Prager Literaturstipendium – Der Blog

Von Gesa Olkusz.

Donnerstag, 29. September 2016:

Die letzten Tage in Prag vergehen wie im Fluge. Letzte Termine, letzte Blicke auf nun vertraute Ansichten, noch ein Museum besuchen, noch ein Stadtviertel besichtigen.

Vieles bleibt dem fremdsprachigen Besucher verborgen, man sammelt Eindrücke, bekommt ein Gefühl für die Stadt, kennen kann man sie nach nur einem Monat, und ohne Sprachkenntnisse, nicht. Die Schlagzeilen in den Zeitungen, die Gespräche auf den Straßen bleiben unzugänglich, nur aus den heimischen Medien ist man in Ansätzen über politische Vorgänge, soziale und wirtschaftliche Umstände informiert.

Das Stipendium dient dem kulturellen Austausch. Das ist geglückt, Einblicke in Literatur und Film funktionieren durch Übersetzer, Einblicke in die Kunst funktionieren auch ohne Worte.

Das Gefühl des Willkommenseins, das Prag den, wohlgemerkt, Besuchern aus aller Welt vermittelt, steht im starken Kontrast zu dem Arm mit dem Schwert in der Hand, der dem Betrachter aus dem Stadtwappen entgegen kommt. Die erfahrene Gastfreundschaft, Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft der Prager steht in eben diesem Kontrast zu den Schlagzeilen über die tschechische Flüchtlingspolitik.

So sind auch dies Prager Eindrücke, die Widersprüche einer Stadt, alt und neu, Ruhe und Trubel, Gastfreundschaft und Verschlossenheit.

Der Besucher reist wieder ab, kennen kann man eine Stadt nach nur einem Monat nicht, doch sind die mitgenommenen Eindrücke und Erinnerungen ein erster Schritt zum Kennenlernen.


Montag, 26. September 2016:

Prag im späten September. Der Wochenmarkt am Ufer. Touristen und Anwohner mischen sich in der einmal angenehmen Menschenmenge, man probiert, schaut, setzt sich mit einer Köstlichkeit ans Wasser, in dem gierig die Schwäne schnappen.

Spinnen an den Brückenbrüstungen.

Die erstaunliche Anzahl von Tauben, aber wenig Krähen.

Die beeindruckende Anzahl von Hunden, aber wenig Katzen, nur auf dem Petřín, da eine ganze Gruppe, die um eine alte Dame herumscharwenzeln. Das abendliche Feuerwerk über der Moldau, das jedes Mal die Vögel auffliegen lässt, die sich längst zur Nachtruhe begeben hatten.

Die Gruppen von Kindern in gelben Warnwesten, die in den Parks der Außenbezirke allen möglichen Aktivitäten nachgehen, Bockspringen, Slalomlaufen, Tunnelkriechen. Immer wieder die Segwaygruppen, die sich leise schnurrend nähern, dann hat man sie plötzlich im Rücken, widerwillig lässt man eine Mischung aus selbstzufriedenen und verlegenen Gesichtern an sich vorbei rauschen.

Die freundlichen Polizisten, die um die Burg herum die Taschen kontrollieren. Vor den Burgmauern die kleinen Häuschen, ehemalige Gaststätten, die noch einmal an eine andere Zeit erinnern.

Und immer wieder Kafka, wenn man weiß, wo man schauen soll. Häuser, Spaziergänge, Cafés. Die Stimmung aus seinen Stückchen, manchmal ist sie geradezu spürbar, und manchmal geht sie im Trubel der Besucher unter. Dann biegt man um eine Ecke, und da ist sie wieder, kein Mensch weit und breit, das alte Straßenpflaster, das Licht, das wirklich golden ist, und zufrieden geht man weiter, denn so, genau so, hat man es sich vorgestellt.


Mittwoch, 21. September 2016:

Pünktlich zum Literaturfestival im Park Stromovka zieht der Herbst in Prag ein, er steht der Stadt gut zu Gesicht. Wie eine alte Dame atmet sie bei den kühleren Temperaturen auf, froh darüber, sich in die elegante Herbstgarderobe kleiden zu dürfen. Die Farben der Blätter schmücken die verzierten Häuserfassaden, die Straßen leeren sich von den Touristen, nachts läuft man unter Straßenlaternen über die Moldaubrücken, Nebel über dem Wasser und die Passanten in Hut und Mantel mit hochgeschlagenen Kragen.

