Kickender Cyborg trifft auf sprechenden Hamster

Man braucht kein Abitur um Autor zu werden: Mit regelmäßigen Schreibaufgaben der Krimiautorin Alexa Stein (Schreib-Coach an der Oberschule In den Sandwehen) und Slam-Poet Bas Böttcher (Autor in der Oberschule Schaumburger Straße) konnten Schülerinnen und Schüler beim Projekt „Bremer Schulhausroman“ ihr erstes eigenes Buch verfassen, das im Schünemann Verlag in Bremen erschienen ist.
Gute Stories sind den Bremer SchülerInnen allemal gelungen: In „Das große Abenteuer mit Bob und seinen Freunden“ der Blumenthaler Jugendlichen will Hamster Bob mit Sabrina und ihren Freunden Julie, Ahmed und Toni einen Schatz finden, der irgendwo unter der Schule versteckt liegt. Die Schaumburger Schulklasse hat mit „Im Abseits“ eine Mischung aus Horror und Teenie-Story geschrieben: Die Protagonistinnen Mira und Celi entdecken eine unterirdische Klinik, in der der böse Arzt Dr. Wolfgang den Fußballer Nico zu einem Cyborg umgestaltet hat…


Beide Schulhausromane sind im Carl Schünemann Verlag erschienen und ab sofort für 5.- € im Buchhandel erhältlich!

>> mehr unter: www.schulhausroman-bremen.de


 

Bremer Schulhausroman: Leidenschaft für die Literatur!

Für die etwa 50 Schülerinnen und Schüler aus den Oberschulen In den Sandwehen und Schaumburger Straße war der 12. Juni ein ganz besonderer Tag. Am Dienstagabend stellten die Klassen 8c und 9c im Wall-Saal der Zentralbibliothek ihre Romane Das große Abenteuer mit Bob und seinen Freunden sowie Im Abseits vor. Die freudige Erwartungshaltung der zahlreich erschienenem Besucher führte bei den jungen Autorinnen und Autoren zunächst zu einiger Aufregung, die Katja Bischoff von der Stadtbibliothek zu dämpfen versuchte. „Hier wird kein Perfektionismus verlangt“, versprach sie, „sondern Leidenschaft für die Literatur.“ Heike Müller, die für das Literaturhaus Bremen den gesamten Schreibprozess der Romane begleitet hatte, lobte die Jugendlichen. „Mit über 20 Mitschülern an einem Roman zu schreiben, ist immer schwierig“, sagte sie. So habe es „neben der Freude auch mal Tränen gegeben“. Trotz allem aber hätten die Klassen gerade in der Schlussphase ihrer achtmonatigen Schreibarbeit „einen richtigen Flow“ entwickelt.

Die eigene Sprache finden

Bevor den jungen Autorinnen und Autoren selbst das Wort gegeben wurde, holte die Moderatorin Lydia Dimitrow die Schirmherrin des Bremer Schulhausromans Alexia Sieling und Richard Reich auf die Bühne. Reich ist der Begründer des Schulhausromans und war extra für die Veranstaltung aus Zürich angereist. Auf Dimitrows Frage, was ihm beim Schulhausroman wichtig sei, antwortete er, dass es ihm generell weniger um das Lesen von Büchern gehe. Seine Idee vom Schulhausroman sei vielmehr, „dass man schreibt und seine eigene Sprache findet.“ Alexia Sieling hob an dem Projekt besonders die Vermittlung wichtiger Schlüsselkompetenzen hervor, die den Schülern im sozialen Bereich und in diversen Lernfeldern zu Gute kämen.

Beim Schreibprozess werden Klassen aus Oberschulen von einem erfahrenen Autoren betreut. Die Krimiautorin Alexa Stein, die mit der 8c der Oberschule In den Sandwehen zusammengearbeitet hatte, bezeichnete sich in ihrer Tätigkeit für die Klasse als „Text-DJ“. Für sie sei es darum gegangen, die unzähligen Ideen der Schüler so zu arrangieren und auszuwählen, dass diese in einem 50-seitigen Roman sinnvoll ihren Platz fänden.

