Joy Spies: „Im Westen“

Joy_1024

Foto: Victor Ströver

„… ja, so ist das Leben im Bremer Westen“, dachte ich mir, als ich in der Straßenbahn auf dem Weg in die Stadt war. Beyza, meine Freundin, saß neben mir und war genervt, dass ich in die Innenstadt wollte und nicht in die Waterfront. Nach einer Weile des stummen Nebeneinandersitzens tat sie mir leid. Schließlich stand ich an der nächsten Haltestelle auf und stieg aus der Straßenbahn, um wieder zurückzufahren – Richtung Gröpelingen. Beyza bemerkte es zunächst nicht, sprang dann aber auf, lief hinter mir her und rief:

„Joy, wieso steigst du aus?“

Ich blieb stehen, sie holte mich ein und dann standen wir da, an der Haltestelle ‚Waldau Theater‘. Wir begannen herumzustreiten. „Ja, man Beyza, denkst du, ich bin blöd oder so?! Ich weiß doch ganz genau, dass du gar nicht in die Stadt mit wolltest, sag das doch gleich, anstatt die ganze Zeit so schlecht gelaunt zu sein!“, sagte ich.

Beyza antwortete darauf nicht, ich glaube, meine Worte waren zu direkt, aber ich konnte doch nichts dafür … Ich guckte sie an, sie guckte weg, schaute zu Boden. Die Stimmung war so sehr auf dem Tiefpunkt, dass wir zuerst gar nicht merkten, wie voll die Kreuzung war: Überall die hupenden Autos und die vielen Menschen. Zwischen den ganzen Leuten entdeckten wir einige, die hoffnungsvoll auf einen Casting warteten.

Ich kam mir total dumm vor, fragte mich, wieso wir schwiegen, obwohl es nicht zu schweigen gab. Plötzlich fing ich einfach zu reden an, fragte Beyza, wieso wir nicht rüber gehen, auf die andere Straßenseite, zu dem Casting. Sie nickte und wir gingen rüber ins Theater. Wir zwängten uns durchs Gedränge. Und da stand es auf einmal, auf einen riesigen Plakat, in Großbuchstaben (Word 2951): „Allein gegen die Zeit // alone vs. The time“.

Ich wusste gar nicht, dass die Fernsehsendung ein Casting machte. Ich wurde aufgeregt, denn ich mochte die Sendung. Durch die Aufregung vergaß ich, dass die Stimmung zwischen Beyza und mir eigentlich nicht so gut war, und ich fing mal wieder zu reden an, über die Sendung. Zwei Mädchen standen vor uns, sie sahen so aus, als würden sie beim Casting mitmachen, hochgestylt wie so Barbie-Puppen mit 5 kg Schminke im Gesicht, und die Haare waren bestimmt mit zwei Flaschen Haarspray gemacht worden. Da fing Beyza auf einmal wieder mit mir zu reden an. Sie flüsterte mir ins Ohr: „Hast du eben die zwei Mädchen gesehen? Das ging ja mal gar nicht“.

Ich freute mich, dass Beyza wieder einigermaßen gute Laune hatte. Wir versuchten weiter reinzukommen. Und da war auf einmal der Hauptdarsteller von agdZ, Timon Wloka. Er sah so gut aus, aber was irgendwie traurig war, war ein Mädchen, das in einer Ecke saß und weinte. Wir gingen zu ihr und sprachen sie an: „Hey, du, wieso weinst du denn? Deine ganze Schminke ist ja verlaufen.“

Daraufhin sagte sie: „Ja, ich weiß. Ich bin ganz traurig, weil meine Eltern mich nicht unterstützen wollen. Meine Eltern sagen, dass ich keine Schauspielerin werden soll, sondern lieber den Laden von meinem Vater übernehmen soll. Aber ich will das nicht. Eigentlich darf ich hier gar nicht sein, ich habe zu meiner Mutter gesagt, dass ich kurz zum Kiosk gehe!“

Wir munterten sie auf und halfen ihr beim Frischmachen.
„Mein Name ist übrigens Emma“, sagte sie. „Und wie heißt Ihr?“
„Ich bin Joy, und das ist meine Freundin Beyza“, antwortete ich.
Ich schminkte Emmas verlaufene Schminke zuerst ab und machte ihr neue aufs Gesicht und Beyza machte Emmas Haare. Sie sahen schließlich richtig schön aus.

Die Nummer 137 wurde über die Lautsprecher aufgerufen. Das war Emmas Nummer. Sie stand auf, ging auf die Bühne und … sie hat es geschafft! Sie war dabei. Aber auf einmal war sie weg.
Beyza war empört, dass sie sich nicht einmal bedankt hat, aber ich war trotzdem guter Dinge. „Schließlich durfte Emma gar nicht hier sein“, sagte ich zu Beyza.

Es war schon sehr spät geworden, die Zeit ging schnell vorbei. Beyza und ich gingen nach Hause und fragten uns: „Sehen wir Emma jemals wieder?“

Eine Woche später machten Beyza und ich einen Mädchenabend. Es gab nichts Gutes im Fernsehen, Beyza schaltete jede Sekunde um. Plötzlich entdeckten wir auf KIKA den neuen Trailer von „Allein gegen die Zeit“, die erste Folge sollte heute, gleich um 20:10 Uhr kommen. Und in dem Trailer, da war Emma … Um 20:10 Uhr schauten wir agdZ. Emma war eine gute Schauspielerin, doch langsam fand ich das auch doof, dass sie sich bei uns nicht bedankt hatte. Aber egal, so ist das Leben im Bremer Westen.

Ein paar Tage später gingen Beyza und ich in die Stadt, und wir trafen Emma vor dem Rathaus. Sie kam sofort zu uns und sagte:
„Danke schön, dass ihr mir geholfen habt. Es tut mir leid, dass ich mich beim Casting nicht bedanken konnte, ich musste doch wieder schnell nach Hause.“

Beyza hat es dann verstanden, warum Emma sich nicht bedanken konnte. Emma lud uns als Dankeschön bei Starbucks ein. Anschließend gingen wir noch zu dritt shoppen. Und bis heute sind wir gute Freundinnen ♥

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.