Der Buchtipp des Monats

Spörl-Portrait_800Uwe Spörl, Universitätslektor für neuere deutsche Literaturwissenschaft der Universität Bremen, empfiehlt

„Die Unglückseligen“ von Thea Dorn.

Die Molekularbiologin Johanna Mawet ist besessen von der Idee, Krankheit, Leid und Tod zu bekämpfen, ja zu besiegen. Sie ist felsenfest davon überzeugt, mit solcher Forschung der Menschheit einen Gefallen zu tun. Und auch wenn sich bestenfalls kleine Teilerfolge einstellen wollen: Bei einem solch „faustischen“ Unterfangen ist der Teufel natürlich nicht weit, jedenfalls in der Literatur. Die eigentliche Würze erhält dieser Roman aber durch einen weiteren Johann, Johann Wilhelm Ritter nämlich, einen Pionier der Elektrophysik und Naturphilosophen aus Goethes Zeiten, der sich wie Faust und Johanna bedingungslos seinen Forschungen verschrieben hatte – und dementsprechend früh, als Mittdreißiger, im Jahr 1810 starb. So steht es jedenfalls in Wikipedia. Johanna Mawet und mit ihr die Leser haben also einen weiteren Forschungsauftrag, nämlich zu klären, was dieser Ritter eigentlich in der heutigen Welt, in der die Geschichte des Romans spielt, zu suchen hat (er selbst fragt sich das übrigens auch). Des Rätsels Lösung soll hier natürlich nicht verraten werden. Dass die Geschichte ein großer Spaß ist, obwohl und weil sie ganz ernste Themen (die Ethik und die Geschichte der Wissenschaften insbesondere) behandelt, sei hier nur festgestellt. Noch größeren Spaß macht allerdings die Sprache des Romans – und das ist vielleicht das Beste, was man von Literatur sagen kann. Genauer gesagt, sind es Sprachen: die der Goethezeit und die unserer Zeit, die der Wissenschaft und die des Alltags, Gencodes und Comics, wissenschaftliche Protokolle und Zaubersprüche – das alles (und noch viel mehr) geht in diesen Roman ein und macht ihn zu einem Fest der Sprache. Wer also Lust auf Literatur hat, sollte diesen Roman, der Lust macht, unbedingt lesen.

Thea Dorn: Die Unglückseligen. Knaus 2016, gebunden, 560 Seiten, ISBN: 978-3-8135-0598-6,

 

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