 

Ein sprechender Hamster

Die Schüler aus der 8c lasen jeweils kurze Passagen aus ihrem Roman Das große Abenteuer mit Bob und seinen Freunden vor. Die witzige Geschichte entspannt sich um den Protagonisten Bob, der allerdings kein Mensch, sondern ein Hamster ist. Im Chemieunterricht seiner Herrin Sabrina gerät der Nager an Substanzen, die ihn dazu befähigen, mit Menschen zu sprechen. Allerdings wird Bob Sabrina vom unsympathischen Hausmeister Fock entwendet, der das Mädchen für einen angeblichen Stinkbombenanschlag bestrafen will.

Gerade bei den häufigen Wechseln der Vorlesenden war der Wall-Saal von anerkennenden Pfiffen und Rufen erfüllt. „Ich glaube nicht, dass einer von uns einen Hamster hat“, antwortete die Schülerin Anna-Lena Meyer nach der Lesung auf die entsprechende Frage der Moderatorin. Vielmehr hätte sich die Klasse über das Verhalten der Tiere beim Schreibprozess informiert.

Eine dunkle Zukunft

Der zweite Roman, Im Abseits, wurde vom Schreibcoach Bas Böttcher betreut und handelt von der Frage, wie aus Schlechtem Gutes und aus Gutem Schlechtes werden kann. Der Roman spielt in einer dystopisch angehauchten Zukunft, in der viele Menschen sehr arm sind. Die Schülerin Mira verliebt sich in den Fußballspieler Nico, der vom bösen Dr. Wolfgang schließlich entführt und zu einem Cyborg umgestaltet wird. Als sie davon erfährt, ist der Schock bei Mira groß. So heißt es im Roman: „Verschiedene Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Könnte sie eine Maschine lieben?“

Auf die Idee mit der „dunklen“ Zukunft sei die Klasse durch Brainstorming gekommen, sagte der Schüler Fabio. Das heiße aber nicht, dass die Schüler alle Zukunftspessimisten seien.

Bas Böttcher erzählte, dass ihn bei seiner Rolle als Schreibcoach besonders die „Reise ins Ungewisse“ gereizt habe. „Man kann auch als Autor viel von den Schülern lernen und neue Perspektiven auf die Welt erhalten“. Die Schülerin Luise fand am gemeinsamen Schreibprojekt schön, dass jeder in der Klasse etwas geschrieben habe, aus diesen vielen Teilen aber dennoch etwas Ganzes entstanden sei.

Abgerundet wurde der schöne Abend vom Beatboxer MaZn, der unter anderem Darth Vader und Michael Jackson imitierte. Die Höhepunkte der Veranstaltung waren zwei Stücke von Ludovico Einaudi, die von Erik Lion aus der 9c gefühlvoll auf dem Klavier vorgetragen wurden. Während seine Mitschüler geschrieben hätten, würdigte Bas Böttcher ihn vor dem Publikum, habe Erik oft Klavier gespielt und eine inspirierende Atmosphäre für alle geschaffen.

Text: Florian Pieth

Fotos: Christopher Klerings

Gemeinsam stark – Schreibwerkstatt mit Alexa Stein

Die Gesichter der Schülerinnen und Schüler sind uns freundlich zugewandt als wir in den hellen, nahezu quadratischen Raum treten. Es herrscht eine fröhliche Atmosphäre, und doch sind die Jugendlichen in der Klasse 8c gemessen daran, dass sie ihren ersten Roman schreiben, sehr konzentriert und emsig bei der Sache. Die vierte Sitzung des Workshops zum Schulhausroman, der an der Oberschule in den Sandwehen stattfindet, ist gut strukturiert und durchorganisiert, das wird schnell deutlich. Das liegt auch daran, dass die Autorin und Leiterin des Workshops, Alexa Stein, tatkräftig von der jungen Klassenlehrerin Anne Mai Chau und der Inklusionspädagogin Irmgard Siepe unterstützt wird. Aufgrund dessen, dass die beiden Pädagogen die Kinder für gute Gedanken und Beiträge loben, sie aber ebenso maßregeln, wenn sie laut werden oder abschweifen, kann Alexa Stein ihre Kraft darauf verwenden, ihre Fachkenntnisse zu vermitteln und Aufgaben an die Kinder zu verteilen. Das kommt allen Beteiligten zugute.

