Der Literaturtipp des Monats: „April“ von Angelika Klüssendorf

Foto_Maike_c_Heike_Mueller_800Eine Leseempfehlung von Maike Duddek, Mitarbeiterin im Literaturhaus Bremen:

April, das ist Angelika Klüssendorfs junge Heldin in einer brüchigen Welt. Aber „April“, findet Maike Duddek, ist auch eine scharfe Beobachtung und Zustandsbeschreibung: Das Nebeneinander von Unvorhersehbarem und quälend langsamen Getriebensein ist nicht nur der Protagonistin, sondern ihrer ganzen Umgebung schonungslos eingeschrieben.

April steht am Übergang von der Jugend zum Erwachsensein in der DDR, und die Zukunft hält für sie keine Wunder oder großen Annehmlichkeiten bereit. Als Unterschichtenkind wird sie im Leipzig der 1970er weitergereicht, ohne irgendwo anzukommen. Es geht von einer schäbigen Wohnung in die nächste, von beliebigen Jobs in die Wohnungen gutherziger und weniger gutherziger Bekannter und schließlich in die Psychiatrie und zurück. April gerät von einem Mann an den nächsten und all das, so scheint es, ohne Erfüllung. Aprils Liebe zum Lesen und Schreiben wirkt dabei als einzige greifbare Konstante in ihrem Leben. Das, und das Nachspüren der Muster ihrer Kindheit. Dabei wagt April, die es mittlerweile in den Westen verschlagen hat, die Annäherung an ihre Familie, die nicht gelingen will…

Angelika Klüssendorf entwirft in „April“ ein Leben im geteilten Deutschland, das deprimierend und ungeschönt, aber auch faszinierend wirkt. „Lethargisch, fast schläfrig beobachtet sie“, heißt es über April, und das fällt auch auf Klüssendorfs Beobachtungsgabe zurück. April ist eine junge Frau, so impulsiv und wechselbar wie der Monat selbst – eine Naturgewalt­ in einer zunehmend zerrütteten Welt. Dabei ist es nicht nur der zerrüttete Staat, sondern auch ihr Leben und auch ihre Psyche, um die es immer schlechter steht. In der Sprache vermischen sich Inneres und Äußeres: wo die wörtliche Rede fehlt, durchdringen sich April und ihre Umwelt gegenseitig. Insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, es bei April mit einer streunenden Katze zu tun zu haben. Ein zähes Ding, das sich durchschlägt und immer irgendwie davonkommt.

„April“ ist deshalb vor allem eins: Ein Roman über das Spiel mit dem Davonkommen. Obwohl es auch das Porträt einer ganzen bestimmten Zeit ist, berührt es durch die Universalität des Erwachsenwerdens ganz empfindliche Punkte. Für mich ist klar: „April“ ist ein Buch, das beim Lesen erst dünnhäutig macht und dann subtil die Krallen ausfährt.

april_coverAngelika Klüssendorf: April
Roman, 2014
Kiepenheuer & Witsch
224 Seiten
€ 18,99

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