalen, schrägen äußeren Grasflächen  vor Großvaters Gartenzaun mit raschen  Hieben und  solch scheuen Seitenblicken sichelte, als sollte sie bereits wieder vertrieben werden, Barbara Wilewski, die mitten im "Hüpf-Haus-Spiel" mit kleinen Schaumblasen vor dem Mund umfiel und ekstatisch zuckte, ein Bombenopfer aus Berlin, das hier in der Provinz endlich Ruhe finden sollte...
  Michael richtete sich auf: "Ich lande über kurz oder lang unweigerlich bei diesem Krieg. Oder wenigstens bei seinem schauerlichen Strandgut...





Kirche und Christen in der DDR
Sachbuch, 1978

Gebr. Holzapfel, Berlin

160 S.

ISBN: 978-3921226063

vergriffen

Literaturhaus Bremen