Zu Beginn will die Autorin die Aufmerksamkeit der Klasse dafür schärfen, was eine Erzählung lebendig macht und was diese benötigt, damit die Leser in sie eintauchen können. Dazu liest sie einige Zeilen aus Cornelia Funkes Tintenherz und bittet die Kinder, währenddessen die Augen zu schließen. Sie will, dass diese nicht darauf achten, was erzählt wird, sondern wie es erzählt wird. Es gehe dabei im Wesentlichen um den Zauber, der einen guten Roman ausmache, sagt sie anschließend, woraufhin Irmgard Siepe ergänzt, dass viel davon auch dadurch bedingt sei, wie Gefühlszustände beschrieben werden. Anstatt diese in einem Wort explizit zu machen, sollen die Schüler versuchen, die Emotionen ihrer Protagonisten z.B. über deren Gesichtsausdrücke, die Tageszeit oder den Ort indirekt zu beschreiben.

Bei dieser Gelegenheit ergreift Anne Mai Chau das Wort, indem sie das Engagement der Kinder lobt. Auch ihr geht es um Emotionen, doch zeigt die Klassenlehrerin ihr pädagogisches Geschick, indem sie auf das Positive innerhalb eines Streitgesprächs zwischen den Schülern anspielt, das es in der Sitzung zuvor gegeben hat. Sie hebt hervor, dass ein Streit in der Sache immer gut sei, dieser nur nicht persönlich werden dürfe.

Der Disput flammte wohl auf, als es darum ging, wessen Ideen in den Roman aufgenommen und wessen Gedanken verworfen werden sollten. Die beiden Pädagogen sprechen dabei von den Vorteilen einer Autorengemeinschaft, die eine Fülle an Ideen ermögliche und von denen nur die passendsten in die Erzählung einfließen würden – das sei durch die Rücksprache mit den anderen Autoren sichergestellt. Alexa Stein nennt das im Schriftsteller-Jargon kill your darling und erläutert, dass ein Schriftsteller auch bereit sein müsse, etwas ihm Wichtiges für die Homogenität seiner Erzählung zu opfern. Auch an diesem Punkt zeigt sich, dass das Projekt des Schulhausromans in der Klasse 8c im besten Sinne Schreibwerkstatt und Persönlichkeitsentwicklung in einem ist. Die Fähigkeit der drei Frauen, mit der sie den Jugendlichen wichtige Impulse zum Schreiben eines Romans geben und zugleich deren soziales Miteinander fördern, fasziniert.

Alexa Stein nimmt den Faden der Sitzung wieder auf, indem sie den Schülern die Anweisung gibt, ihre bereits geschriebenen Szenen noch einmal im Hinblick auf das davor Besprochene zu lesen und zu überarbeiten. Dabei sei auch darauf zu achten, ob die Erzählperspektiven stimmig sind.

Was könne z.B. der verhältnismäßig winzige Hamster Bob sehen, was seine wesentlich größere Besitzerin Sabrina? Die Erzählung selbst, darauf hat sich die Klasse bereits geeinigt, soll gleichermaßen spannend wie komisch sein. Dazu passt, dass Hamster Bob nicht nur direkt mit Sabrina und ihren Freunden Julie, Ahmed und Toni sprechen kann, sondern zum Nachdenken auch gerne ein paar Runden im Hamsterrad dreht. Gemeinsam will das Quintett einen Schatz finden, der irgendwo unter der Schule versteckt liegt. Doch ihr Widerpart, der böse Hausmeister Fork, sucht ebenfalls danach.

In den letzten 30 Minuten der Sitzung geht es noch einmal darum, dass die Klasse Gedanken dazu entwickeln soll, welche Hindernisse sich für die Protagonisten auf dem Weg zum Schatz ergeben könnten. Die ganz große Idee bleibt am Ende aus und dennoch verlassen die Kinder ausgelassen den Klassenraum. Weihnachten steht vor der Tür – die Fortsetzung des Romans wird bis zum nächsten Jahr warten müssen.

Wir danken unseren Partnern: Der Schulhausroman an der Oberschule In den Sandwehen wird unterstützt vom Beirat Blumenthal, der Wilhelm-Kaisen-Bürgerhilfe, der Hockemeyer Stiftung und dem Schünemann Verlag.

Text: Florian Pieth
Fotos: Melanie Maric

Kreatives Chaos – Ein neuer Schulhausroman mit Bas Böttcher entsteht

Es ist eine Schulklasse, wie sie ein Roman nicht besser erzählen könnte. Die 9c der Oberschule an der Schaumburger Straße ist chaotisch, sie ist wild und sie vereint viele unterschiedliche Charaktere. Das zeigt sich am allgemeinen Lärmpegel sowie den unzähligen kleinen Neckereien und Reibereien zwischen den Schülern, die jedoch nie bösartig sind.