Im Baumgarten Stromovka, dem größten Park der Innenstadt, trotzen die Zuhörer den kühlen Temperaturen auf langen Bänken. Drei deutsch-, und vier tschechischsprachige Autoren lesen auf der Bühne, und das Publikum zieht sich Jacken und Tücher fest um die Schultern, dampfende Becher in den Händen, und bleibt, von der Kinderbuchautorin und Dichterin Daniela Fischerova am frühen Nachmittag bis zu den Gedichten Milan Dĕžinskýs in der einsetzenden Abenddämmerung.

Dies der bleibende Eindruck des Festivals, die Aufmerksamkeit der Zuhörer inmitten des Trubels des Parks, zwischen gelegentlichen Regentropfen und fallenden Blättern, am ersten Herbsttag in Prag.


Freitag, 16. September 2016:

Eindrücke aus Prag. Mit der Zeit lernt man die unmittelbare Gegend kennen, macht Ausflüge auch in entlegene Winkel der Stadt, doch ob man sich in Prag, Rom oder Lübeck befindet, ein Aufenthaltsstipendium ist ein Arbeitsstipendium. Die Kulisse ist ein Bonus, eine Stimmung, die man aufnimmt, mitnimmt, doch es sind die Räume der Wohnung, die man wirklich kennen lernt.

Die Risse in der Wand, die knarrende Diele im Flur, die Geräusche aus dem Treppenhaus, erstaunlich wenige, als hielten sich die Bewohner noch in der Sommerfrische auf. Nur aus der Nachbarwohnung erklingt täglich ab vier Uhr nachmittags Operngesang mit Klavierbegleitung. Die hohen Räume und kleinen Kammern, Luftschächte, der Hinterhof mit den Tauben und den Nachbarn, die abends vor offenen Fenstern in großen Sesseln sitzen.

Der Lauf der Sonne, die durch die riesige Fensterfront herein scheint und am späten Nachmittag fast unerträglich wird. Fast, denn die Weite vor den Fenstern ist ein Luxus, die Aussicht unerhört für eine Stadtwohnung – der Fluss, der Petřín mit der Hungermauer, die „Kleine Seite“. Das Farbenspiel des Himmels jeden Abend, dann die erleuchtete Burg.

Wollte man also Straßenszenen schildern, müsste man sich zuerst an die Touristen halten, die die Jugendstilfassade des Hauses fotografieren und mit dem Finger zeigen, wenn man sich aus dem Fenster lehnt. Müsste die Tretboote beschreiben, die sich jeden Morgen zur selben Zeit langsam ins Blickfeld schieben, wo sie in endloser Reihe bis zum Sonnenuntergang Parade halten. Die Frau, die jeden Morgen die kleine Eisenbahn im Park am Ufer abdeckt, und sofort finden sich Eltern mit ihren Kindern ein, die glücklich im Kreis umherfahren. Die Jogger, die Menschen frühmorgens mit ihren Hunden, die Lieferanten. Die Routine der Bewohner der Gegend, der man eine kurze Weile als Beobachter zusehen darf, bis man sie und die Prager Neustadt wieder sich selbst überlässt.


Samstag, 10. September 2016:

Die Hitze eines verspäteten Sommers hängt über der Stadt.

Die ersten Spaziergänge führen also fort von den Straßen und Plätzen, fort von den Menschenmassen, die sich in der drückenden Luft über Brücken und durch die Gassen der Altstadt schieben. Fort von den Segway-Geschwadern, den Souvenirverkäufern, den Gruppen singender und grölender erwachsener Männer, denen Sonne, Bier und eine merkwürdige Form der Zügellosigkeit im fremden Land zu Kopf gestiegen sind.

