Lesetipp im Oktober

Helmut Donat_600Helmut Donat, Inhaber des Donat Verlags, empfiehlt uns diesen Monat:

„Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland“ von Hans Paasche:

Der Mann, der mich zum Verleger gemacht hat, ist Hans Paasche, den ich Ende der 1970er Jahre wiederentdeckt und für den ich keinen Verlag gefunden habe. Meine Faszination für ihn ist nach wie vor ungebrochen. Er ist 1920 wegen seiner Wandlung vom Marineoffizier zum Ankläger des Militarismus von rechtsradikal gesinnten Reichswehrsoldaten ermordet worden – ein frühes Opfer rechter Lynchjustiz. Neben den „Auschwitz – Kinderliedern“ ist sein Buch „Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland“ wohl das wichtigste, das ich jemals verlegt haben werde. Mit seinem Reisebericht aus der Sicht eines gebildeten Afrikaners wendet sich Paasche gegen den Kolonialismus und Zivilisationsdünkel der wilhelminischen Gesellschaft, doch weisen seine den„Lettres Persanes“ von Montesquieu nachempfundenen Briefe weit über das Kaiserreich hinaus. In ihrer zeitübergreifenden Anklage des Exportes europäischer Lebensformen,Sitten und Gebräuche sind sie von bleibender Aktualität. Deutlich sieht Lukanga Mukara, dass die Weißen keine Ehrfurcht vor dem haben, was da ist. Ziellose Hektik, sinnleeres Befolgen von Konventionen, Verlust des Einklangs mit der natürlichen Umwelt und vor allem die Jagd nach Geld und Profit – das sind die Phänomene eines falschen Lebens, über die er in ein Staunen gerät, das Aufklärung in kritisch-polemischer Absicht auslösen will.

Ob es sich um den Ehrbegriff, die Organisation des Arbeitslebens, der Volkswirtschaft, des Verkehrs- und Geldwesens, die Ess- und Trinkgewohnheiten, das „Rauchstinken“, die „Unsitte des Bekleidens“, die Reklame oder um die alltäglichen Lebenslügen und Verrücktheiten der Weißen handelt, Lukanga hält den Europäern einen Spiegel vor, der auch heute nicht blind ist.

Seine „Briefe“ sind in einer erfrischenden und einfachen Sprache geschrieben, verständlich auch für Kinder und Jugendliche, vorzulesen an Heimabenden und auf Klassenfahrten. Sie sind gespickt mit bissigen und für unsere „zivilisierte Gesellschaft“ nicht gerade schmeichelhaften Beobachtungen, die uns in schallendes Gelächter ausbrechen lassen, das uns im nächsten Moment im Halse stecken bleiben kann. Ein Buch, das uns neu sehen lernen kann und in seiner farbigkonkreten Schilderung noch dazu höchst unterhaltsam ist. Auch vorzüglich als Geschenk geeignet: witzig, aber mit Tiefgang und zum Nachdenken anregend sowie hübsch ausgestattet. Und noch etwas Besonderes: Man liest es als Jugendlicher, Erwachsener mit 30, 40, 50 oder mehr Jahren anders und empfindet das als etwas Erstaunliches und Beispielloses.

Lukanga Titel 08-09

 

Hans Paasche

„Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland“

Donat Verlag

168 Seiten

ISBN: 978-3-938275-63-4

12.80 €

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