Der Klassenraum mit seinen hellgelben und matt lila Wänden, die hellen Holzfensterrahmen, der Globus auf dem hinteren Regal, die bunt beschriebenen und beklebten Plakate – vor allem aber das Piano im Hintergrund, auf dem Stücke von Ludovico Einaudi bis hin zum Titelthema von Halloween erklingen – , das alles hat etwas ungeheuer Inspirierendes. Das kreative Potenzial in der Klassengemeinschaft ist spürbar, doch ist stets auch die Gefahr auszumachen, dass dieses im Chaos mündet, insofern es nicht kontrolliert wird.

Um diese Kreativität in produktive Bahnen zu lenken, wurde das Projekt Bremer Schulhausroman ins Leben gerufen. Der bekannte Autor und Poetry-Slammer Bas Böttcher konnte dabei bereits zum zweiten Male dazu gewonnen werden, die Entstehung eines Romans zu begleiten, der von Schülern selbst erdacht und geschrieben werden soll. Bei diesem Projekt werden zunächst gemeinsam grundlegende Ideen zu den Charakteren, zum Inhalt und zu den Wendepunkten der zu schreibenden Geschichte erörtert. Anschließend wird die Ausgestaltung einzelner Szenen und Dialoge auf Kleingruppen aufgeteilt, die mit Böttcher ständig Rücksprache halten können, insofern sie das wollen.

In Anbetracht dessen, dass die Umsetzung des gesamten Romans in fünf Sitzungen mit jeweils drei Stunden gelingen muss, ist die Koordination des Schreibprozesses allerdings keine leichte Aufgabe. Doch die Rolle des Moderators und Motivators liegt Bas Böttcher. Zu sehen ist das in dem dritten Schreibworkshop am 19. Dezember, in der er stets gefasst und ruhig bleibt, obwohl dies zuweilen einer Geduldsprobe gleichkommt. Vielleicht liegt die Unruhe innerhalb der Klasse an der nahenden Weihnacht und den damit verbundenen Ferien begründet oder es ist die Aufregung vor der Präsentation, die den Schülern an diesem Tag noch bevorsteht. Auf Adrians herausfordernden Ausspruch jedenfalls, er sehe schwarz, an diesem Tage noch etwas zu Papier zu bringen, antwortet der Autor nur bestimmt, dass man nicht arbeite, wenn die Idee kommt, sondern arbeite, damit die Ideen kommen.

Man dürfe die Schüler aber dennoch nicht bevormunden, findet Böttcher und betont, dass sein Fokus auf dem Ergebnis liege, nicht auf den kleinen Querelen zwischendurch. Sein Konzept scheint aufzugehen, denn obwohl die Kinder oftmals abschweifen und sich gegenseitig ablenken, macht die Gruppe auch an diesem Tag Fortschritte. So zeigen etwa Fabio und Jada durchaus den Willen, die Geschichte nach ihren Vorstellungen zu gestalten und machen viele Verbesserungsvorschläge.

Dass aber auch der Rest der Gruppe durchaus zu Resultaten fähig ist, bezeugen die interessanten Ansätze des Romans, der mehrere Erzählstränge miteinander verbindet und irgendwo zwischen Mary Shelleys Frankenstein, Stephen Kings Es und einer Teenie-Story angesiedelt ist. Die Protagonisten Mira und Celi, auch bekannt als „bff“ – die „best friends forever“ – entdecken bei einer ihrer Mutproben die unterirdische Klinik des bösen Arztes Dr. Wolfgang. Der hat den Fußballer Nico, der den Mädchen am Herzen liegt, entführt und zu einem Cyborg umgestaltet. Ob der Junge noch gerettet werden kann und was die Kindheit des grausamen Doktors mit dessen Taten zu tun hat, wird von der Klassengemeinschaft in den folgenden Wochen niederzuschreiben sein.

Man darf gespannt sein, ob die Geschichte um die Protagonisten Mira und Celi genauso fesseln kann wie der Schulalltag ihrer gleichnamigen, realen Vorbilder der Klasse 9c.

Wir danken unseren Partnern: Der Schulhausroman an der Oberschule Schaumburger Straße wird unterstützt vom Beirat Mitte, der Stiftung Gib Bildung eine Chance, der Karin und Uwe Hollweg Stiftung und dem Schünemann Verlag.

Text: Florian Pieth
Fotos: Melanie Maric