Gemeinsam stark – Schreibwerkstatt mit Alexa Stein

Die Gesichter der Schülerinnen und Schüler sind uns freundlich zugewandt als wir in den hellen, nahezu quadratischen Raum treten. Es herrscht eine fröhliche Atmosphäre, und doch sind die Jugendlichen in der Klasse 8c gemessen daran, dass sie ihren ersten Roman schreiben, sehr konzentriert und emsig bei der Sache. Die vierte Sitzung des Workshops zum Schulhausroman, der an der Oberschule in den Sandwehen stattfindet, ist gut strukturiert und durchorganisiert, das wird schnell deutlich. Das liegt auch daran, dass die Autorin und Leiterin des Workshops, Alexa Stein, tatkräftig von der jungen Klassenlehrerin Anne Mai Chau und der Inklusionspädagogin Irmgard Siepe unterstützt wird. Aufgrund dessen, dass die beiden Pädagogen die Kinder für gute Gedanken und Beiträge loben, sie aber ebenso maßregeln, wenn sie laut werden oder abschweifen, kann Alexa Stein ihre Kraft darauf verwenden, ihre Fachkenntnisse zu vermitteln und Aufgaben an die Kinder zu verteilen. Das kommt allen Beteiligten zugute.

Zu Beginn will die Autorin die Aufmerksamkeit der Klasse dafür schärfen, was eine Erzählung lebendig macht und was diese benötigt, damit die Leser in sie eintauchen können. Dazu liest sie einige Zeilen aus Cornelia Funkes Tintenherz und bittet die Kinder, währenddessen die Augen zu schließen. Sie will, dass diese nicht darauf achten, was erzählt wird, sondern wie es erzählt wird. Es gehe dabei im Wesentlichen um den Zauber, der einen guten Roman ausmache, sagt sie anschließend, woraufhin Irmgard Siepe ergänzt, dass viel davon auch dadurch bedingt sei, wie Gefühlszustände beschrieben werden. Anstatt diese in einem Wort explizit zu machen, sollen die Schüler versuchen, die Emotionen ihrer Protagonisten z.B. über deren Gesichtsausdrücke, die Tageszeit oder den Ort indirekt zu beschreiben.

Bei dieser Gelegenheit ergreift Anne Mai Chau das Wort, indem sie das Engagement der Kinder lobt. Auch ihr geht es um Emotionen, doch zeigt die Klassenlehrerin ihr pädagogisches Geschick, indem sie auf das Positive innerhalb eines Streitgesprächs zwischen den Schülern anspielt, das es in der Sitzung zuvor gegeben hat. Sie hebt hervor, dass ein Streit in der Sache immer gut sei, dieser nur nicht persönlich werden dürfe.

Der Disput flammte wohl auf, als es darum ging, wessen Ideen in den Roman aufgenommen und wessen Gedanken verworfen werden sollten. Die beiden Pädagogen sprechen dabei von den Vorteilen einer Autorengemeinschaft, die eine Fülle an Ideen ermögliche und von denen nur die passendsten in die Erzählung einfließen würden – das sei durch die Rücksprache mit den anderen Autoren sichergestellt. Alexa Stein nennt das im Schriftsteller-Jargon kill your darling und erläutert, dass ein Schriftsteller auch bereit sein müsse, etwas ihm Wichtiges für die Homogenität seiner Erzählung zu opfern. Auch an diesem Punkt zeigt sich, dass das Projekt des Schulhausromans in der Klasse 8c im besten Sinne Schreibwerkstatt und Persönlichkeitsentwicklung in einem ist. Die Fähigkeit der drei Frauen, mit der sie den Jugendlichen wichtige Impulse zum Schreiben eines Romans geben und zugleich deren soziales Miteinander fördern, fasziniert.

Alexa Stein nimmt den Faden der Sitzung wieder auf, indem sie den Schülern die Anweisung gibt, ihre bereits geschriebenen Szenen noch einmal im Hinblick auf das davor Besprochene zu lesen und zu überarbeiten. Dabei sei auch darauf zu achten, ob die Erzählperspektiven stimmig sind.

Was könne z.B. der verhältnismäßig winzige Hamster Bob sehen, was seine wesentlich größere Besitzerin Sabrina? Die Erzählung selbst, darauf hat sich die Klasse bereits geeinigt, soll gleichermaßen spannend wie komisch sein. Dazu passt, dass Hamster Bob nicht nur direkt mit Sabrina und ihren Freunden Julie, Ahmed und Toni sprechen kann, sondern zum Nachdenken auch gerne ein paar Runden im Hamsterrad dreht. Gemeinsam will das Quintett einen Schatz finden, der irgendwo unter der Schule versteckt liegt. Doch ihr Widerpart, der böse Hausmeister Fork, sucht ebenfalls danach.

In den letzten 30 Minuten der Sitzung geht es noch einmal darum, dass die Klasse Gedanken dazu entwickeln soll, welche Hindernisse sich für die Protagonisten auf dem Weg zum Schatz ergeben könnten. Die ganz große Idee bleibt am Ende aus und dennoch verlassen die Kinder ausgelassen den Klassenraum. Weihnachten steht vor der Tür – die Fortsetzung des Romans wird bis zum nächsten Jahr warten müssen.

Wir danken unseren Partnern: Der Schulhausroman an der Oberschule In den Sandwehen wird unterstützt vom Beirat Blumenthal, der Wilhelm-Kaisen-Bürgerhilfe, der Hockemeyer Stiftung und dem Schünemann Verlag.

