Das Modellprojekt 2006

Im Rahmen eines Modellprojektes zog der Bremer Autor Tim Schomacker mit einem Arbeitsstipendium in das virtuelle Literaturhaus ein und entwickelte über mehrere Monate das literarische Netzprojekt „papierfiguren / Schreiben am Netz“.

In der ersten Hälfte des Jahres 2006 nutzte der Bremer Autor und Stipendiat die Räumlichkeiten des Literaturhauses, um die Arbeit an seinem ersten Roman zu dokumentieren. Im Mittelpunkt stand dabei weniger der Romantext selbst als verschiedene Verfahren und Arbeitsweisen, die sich in den Biographien seiner »Papierfiguren« niederschlagen. Das Projekt erzählte von den Tücken der Identität, von hohen und niederen Tönen, von der Bedeutung der Musik für die literarische Arbeit.

Begleitend zum Arbeitsaufenthalt im Netz stellte das Literaturhaus stellte sich, seinen „writer in residence“ und das gemeinsame Projekt Bremen in einer Lesung, einem Autorengespräch und einer Text-Klang-Improvisation vor. Die Veranstaltung fand am 30. März 2006 in Kooperation mit der Stadtbibliothek Bremen statt. Der Lesegarten der Zentralbibliothek war mich ca. 80 Literaturinteressierten sehr gut besucht. Das Autorengespräch mit Tim Schomacker wurde von Frau Dr. Behl moderiert.

Wichtige regionale Medienvertreter dokumentierten das Projekt, u.a. der Weser Kurier, die taz bremen, und die Kreiszeitung Syke.

Das Projekt „writer in residence“, das mit einer Projektförderung des Senators für Kultur erfolgreich gestartet werden konnte, wird seit 2007 mit privaten Mittel der Bernd und Eva Hockemeyer Stiftung weitergeführt. Inzwischen wird eine unabhängige Jury zur Auswahl des Stipendiaten eingesetzt und das Projekt hat inzwischen unter dem Namen „Bremer Netzresidenz“ bundesweit Aufmerksamkeit erhalten. Im Februar 2008 wurde das Literaturhaus Bremen für diese Projektidee mit dem Prädikat „Ausgewählter Ort im Land der Ideen“ von der Bundesregierung und der Deutschen Bank ausgezeichnet.

Tim Schomacker: Lesung "papierfiguren"

Fragen zum Projekt an den Autor:

Was sind »papierfiguren«?
Sie sind meine Assistenten. Zunächst bestehen sie aus nur wenigen Informationen. Wie ein Eintrag in einem nur wenig umfangreichen Lexikon. Mit der Zeit entwickeln sie eine Art Eigenleben. So halten sie den Schreibprozess in Gang. Sie beginnen, mich unter Druck zu setzen, weil: je deutlicher sie an Kontur gewinnen, desto mehr muss man aufpassen, was man ihnen unterschieben kann.

Woher kommen die »papierfiguren«?
Jede Figur repräsentiert bestimmt Stichworte: Comic, Identität, Musik. Zusammengenommen ergibt das eine Art Karte meiner Arbeitsfelder. Wobei es da weniger um Stichworte geht, als um den Versuch, Ideen, Skizzen, Lektüren usw. zu sortieren.

Wie findet man die »papierfiguren«?
Sie sind Bewohner des Literaturhauses, wie alle anderen auch. Einige leben hier, andere sind nur als Gäste in der Stadt. Man stößt auf sie, wie man auf einen Autor oder eine Autorin stoßen würde, deren Namen man noch nie gehört hat. Die Seiten der »papierfiguren« sind aber auch untereinander verbunden. In dem kleinen Text auf der Seite zum »Literaturort: papierfiguren« sind alle, die bisher im Netz stehen als Link versteckt. Dazu gibt es zahlreiche Hinweise und Verbindungen auf meiner Autorenseite.

Gibt es einen Zeitplan für das Projekt?

Sicher. Momentan stehen vier Figuren im Netz. Das ist die Basisstruktur. Es gehört zu diesem Projekt, dass es sich langsam entwickelt, dass ständig etwas dazukommt. Die Biografien der Figuren sollen langsam wuchern und ihre Seiten einander durchdringen. Bis Anfang Mai kommen noch mindestens drei weitere Figuren hinzu. Dann ist das Netz fertig geknüpft. Bis in den Sommer wird der Austausch zwischen den Figuren intensiviert und die Texte werden näher an den Roman heranrücken.