Statt dessen in die Parks! Luft, Kühle und grüner Raum. Auf den Spuren Kafkas wandelt man auch hier, laut Wagenbach war der Petřín einer seiner Lieblingsspaziergänge. Das ist verständlich: plötzlich findet man sich allein zwischen alten Bäumen, ein Eichhörnchen frisst am Wegesrand einen Löwenzahn, steile grasbewachsene Treppen führen an der Hungermauer entlang, weit unten die Prachtkulisse der Stadt, ganz ohne Enge und Lärm. Auf dem Weg hinab eine Apfelplantage, vereinzelte Menschen, die ebenfalls Abkühlung suchen, dann schattige Gassen, blumenbeladene Fensterbänke, bis die Mengen vor der Karlsbrücke wieder über einen hereinbrechen.

Oder die Havlíčkovy sady in Vinohrady, einer Wohngegend östlich der Neustadt: wunderbare Gärten mit verschlungenen Wegen, Wasserlandschaften und den letzten verbliebenen Weinbergen des Stadtteils. Auch die Straßen um den Park herum mit ihren Villen und alten Gärten bieten in ihrer Ruhe eine Abwechslung von den wogenden Massen in Nové Mêsto, der Neustadt. Dieser Widerspruch zwischen der Schönheit der Kulisse und der Zirkusstimmung, die in ihr herrscht, zwischen Plastikwelt und verlassenen Gassen, in denen von irgendwo Kinderstimmen hallen. Man sagt mir, die Prager würden die Altstadt in den Sommermonaten meiden, so sie dort nicht arbeiten oder wohnen. Als Gast in der Stadt kann man das kaum, zu schön sind die Bauten, zu geschichtsträchtig die Straßen. Doch auf etwas kühlere Tage kann man damit warten.


Samstag, 3. September 2016:

Die Moldau riecht wie die Spree. Nur sanfter sieht sie aus, obwohl sie das nicht ist. Aber an einem Septemberabend sieht ihre Oberfläche im letzten Sonnenlicht des Tages seidenweich aus, die Strömung ist fein und geschmeidig, Enten fliegen tief und langsam vorüber, und es ist unmöglich, nicht an die Zeitlosigkeit des Flusses zu denken, eines jeden Flusses, der unabhängig von dem Geschehen an seinen Ufern weiter fließt und uns mit der Geschichte seiner Länder und seiner Städte verbindet.

Und mit seiner literarischen Geschichte.

„Vertraut scheint mir Prag durch die, die es beschrieben haben.“ Ich habe von diesem Fluss gelesen, von den Straßen, den Häusern, den Bewohnern, und ich erkenne sie wieder, selbst wenn einige der Beschreibungen fast 100 Jahre alt sind.

Man solle am Anfang beginnen, schreibt Karel Čapek in seinen „Briefen aus England“. Gerade in diesem Reisebericht hat er mir Prag nahe gebracht, denn in den Beschreibungen Großbritanniens schildert er immer auch seine Heimatstadt und deren Menschen, das Leben in den Straßen, und die Sehnsucht klingt immer mit.

Und wenn ich auch keinen Reisebericht zu schreiben plane, sondern nur einige Eindrücke teilen will, ist das Lesen dieser verstecken Liebeserklärung an eine Stadt, die ich gerade erst zu entdecken beginne, und die doch nicht fremd scheint, vielleicht der Anfang meiner Pragreise gewesen.

Die Schwäne tauchen die Köpfe weit in das Wasser der Moldau, die Sonne sinkt immer tiefer hinter den Petřín, der Himmel färbt sich rot und dann schwimmt eine Bisamratte vorbei wie ein junger Hund, den Kopf gerade über Wasser, rasch und zielstrebig, denn der Tag neigt sich dem Ende zu. Es gibt viel zu tun.

