Lesetipp im Mai: „Körper: Ein Handbuch“ von Ricardo Domeneck

mädels_2Die Trainees Kristin Krause, Franziska Rentzsch, Johanna Klier, Charlotte Wagner und Annika Kramer vom Literaturfestival „poetry on the road“ empfehlen:

„Körper: Ein Handbuch“.

Ricardo Domeneck ist nicht nur Dichter, sondern auch Performance-Künstler und Produzent von Videos. Vor allem ist er aber auch ein Grenzgänger: Vor 13 Jahren kam der gebürtige Brasilianer, der mit 13 Jahren begann, Gedichte zu schreiben, nach Deutschland. Berlin hat der Künstler zu seiner Wahlheimat auserkoren.

Domeneck ist es wichtig, mit seinem Körper zu arbeiten; seine Lyrik verbindet er mit tänzerischen Ausdrucksformen. In seinen Texten will er die Trennung zwischen Körper und Geist aufheben und eine Verbindung schaffen. In „Körper: Ein Handbuch“ (Corpo: um Manual) kreiert er collageartige Texte mit anatomischen Begriffen, Regionalismen, Gay-Slang und Alltagssprache.

In Deutschland lebt der Künstler mit zwei Sprachen im Herzen: „Ich schreibe auf Portugiesisch, aber arbeite auch auf Deutsch. Ich erlaube mir, dass sich beide Sprachen gegenseitig beeinflussen. Ich mische sie, zwei getrennte Universen. Und ich lasse sie kommunizieren, zumindest in meinem Kopf. Europa ist wichtig für meine Arbeit“, sagt Domeneck. „Hier gibt es ein Netzwerk experimenteller Lyrik, Festivals und einen Respekt für die Literatur, der in Lateinamerika oft fehlt.“

Zu seiner Heimat Brasilien hat er eine widersprüchliche Beziehung: In Berlin kann er als homosexueller Künstler in Freiheit leben; in Brasilien sehen das viele anders. Eine wichtige Thematik, die den Künstler beschäftigt, sind die Folteropfer während der Militärdiktatur (1964-1985) in Brasilien: Oppositionelle, deren Körper man nach ihrer Verhaftung nie wieder fand, nennt man in Brasilien „die Verschwundenen“. Einer von ihnen, Ísis Dias de Oliveira, widmet Domeneck in seinem zweisprachigen (Deutsch-Portugiesisch) Gedichtband einen Text. Darin überlegt er, was diese Frau wohl an einem ganz normalen Sonntag tun würde, wenn sie noch lebte. Ob sie den Blues auf dem Sofa hätte, geschieden wäre oder schon den zweiten Mann hätte, sich fragte, warum sie diesen Kampf geführt hätte, oder ob sie emigriert wäre. „Ihre Finger wären vielleicht voller Druckerschwärze / von der Morgenzeitung / die vielleicht / wie früher / lügen würde / und das Schwarz / färbte ab auf die weiße / Keramiktasse, so wie / Materie von Materie / auf Materie übergeht / sofern lebendig / vielleicht.“

Ein beeindruckender Künstler, der die Genres sprengt und gleichzeitig vereint: Literatur, Film, Kunst, Performance. Auf der einen Seite unterhaltsam-frisch, bringt er doch das zutiefst Menschliche, Rohe hervor, indem er kaleidoskopische Beschreibungen des Körpers und der Seele liefert. Lesenswert!

buchcover_körper ein handbuch_ricarod domeneckBibliographische Angaben:
Domeneck, Ricardo
Körper: Ein Handbuch
ISBN: 978-3-940249-66-1
Verlagshaus J. Frank
Berlin 2013
240 S. Softcover
16,90 Euro
Übersetzungen: Odile Kennel, Illustrationen: Annemarie Otten, Quartheft 39
Edition Polyphon, Zweisprachige Ausgabe, (Deutsch/Portugiesisch)

 

 

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