Text: Florian Pieth
Fotos: Melanie Maric

Kreatives Chaos – Ein neuer Schulhausroman mit Bas Böttcher entsteht

Es ist eine Schulklasse, wie sie ein Roman nicht besser erzählen könnte. Die 9c der Oberschule an der Schaumburger Straße ist chaotisch, sie ist wild und sie vereint viele unterschiedliche Charaktere. Das zeigt sich am allgemeinen Lärmpegel sowie den unzähligen kleinen Neckereien und Reibereien zwischen den Schülern, die jedoch nie bösartig sind.

Der Klassenraum mit seinen hellgelben und matt lila Wänden, die hellen Holzfensterrahmen, der Globus auf dem hinteren Regal, die bunt beschriebenen und beklebten Plakate – vor allem aber das Piano im Hintergrund, auf dem Stücke von Ludovico Einaudi bis hin zum Titelthema von Halloween erklingen – , das alles hat etwas ungeheuer Inspirierendes. Das kreative Potenzial in der Klassengemeinschaft ist spürbar, doch ist stets auch die Gefahr auszumachen, dass dieses im Chaos mündet, insofern es nicht kontrolliert wird.

Um diese Kreativität in produktive Bahnen zu lenken, wurde das Projekt Bremer Schulhausroman ins Leben gerufen. Der bekannte Autor und Poetry-Slammer Bas Böttcher konnte dabei bereits zum zweiten Male dazu gewonnen werden, die Entstehung eines Romans zu begleiten, der von Schülern selbst erdacht und geschrieben werden soll. Bei diesem Projekt werden zunächst gemeinsam grundlegende Ideen zu den Charakteren, zum Inhalt und zu den Wendepunkten der zu schreibenden Geschichte erörtert. Anschließend wird die Ausgestaltung einzelner Szenen und Dialoge auf Kleingruppen aufgeteilt, die mit Böttcher ständig Rücksprache halten können, insofern sie das wollen.

In Anbetracht dessen, dass die Umsetzung des gesamten Romans in fünf Sitzungen mit jeweils drei Stunden gelingen muss, ist die Koordination des Schreibprozesses allerdings keine leichte Aufgabe. Doch die Rolle des Moderators und Motivators liegt Bas Böttcher. Zu sehen ist das in dem dritten Schreibworkshop am 19. Dezember, in der er stets gefasst und ruhig bleibt, obwohl dies zuweilen einer Geduldsprobe gleichkommt. Vielleicht liegt die Unruhe innerhalb der Klasse an der nahenden Weihnacht und den damit verbundenen Ferien begründet oder es ist die Aufregung vor der Präsentation, die den Schülern an diesem Tag noch bevorsteht. Auf Adrians herausfordernden Ausspruch jedenfalls, er sehe schwarz, an diesem Tage noch etwas zu Papier zu bringen, antwortet der Autor nur bestimmt, dass man nicht arbeite, wenn die Idee kommt, sondern arbeite, damit die Ideen kommen.

Man dürfe die Schüler aber dennoch nicht bevormunden, findet Böttcher und betont, dass sein Fokus auf dem Ergebnis liege, nicht auf den kleinen Querelen zwischendurch. Sein Konzept scheint aufzugehen, denn obwohl die Kinder oftmals abschweifen und sich gegenseitig ablenken, macht die Gruppe auch an diesem Tag Fortschritte. So zeigen etwa Fabio und Jada durchaus den Willen, die Geschichte nach ihren Vorstellungen zu gestalten und machen viele Verbesserungsvorschläge.

Dass aber auch der Rest der Gruppe durchaus zu Resultaten fähig ist, bezeugen die interessanten Ansätze des Romans, der mehrere Erzählstränge miteinander verbindet und irgendwo zwischen Mary Shelleys Frankenstein, Stephen Kings Es und einer Teenie-Story angesiedelt ist. Die Protagonisten Mira und Celi, auch bekannt als „bff“ – die „best friends forever“ – entdecken bei einer ihrer Mutproben die unterirdische Klinik des bösen Arztes Dr. Wolfgang. Der hat den Fußballer Nico, der den Mädchen am Herzen liegt, entführt und zu einem Cyborg umgestaltet. Ob der Junge noch gerettet werden kann und was die Kindheit des grausamen Doktors mit dessen Taten zu tun hat, wird von der Klassengemeinschaft in den folgenden Wochen niederzuschreiben sein.

Man darf gespannt sein, ob die Geschichte um die Protagonisten Mira und Celi genauso fesseln kann wie der Schulalltag ihrer gleichnamigen, realen Vorbilder der Klasse 9c.

Wir danken unseren Partnern: Der Schulhausroman an der Oberschule Schaumburger Straße wird unterstützt vom Beirat Mitte, der Stiftung Gib Bildung eine Chance, der Karin und Uwe Hollweg Stiftung und dem Schünemann Verlag.

Text: Florian Pieth
Fotos: Melanie Maric

Schulhausroman goes Brüssel [5:45]

Unter Anleitung der Bremer Autorin Jutta Reichelt haben die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10L der Oberschule am Ernst-Reuter-Platz in Bremerhaven ihr schriftstellerisches Talent entdeckt. Die jungen Autorinnen und Autoren des Bremer Schulhausromans „Die dunklen Stufen zur Jugend“ stellen nun in Brüssel in einer Mittagslesung ihr Werk vor.

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18. Juni 2017 | Sendereihe: Buchpiloten | Nordwestradio