Michelle Efler: „Sekunden“

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Foto: Victor Ströver

In einem Menschenleben läuft vieles falsch, manchmal geht schon an einem Tag sehr viel schief – vor allem, wenn man den Tag falsch beginnt. Du möchtest z. B. um 6 Uhr aufstehen, um dich hübsch zu machen für den heutigen Schultag, da dein Schwarm auf deine Schule wechselt. Und was passiert? Du verschläfst, hast keine Zeit mehr, um dich zu schminken und zu frisieren, du fühlst dich hässlich. Du gehst in die Schule, da kommt dein Schwarm auf dich zu und spricht dich an. Und du? Du vermasselst es, weil du dich jetzt sooo hässlich fühlst und dich für deine Hässlichkeit schämst.

Diesen Moment vergisst du nicht, doch man vergisst schnell die vielen anderen Sachen, die an den einzelnen Tagen vorgefallen sind, man merkt sich immer nur die Sachen, die sehr schlimm oder richtig toll waren. Aber stell dir dein Leben mal in Sekunden vor – jede Sekunde für sich. In der einen Sekunde sitzt du ganz entspannt in der Bahn und in der darauffolgende Sekunde kracht ein Auto in die Bahn. Ja, es kann viel falsch laufen in den einzelnen Sekunden, und zwar bereits gleich am Anfang deines Lebens. Als ich das Licht der Welt erblickte, war schon die erste Sekunde verdammt, denn da rollte von meiner Mutters Lippen der furchtbare  Name ‚Beate‘. Genau diese Sekunde war entscheidend für den Rest meines Lebens.

Beate? Nee … das ist zu viel des Guten, das konnte nur schief gehen. Trotzdem funktionierte es dann über die Jahre einigermaßen, auch wenn mein Leben eigentlich immer furchtbar langweilig war, denn niemand findet eine Beate cool. Jetzt, mit 18 Jahren, bin ich an einem Punkt meines Lebens angekommen, in dem ich mich frage, wie sich mein Leben ändern wird, wenn ich bald nicht mehr allein bin.
Ich stehe vor einer roten Ampel an der Waller Kreuzung und streichle meinen Bauch, in dem ein Baby wächst.  Die Ampel springt auf Grün und ich überquere die Straße. Eine Frau mit einem Kinderwagen kommt mir entgegen.

„Na werden sie auch bald Mutter?“, fragt die Frau mich. „Das ist ein schönes Gefühl, etwas in seinem Bauch zu haben, was wächst. Nicht wahr?“

Ich gucke sie hoffnungslos an. In diesem Moment hoffe ich einfach nur, dass ein Auto von einer Sekunde auf die andere mich umfährt und allem ein Ende setzt. Die Frau guckt mich erwartungsvoll an.
„Nein. Ist es nicht!“, sage ich schließlich und gehe weiter. Ich riskiere keinen Blick nach hinten, zu groß ist meine Angst, zu sehen, wie sie mich anstarren könnte.

Ein Kind zu haben … das ist eine große Verantwortung. Eine große Last, die du jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede verdammte Sekunde mit dir trägst. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass mein Freund mich verlassen hat. Für eine andere Frau. Für eine, wie die, die mich eben an der Kreuzung  angesprochen hat. So läuft das in diesem Viertel.
Ein gutes Umfeld für ein Neugeborenes, das wäre nicht schlecht. Aber hier? An der Waller Kreuzung? Wo die Jugend an jeder Ecke Alkohol, Zigaretten oder andere Drogen bekommt? Wo manche Menschen jede Woche eine neue Faust ins Gesicht bekommen. Wo Menschen brutal zusammengeschlagen werden, von einer Minute auf die andere. Wo jede Sekunde ein neuer Tropfen Blut zu fließen scheint?
Vielleicht stimmt das alles auch nicht. Vielleicht übertreibe ich. Aber trotzdem.

Ich habe Hunger. Ich brauche eine Ablenkung von meinen Gedanken. Döner! Das ist jetzt genau das Richtige. Das ist das, was ich jetzt brauche.

„Ein Döner mit Lamm, bitte!“, sage ich zu dem Dönerbudenbesitzer.
Ich esse mein Döner genüsslich auf und schaue dabei aus dem Fenster, mit Blick auf die Waller Kreuzung. Mein Nachbar läuft an dem Fenster vorbei, wahrscheinlich, um im Kiosk Alkohol zu kaufen. Muss ich erwähnen, dass mein Nachbar täglich besoffen vor der Tür sitzt? Keine richtige Umgebung für ein Kind. Das heißt: Ich müsste umziehen. Aber wohin?

Vielleicht nach Schwachhausen oder Oberneuland? Aber wie bezahlen? Ich müsste umziehen und bleibe doch hier, in meinem Viertel – mit meinem Kind in meinem Bauch.

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