Judith Pahl: „Friseurbesuch“

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Foto: Victor Ströver

Ein gutgelaunter Mann betritt den Friseurladen. Höflich grüßt er. Ist es möglich, dass dieser Mann eine Stunde später laut fluchend aus dem Laden stürmen wird?

Zunächst sieht er sich um. Er grüßt Hildegard, die Friseuse, die er schon seit Jahren kennt und die er besonders freundlich und zuverlässig findet. Aber er nickt auch den anderen Friseusen ein Gruß zu und einem Kunden, der gerade den Laden verlässt. Prima, denkt er, bestimmt bin ich gleich dran. Aber Hildegard schüttelt den Kopf. Gut, denkt der Mann, dann setze ich mich noch kurz hin.

Er sitzt und wartet und wartet und sitzt. Heute ist ja unglaublich viel los. Sein Termin war nun eigentlich schon vor einer halben Stunde. Langsam wird er ungeduldig. Ungeduldig und hektisch, weil er noch zu einer wichtigen Konferenz muss. Endlich wird er aufgerufen und darf sich auf einen Friseurstuhl setzen. Jetzt geht’s endlich los, denkt er, aber es geht immer noch nicht los. Wieder muss er 10 Minuten warten und dann kommt endlich seine Friseurin Hildegard. Sie entschuldigt sich und er sagt, dass sie ja auch nichts dafür kann, dass es so voll ist. Und dann reden sie ganz normal miteinander.

Hildegard wäscht ihm die Haare, und schneidet sie und als sie mit dem Föhn zu seinem Platz kommt, erschrickt sie ganz furchtbar. Er fragt: „Was ist passiert?“ Hildegard bekommt keinen Ton raus, aber er sieht es schon selbst im Spiegel. Seine Haare sind blau! Hildegard hat statt des Shampoos eine Tönung genommen. Er fängt laut zu fluchen an und rennt so schnell los, dass Hildegard noch nicht mal die Gelegenheit hat, sich zu entschuldigen. Nur noch 20 Minuten bis er bei der Konferenz sein muss. Und er ist auch noch nicht umgezogen und die Mappe mit seinen Folien ist auch noch zu Hause. Er greift sich seine Jacke und hastet aus dem Laden, ohne zu bezahlen. Er läuft so schnell er kann und ist bald nicht mehr zu sehen.

Wir werden wohl nie erfahren, was aus seiner Präsentation wurde – und aus seinen blauen Haaren.

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