Erkundung, flusswärts

Ein Text von Juliana Kálnay.

Nachts verschwimmen die Linien der Häuser hinter den Fensterscheiben und das Laternenlicht wird wässrig und dumpf. Wenn wir in den frühen Morgenstunden hinaustreten, ist das Kopfsteinpflaster immer noch feucht. Tagsüber gehen wir die Gegend erkunden. Wir packen Wasserflaschen ein und eine kleine Tasche mit dem Nötigsten. Dann teilen wir uns auf und verabreden einen Treffpunkt. Wenn Stella links geht, muss ich rechts gehen und umgekehrt. Öffentliche Verkehrsmittel sind nicht erlaubt, beim Auto zu warten ebenso wenig. Meistens mache ich mich auf die Suche nach einem Park oder einer Bank am Fluss. Einmal gelangte ich sogar über eine Brücke auf die Schützeninsel, ein grüner Fleck inmitten der Moldau, auf dem man an Abend sogar unter freiem Himmel Filme sehen konnte. Doch ich blieb auf meiner Bank, lauschte dem Rauschen des Wassers und fühlte mich dabei seltsam beruhigt, wenn ich an die Vodníks dachte, jene Wassergeister, die die Seelen der Ertrunkenen bewachen. Immer wieder hatte mir Stella von den hundert Legenden der Stadt erzählt. Als die Sonne anfing, unterzugehen, lief ich zurück zum Auto. Was Stella bei ihren Erkundungen macht, weiß ich nicht. Meistens ist sie erst später beim Treffpunkt und hat dann eine Tüte dabei mit lauter nützlichen Sachen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.