Der Literaturtipp im August

„Warum bist Du nicht vor dem Krieg gekommen?“ von  Lizzie Doron.

Peter Koettlitz_Fotograf Kristian Kussyk_72dpi

Von Peter Koettlitz – Lehrer, Theatermacher und Mitinitiator der „Deichpoeten“.

Sprechen wir von den Opfern des Nationalsozialismus, sollten wir nicht nur die Toten betrauern. Sprechen wir auch von den Überlebenden und ihren Familien, von deren Traumata wir erfahren. Und diese Traumata leben in den nächsten Generationen fort: unvorstellbares Leid, unvorstellbarer Schmerz. Die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron hat mit ihrem Roman den Menschen eine Stimme gegeben, die verstummt waren. Es sind die Überlebenden der Shoa.
Überlebende. Das Wort suggeriert Entkommen und Rettung. Die ins Exil Gejagten sind ihren Mördern entkommen. Aber was war das für ein Leben nach dem Überleben?  Wie viele zerbrachen. Wir kennen die Dunkelheit des Exils , wir kennen das Schicksal Ernst Tollers, Stefan Zweigs, Nelly Sachs´. Aber wie wenig denken wir über das Leben der Überlebenden nach, deren Namen und Familien wir nicht kennen. Sie haben für uns kein Gesicht und wir betrauern sie nicht: sie sind ja entkommen, sie haben ja überlebt.
In Israel erzählten die Überlebenden nicht von der Shoa und was sie erlebt hatten. Sie erzählen nicht von ihren Bildern, nicht von ihren Dämonen, nicht von ihren Ängsten.
Lizzie Doron lässt sie sprechen. Sie schreibt über die Erinnerung. Die ihrer Mutter, der Nachbarn, der Freunde. Sie hatten überlebt. Mehr wird nicht gesagt.
Helena heißt die Mutter im Roman. So heißt auch die Mutter der Autorin, die den Holocaust überlebt hat.
Dennoch schreibt Lizzie Doron keine Autobiografie. Sie macht das Leben der Überlebenden sichtbar und fühlbar. Und sie lässt uns lesend an diesem Schicksal teilhaben.
„Viele Nächte lang stand ich am Fenster und schaute auf die Straße, denn nachts trafen sich dort die Nachbarn, um sich zu erzählen, was ihnen während des Holocaust zugestoßen war. Sie standen in den Gärten, auf den Straßen, sie schrien, sie weinten, sie brauchten dies Ventil für ihre Alpträume.
Alle Kinder standen wie ich am Fenster und sie wussten, was da unten mit ihren Eltern passierte, aber darüber gesprochen haben wir nie miteinander. Ich habe meine Mutter auch nie gefragt. Wir wussten, dass das es etwas war, an das wir nicht rühren durften.“ (Lizzie Doron in einem Interview mit Sigrid Brinkman)
Die Überlebenden wollten ihre Kinder schützen vor sich und ihrem Schmerz, ihrem Trauma.
Als Lizzie Dorons Mutter 1990 im Sterben lag, fragte der Arzt, woran die Verwandten der Mutter gestorben seien. „Gaskammern“ antwortete Lizzie, damals 37 Jahre alt.

Lizzie Doron erhielt für „Warum bist Du nicht vor dem Krieg gekommen“ 2007 den Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur Jeanette Schocken.

„Lizzie Doron, selber Kind einer Überlebenden, erzählt leise, knapp und genau und gänzlich ohne Pathos. Kein Lamento. Keine Bitterkeit. Es gelingen eindringliche Szenen, in denen Komik und Trauer sich verbünden, Schrecken und Zärtlichkeit gemeinsam balancieren. Das ist so meisterhaft wie berührend. Lizzie Dorons Bücher legt man nicht weg, um sie zu vergessen. Man legt sie weg, um erneut nach ihnen greifen zu können.“ (Auszug aus der Begründung der Jury)

Doron
Lizzie Doron:
Warum bis du nicht vor dem Krieg gekommen?
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Suhrkamp Taschenbuch 3769
ISBN: 978-3-518-45769-6
130 Seiten
7,00 €

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