Ein Rückblick auf tod.tschick.herrndorf

Aufgeschrieben von Sina Lührs, derzeit Praktikantin im Literaturhaus Bremen.

Wolfgang Herrndorf – dieser Name war mir natürlich auch schon vor dem 23. August nicht völlig fremd gewesen, aber zumindest den Hype um Herrndorf hatte ich bisher, ehrlich gesagt, nur bedingt nachvollziehen können. Durch den Deutschleistungskurs einmal dazu gebracht worden, „Tschick“ als Theaterstück zu sehen und das Sulinger Stadttheater sehr begeistert zu verlassen – durch ein Germanistikseminar über Tod und Krankheit einmal dazu gebracht worden, „Arbeit und Struktur“ zu lesen, zugegebenermaßen nur mäßig erfolgreich und zudem auch weniger begeistert.

Also: Tod und Tschick = Herrndorf? Die multimediale Lesung mit Vortrag vom Kulturjournalisten Jens Laloire belehrte mich eines Besseren und schlug mich in Wolfgang Herrndorfs Bann aus trockenem, schwarzem Humor, wiederkehrender Trostlosigkeit und erfrischender Direktheit.

Die ersten gelesenen Textauszüge aus der „Scham & Ekel GmbH“ (2001), die wohl für die meisten der über 30 Zuschauer bis dato unbekannt waren, fesselten mich: Die Absurdität innerhalb der Beschreibungen von Scham während des U-Bahn-Fahrens und des Einkaufens ließ mich mehrfach laut auflachen, wohl auch, weil ich mich selbst in ihnen wiederfinden konnte. In Kombination mit Jens Laloires packendem, flüssigem Lesestil ließ somit bereits der Start der Veranstaltung einen lehrreichen, unterhaltsamen Abend erwarten. Und richtig: Auch der Auszug aus „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ (2009), in welchem es um Herrndorfs Kunststudium ging, ließ die Gäste des Kukoons mehrfach auflachen und meine Sympathie für den Autor weiter ansteigen, und während Jens Laloire im Zuge seiner näheren Ausführungen zu Herrndorfs Biografie einige Stellen aus „Arbeit und Struktur“ (2013) vorlas, ertappte ich mich dabei, dies plötzlich doch viel mehr zu mögen als vor einigen Semestern, als ich es selbst mit dem Text versucht hatte. Stimmig in den Vortrag zu Herrndorfs Biografie eingebunden kommt Laloire schließlich auch auf die Bilder zu sprechen, die – mittels Beamer an die Wand hinter dem Redner und Leser geworfen – schon die ganze Zeit meine Aufmerksamkeit erregt hatten. Absolut beeindruckend: Herrndorfs künstlerisches Talent, seine Fähigkeit andere Stile und Motive nachzumachen, aber auch ganz Eigenes zu schaffen, die große Vielfältigkeit innerhalb seiner Kunst – traurig: wie er die Kunst als eine Qual wahrgenommen hat. Es kommt zum Wendepunkt in Herrndorfs Leben, der Diagnose seines Hirntumors, die ihn sich in die Arbeit stürzen ließ – und es kommt zu einer kurzen Pause der Veranstaltung, in der die gewöhnungsbedürftige Musik aus „Tschick“, Musik von Richard Clayderman, passenderweise im Hintergrund spielt.

Nachdem Jens Laloires Hut gefüllt, neue Getränke besorgt und die Füße vertreten worden waren, widmeten sich alle wieder dem Mann des Abends und schauten und hörten gespannt einer Lesung zu, die Herrndorf 2011 zu seinem Agententhriller (oder auch parodischen, rätselhaften Trottelroman) „Sand“ (2011) gegeben hatte. Auch wenn dieses Werk düster und komplex sein sollte, heiterten der gelesene Textausschnitt und die Liste der verworfenen Titel für das Buch das Publikum deutlich auf. Gut! Denn im folgenden wandte sich Jens Laloire erneut „Arbeit und Struktur“ ( 2013) zu, dem Online-Tagebuch Wolfgang Herrndorfs bis zu seinem Tod, einem „Protokoll des Lebens“, einer „Achterbahn der Gefühle“, einem hoch vielfältigen, komplexen Buch, das Jens Laloire mit Nachdruck wärmstens empfiehlt – und welches ich nach dieser Veranstaltung nun doch noch einmal auf meine Leseliste gesetzt habe. Highlight des Abends, wenn ich mich denn entscheiden müsste, war die Gegenüberstellung von „Bilder deiner großen Liebe“ (2014) und „Tschick“ (2010), dem Erfolgsroman, den ein Großteil der im Raum Versammelten gelesen hatte. Der direkte Vergleich zweier Romane mit zwei unterschiedlichen Erzählern und Protagonisten, aber der gleichen Szene miteinander zog mich in seinen Bann, und nicht zuletzt Jens Laloires Statement, dass ein gutes Jugendbuch eben auch Erwachsene lesen würden, überzeugte mich vollends vom gehypten „Tschick“ (2010) und seinem unvollendeten Nachfolger. Den runden und krönenden Abschluss bildete ein „Outtake“ von Tschick, welches in „Arbeit und Struktur“ (2013) zu finden ist und welches mir noch einmal verdeutlichte, was ich an Herrndorf nun doch so mochte: seinen Humor und seine Direktheit.

Jens Laloire hat Wolfgang Herrndorf zu seinem 5. Todestag alle Ehre erwiesen: Packende, unterhaltsame und abwechslungsreiche Textstellen, gepaart mit einem fesselnden Vortragsstil, interessanten Kommentaren, Deutungen und biografischen Informationen sowie nicht zuletzt die Vielfalt an Medien und die gemütliche Atmosphäre im Kukoon ließen für mich keine Wünsche offen. Dem Applaus und der Stimmung nach zu urteilen, erging es dem Rest des Publikums ähnlich. Vielleicht wird ein Teil von ihnen sich im September die Neuerscheinung „Stimmen“ (2018), eine Sammlung von Herrndorf-Texten, zulegen und vielleicht wird ein Teil von ihnen auch am 28. September wieder im Kukoon vorbeischauen, wenn Jens Laloire in einem „Speed Booking“ Bücher vorstellt und versteigert.

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