Warum haben Sie sich für diese Form entschieden? Gibt es Vorbilder?
Die Ausgangsfrage war: Wie dokumentiert man die Arbeit an einem Roman auf den Seiten des Literaturhauses? Ein Buch ist offenkundig etwas anderes als eine Website. Mir ist es nie darum gegangen, einen ›Internet-Roman‹ zu schreiben, weder inhaltlich noch formal. Es wurde in den letzten Jahren viel über »Hyper-Texte« und ähnliche Strukturen geredet. Das ist sicherlich nicht falsch. Nur vergisst man leicht, dass derlei Formen nicht mit dem Internet entstanden sind. Was ist denn eine Bibliothek z.B. anderes als ein »Hyper-Text«? Oder die Sammlung der Lebens-Geschichten in Perecs »Leben. Gebrauchsanweisung«? Auch in einem ganz einfachen Handlexikon, einbändig, gekauft im Supermarkt, gibt es Verweise und keine von vornherein vorgegebene Leserichtung.
Dieser Roman – wenn man das denn so nennen will – war und ist in Richtung Buch gedacht. Mal abgesehen davon, dass es strategisch ebenso ungünstig ist, unfertige Texte ins Netz zu stellen wie solche Passagen, die im Buch auftauchen werden, musste eine andere Form her. Den Umweg über Kunstfiguren zu gehen, erschien praktikabel. Zumal es in dem Buch auch darum geht, wie sich in einer Mixtur unterschiedlicher Textformen eine Geschichte zugleich verbergen und erzählen lässt.
Vorbilder? Ich habe, ehrlich gesagt, nicht danach geschaut, ob wer seine Arbeit dergestalt dokumentiert. Das spielt, denke ich, auch keine entscheidende Rolle. Als schreibender Leser muss man ja dauernd etwas nach-lesen. Carlyle hat in den 1830er Jahren einen Roman geschrieben, der als Übersetzung eines kulturwissenschaftlichen Werks daherkommt. Da gab’s den Begriff ›Kulturwissenschaft‹ noch lange nicht. H.G. Wells‘ »The Shape of Things To Come« macht etwas ähnliches. Das Buch erschien 1933. Und die Liste der Autoren, die sich als Herausgeber, zufällige Finder usw. tarnen, ist ebenso lang wie prominent. Es hat etwas von Hase und Igel.

Legt Ihre Arbeitsweise nicht trotzdem nahe, dass Sie reihenweise Zitate in Ihre Texte einbauen oder sich bei anderen Texten bedienen?
…wie nicht, das wollte ich damit sagen. Aber gut – spielen wir eine Runde ›Spot the Sample‹: Georges Perec, Jean Paul, Italo Calvino, Derek Jarman, Paul Auster, Leonardo da Vinci, Arno Schmidt, Gerhard Richter, Roberto Bolano, Ellery Eskelin, Ror Wolf, Jorge Luis Borges, Thomas Kling… mehr fallen mir im Moment nicht ein…

Wäre es nicht einfacher, ein Arbeitsjournal zu schreiben? Und übersichtlicher?
Wahrscheinlich wäre es das. Aber auch langweiliger. Zumindest in meinem Fall. Außerdem interessiert mich der Blick auf den Alltag des Schreibenden nicht sonderlich. Genau wie ich in Texten nicht lesen möchte, wann wer die erste Dose Fanta getrunken hat oder warum die Waschbetonplatten der Kindheit nach einem Sommerregen grauer sind als sonst. In dieser Form kann man viel mehr ausprobieren. Man kann auch leichter etwas behaupten, eine Setzung machen, um dann von einem ganz anderen Punkt weiter schreiben zu können.

Mal ehrlich: Hätten Sie einige der Bücher in den Veröffentlichungslisten der »papierfiguren« nicht gerne selbst geschrieben?
Möglicherweise wirkt das anmaßend. Aber nur, weil es um Bücher geht, in einer Menge, die man selbst nie auf der eigenen Veröffentlichungsliste haben wird. Andererseits: Wenn die Erfindung eines Fernrohr oder eines neuen Tanzes einen guten Stoff abgibt und man sich in eine solche Entstehungsgeschichte erzählerisch hineinbegibt, bedeutet das ja auch nicht, dass man sich selbst eine derartige Erfindung zutraut. Genausowenig wie man Meteorologe sein muss um ein Stück Himmel zu beschreiben.
Worum ich die »papierfiguren« aber beneide ist, dass sie Zeit haben, sich mit einer Menge Dinge zu beschäftigen. Während sie sich dauernd mit Buchillustrationen oder Film beschäftigen, kommt das bei mir nur am Rande vor. Aber auch hier lasse ich mich gerne von ihnen überzeugen. So ist nicht ausgeschlossen, dass, was hier ein Titel ist mit einem Buchcover und ein wenig Begleittext, irgendwann zu einer Erzählung wird. Aber nicht bei allen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob mir alle Texte überhaupt gefallen würden. Eine Nach-Geschichte alter Handelsstraßen zu schreiben beispielsweise, interessiert mich überhaupt nicht. Da bin ich froh, dass das Rasmus Müller macht. Der ist schließlich in einer Kleinstadt aufgewachsen, in der sich solche Spuren vielleicht finden ließen.

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