Gesa Olkusz erhält das Prager Literaturstipendium

Das virtuelle Literaturhaus Bremen, das Literaturfestival globale° und das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren haben gestern Abend nach der Juryentscheidung in Prag das „Prager Literaturstipendium“ vergeben. Diesjährige Preisträgerin ist die in Bremerhaven geborene Schriftstellerin Gesa Olkusz.
Die Jury war besonders von der unüblichen Art beeindruckt, mit der Gesa Olkusz die Wirklichkeit mit der Phantasie und mysteriösen Szenen in ihrem Debütroman „Legenden“ vermischt. Ein ähnlicher Stil, in dem die Schriftstellerin in ihre tatsächlichen Erinnerungen ihre Imaginationen einbaut, findet sich auch im eingereichten Bewerbungstext.
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Ab dem 1. September wird die Preisträgerin einen Monat lang via Netz-Tagebuch über ihren Aufenthalt aus der tschechischen Hauptstadt berichten. Gesa Olkusz arbeitet derzeit an ihrem zweiten Roman. Der Aufenthalt in Prag wird ihr die Gelegenheit bieten, sich ihrer Arbeit völlig zu widmen. Am 18. September wird die Autorin im Rahmen des Festivals Prager Festivals „Literatur im Park“ auftreten.

Die „Prager Literaturstipendium“ ist mit 1.000 Euro dotiert. Neben dem Preisgeld erhält die Preisträgerin einen vierwöchigen Aufenthalt in einer Wohnung in der Altstadt von Prag im September 2016.


Gesa Olkusz (Foto: Frederike Nass), geboren 1980 in Bremerhaven, absolvierte ein Studium der Philosophie und der Interkulturellen Fachkommunikation an der Universiteit van Amsterdam und der Freien Universität sowie der Humboldt Universität Berlin. Gesa Olkusz lebt und schreibt in Berlin. Ihr erster Roman Legenden ist 2015 im Residenz Verlag erschienen.

>> mehr zur Preisträgerin


Bisherige Preisträger waren Rena Dumont (2015), Akos Doma (2014), Volker Harry Altwasser (2012), Christiane Neudecker (2011) und Susanne Berkenheger (2010).

Das „Prager Literaturstipendium 2.0“ wird realisiert vom virtuellen Literaturhaus Bremen, dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, dem Literaturfestival globale° und dem Verein Porta Bohemica.

Prager Literaturstipendium 2.0

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– Ausschreibung 2016 –

Das virtuelle Literaturhaus Bremen, das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, Porta Bohemica und der Verein globale e. V. schreiben das „Prager Literaturstipendium 2.0“ für deutsche Autorinnen und Autoren aus.

Das Stipendium bietet einen vierwöchigen Aufenthalt in Prag vom 01.09. – 30.09.2016. Neben kostenfreiem Wohnen in der Stadtmitte umfasst das Stipendium eine einmalige Zahlung von 1.000 Euro. Während des Stipendiums besteht Präsenzpflicht. Eine Lesung des Prager Literaturhauses im Rahmen der Reihe Literatur im Park wird ebenfalls organisiert. Voraussetzung für das Stipendium ist die Bereitschaft, während des Aufenthaltes ein Netz-Tagebuch zu führen, das auf der Website des Literaturhauses Bremen veröffentlicht wird. Die übrige Zeit steht der künstlerischen Arbeit zur freien Verfügung.
Bewerben können sich Autorinnen und Autoren aus Deutschland, die bereits auf Veröffentlichungen verweisen können. Die Bewerbungsfrist endet am 15. Juni 2016. Einzureichen sind eine Kurzvita mit Bibliographie und ein halbseitiger Prosatext über Prag. Die Unterlagen sind ausschließlich per e-Mail an die Geschäftsführung des Literaturhauses Bremen zu versenden: heike.mueller@literaturhaus-bremen.de Das Literaturhaus behält sich vor, die eingesandten Texte zu veröffentlichen.

Über die Vergabe des „Prager Literaturstipendiums 2.0“ entscheidet eine unabhängige Jury des Prager Literaturhauses in einem Auswahlverfahren. Der Preisträger/die Preisträgerin wird Anfang Juli bekannt gegeben.

Das „Prager Literaturstipendium 2.0“ wird realisiert vom virtuellen Literaturhaus Bremen, dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, dem Verein Porta Bohemica und dem Verein globale e.V.. Bisherige Preisträger: Susanne Berkenheger (2010), Christiane Neudecker (2011), Volker Harry Altwasser (2012), Akos Doma (2014), Rena Dumont (2015)

Kontakt: Literaturhaus Bremen [virt.] e.V., Goetheplatz 4, D-28203 Bremen,

fon 0421-2581808, www.literaturhaus-bremen.de