Lesetipp im April

„Eine Geschichte des Lesens“ von Alberto Manguel

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von Dr. Carlos Ortega – Direktor des Instituto Cervantes

Einmal schrieb Joseph Conrad einen Brief an einen seiner Freunde, den er für einen guten Leser hielt: „Was für eine gute Nachricht, dass ausgerechnet Du mein Buch schätzt, denn wie Du weißt, schreibt man nur eine Hälfte des Buches, mit der anderen Hälfte muss sich der Leser befassen.“ Diese offenkundige Tatsache stellt einen der grundlegenden Charakterzüge des heutigen Lesens dar.
Heutzutage ist das Lesen in unserem Kulturkreis ein Akt der Verständigung, in dem der Leser gänzlich in den Text eindringt.

Doch dies war nicht immer so. Das Werk, das Alberto Manguel in der ganzen Welt vor nun schon 15 Jahren bekanntmachte, welches den Titel Eine Geschichte des Lesens trägt, verdeutlicht, dass der zurückgelegte Weg von der alten Überzeugung, dass der geschriebene Text zum Leser spräche, bis zu der aktuellen Vorstellung  vom Text als Produkt eines subjektiven Gedankens, der nur auf den übertragen wird, der ihn liest, einem fast dreitausend Jahre langen Kampf entsprach.

In diesem wertvollen Buch  präsentiert Alberto Manguel die prächtigste  mir bekannte These darüber, was das Erlebnis des Lesens bedeutet: Lesen, sagt Manguel, ist die Einsamkeit in der man lebt zu verteidigen, ist leben, wie St. Augustin und Quevedo sagten, „im Gespräch mit den Toten“, quasi im Gespräch mit einer Abwesenheit. Es ist ein abgeschirmtes Bollwerk um jemanden zu errichten während er liest; es ist die Freude und große Vertrautheit zu spüren, der Vertrautheit mit sich selbst in einer ungewöhnlichen Wonne stummer Worte zurückgezogen zu sein. Um dies zu formulieren greift Manguel auf einen Satz von Rilke zurück: „Ich flehe die an, die mich lieben, meine Einsamkeit zu lieben.“

Alberto Manguel: „Eine Geschichte des Lesens“
S. Fischer Verlag, Frankfurt am M., 2008

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