Der Literaturtipp des Monats

Gianna_1024_72Gianna Lange, Trägerin des Bremer Autorenstipendiums, empfiehlt

„180° Meer“ von Sarah Kuttner:

Jules Meer muss grau und stürmisch sein. Immer wieder zieht es sie dorthin, wenn es bei ihr nicht so gut läuft. Und das tut es eigentlich nie.

Jule arbeitet als Sängerin in einer Bar, die sie nicht mag, wo sie in einem Kleid, das sie nicht mag, Musik singt, die sie nicht mag. Am Klavier begleitet sie ihr Kollege, den sie nicht mag, und im Büro der Bar schläft sie mit ihrem Boss, den sie nicht mag. Noch weniger als all das kann sie eigentlich nur ihre Eltern leiden: ihre depressive und narzisstische Mutter Monika und ihren abwesenden Vater Michael. Die einzigen Menschen, die sie mag, sind ihr Bruder Jakob und ihr Freund Tim, bei dem sie sich gut fühlt und dessen Nähe sie will und ertragen kann.

Ihr ohnehin schon wackeliges Leben gerät bedrohlich ins Schwanken, als Tim von ihrer Affäre mit dem Boss erfährt und von ihr vorerst nichts mehr wissen will. Kurzschlussartig packt Jule ihre Sachen und fliegt zu ihrem Bruder nach London. Dort lässt sie sich von der Masse tragen und von farblosen Stadtrandvierteln beruhigen. Sie entwickelt eine von beiden Seiten misstrauisch beäugte Beziehung zu einem Hund, dessen ambivalentes Verhalten sie an ihr eigenes erinnert. Und eigentlich sollte es ihr egal sein, dass ihr Vater in der Nähe lebt, am Meer, und bald an Krebs sterben wird. Mit geliehenem Hund im Gepäck, vielen Knoten im Kopf und der Aussicht auf 180 Grad Meer macht sie sich dennoch auf den Weg, ihren Vater noch einmal zu sehen.

Sarah Kuttners Protagonistin ist so voller Selbstverachtung und ungelöster Probleme, dass es einem beim Lesen bisweilen fast unbehaglich wird. Untätig sehen wir der jungen Frau dabei zu, wie sie Schlechtes schlecht sein lässt, kaputt macht, was noch heil ist, und dabei nichts hinterfragt, weil die Mauer, die sie um sich selbst gezogen hat, zu hoch und zu dick ist. Mit gewohnt schonungsloser und direkter Sprache kreiert Kuttner eine Protagonistin, die es einem schwer macht, sie zu mögen – was der Protagonistin selbst vermutlich gut passen würde. Ihr Dauerzustand ist eine Mischung aus Wut und Verachtung, die sich auf ihre Umwelt, vor allem aber auf sie selbst konzentriert. Selten fühlt sie sich neutral, niemals einfach nur zufrieden. Selbst als sie in Bewegung gerät, sich aus ihrer gewohnten Unbehaglichkeit löst und die Fassade langsam zu bröckeln beginnt, geschieht dies stolpernd. Kuttner lässt uns, wie bereits in früheren Werken, keinen Moment lang an das Klischee „Ende gut, alles gut“ glauben. Stattdessen entlässt sie uns mit der Botschaft, dass auch Versuche, selbst gescheiterte, lohnenswert sind – und manchmal alles, was wir bekommen. Das rückt Kuttners Buch mitten ins Leben und macht es so lesenswert.

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Sarah Kuttner: 180° MEER
S. FISCHER, gebunden, 272 Seiten
ISBN: 978-3-10-002494-7
€ 18,99


Sarah Kuttner stellt ihr Buch am 29. April um 20:00 Uhr im Kulturzentrum Schlachthof vor.

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