Prager Literaturstipendium 2.0

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– Ausschreibung 2016 –

Das virtuelle Literaturhaus Bremen, das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, Porta Bohemica und der Verein globale e. V. schreiben das „Prager Literaturstipendium 2.0“ für deutsche Autorinnen und Autoren aus.

Das Stipendium bietet einen vierwöchigen Aufenthalt in Prag vom 01.09. – 30.09.2016. Neben kostenfreiem Wohnen in der Stadtmitte umfasst das Stipendium eine einmalige Zahlung von 1.000 Euro. Während des Stipendiums besteht Präsenzpflicht. Eine Lesung des Prager Literaturhauses im Rahmen der Reihe Literatur im Park wird ebenfalls organisiert. Voraussetzung für das Stipendium ist die Bereitschaft, während des Aufenthaltes ein Netz-Tagebuch zu führen, das auf der Website des Literaturhauses Bremen veröffentlicht wird. Die übrige Zeit steht der künstlerischen Arbeit zur freien Verfügung.
Bewerben können sich Autorinnen und Autoren aus Deutschland, die bereits auf Veröffentlichungen verweisen können. Die Bewerbungsfrist endet am 15. Juni 2016. Einzureichen sind eine Kurzvita mit Bibliographie und ein halbseitiger Prosatext über Prag. Die Unterlagen sind ausschließlich per e-Mail an die Geschäftsführung des Literaturhauses Bremen zu versenden: heike.mueller@literaturhaus-bremen.de Das Literaturhaus behält sich vor, die eingesandten Texte zu veröffentlichen.

Über die Vergabe des „Prager Literaturstipendiums 2.0“ entscheidet eine unabhängige Jury des Prager Literaturhauses in einem Auswahlverfahren. Der Preisträger/die Preisträgerin wird Anfang Juli bekannt gegeben.

Das „Prager Literaturstipendium 2.0“ wird realisiert vom virtuellen Literaturhaus Bremen, dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, dem Verein Porta Bohemica und dem Verein globale e.V.. Bisherige Preisträger: Susanne Berkenheger (2010), Christiane Neudecker (2011), Volker Harry Altwasser (2012), Akos Doma (2014), Rena Dumont (2015)

Kontakt: Literaturhaus Bremen [virt.] e.V., Goetheplatz 4, D-28203 Bremen,

fon 0421-2581808, www.literaturhaus-bremen.de

Prager Literaturstipendium – Der Blog

Von Rena Dumont.

Montag, 09. November 2015 | 12:25 Uhr.
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Ich verabschiede mich.

Ich verabschiede mich von Prag, von der Karlsbrücke, die ich nur einmal betreten habe, von der Prager Burg, deren chrliči auf mich gespuckt und gepinkelt haben, von der Moldau, die an manchen Stellen so langsam fliesst, dass sie entsetzlich nach Moder und Fäkalien stinkt. Ich sage den unzähligen Cafés Adieu und den Kinos, die ich besucht habe, ich sage ciao zu der bombastischen Wohnung hier, auf die ich mir, wie ich meine, ein Anrecht erwohnt habe, sodass nun kein anderer das Recht hat sie zu betreten, mögen bitteschön alle anderen Autoren wo anders übernachten, und ich sage auf wiedersehen zu meiner Heimatsprache, die sich so stark weiterentwickelt hat, dass ich nur noch staune und stottere und davon überzeugt bin, dass ich niemals meinen Erstlingsroman selber übersetzen könnte, ich sage auf wiedersehen zu Žižkov, einem Viertel, das zum Teil dermaßen asozial ist, dass mir schwer ums Herz wird und gleichzeitig, tief in mir drin, empfinde ich eine seltsame Verbundenheit (weiß auch nicht warum), von oben sieht  Žižkov übrigens wie eine etwas zu hoch geratene Favela aus, und ich sage den vielen tollen Schauspielern und Künstlern adieu, die ich hier bewundern durfte, Thomas Zielinsky, Jana Janěková, David Prachař, Linda Rybová, Jan Dolanský, Igor Chmela, Jana Zielinská, die mich zu Tränen gerührt haben, nicht zu vergessen meine beiden Schwestern, die ich so selten sehe und letztendlich meinen Vater.

Prag ist eine…ein, ein Meer.

Ein Salat.

Ein Wirbelsturm.

Ich kehre zurück ins Dorf.

München.

Auch gut.

Ich bin müde.

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Die ehemalige Kommunistin.


 

Montag, 19. Oktober 2015 | 14:15 Uhr

Ein etwas anderes Programm.

Ich sitze im Bus nach Prag.

Richtig, ich war mal kurz in München, um meine Kinder wieder zu Hause abzuliefern. Die Schule hatte sich kulant gezeigt und ihnen eine Woche freigegeben und da die bombastische Wohnung in Prag  sowieso über zwei Schlafräume verfügt, sodass ich sie problemlos einquartieren konnte, waren sie bei mir. Es kam auch meinem Mann gelegen, schließlich ist er ein (berühmter) Schauspieler und befand sich gerade in den Endproben zu König Ödipus am Residenz Theater. Er hatte für die Halbgestrickten quasi null Zeit. Und ich hatte ein wenig Unterhaltung dringend nötig, schließlich vergönnt man mir in Prag aus Gründen eines ungezügelten TV-Müßiggangs keinen Fernseher, schade ich finde Müßiggang manchmal ganz gut, so fühle ich mich trotz der himmlischen Stadt oder gerade wegen ihr manchmal einsam. Dass ich mich nach der Brutankunft nicht einsam fühlen musste war klar, mit anderen Worten, ich habe keine Zeile geschrieben. Ich konnte nicht, ich wurde von meinem Arbeitsplatz vertrieben. Notgedrungen habe ich mich neben meinem einstigen Schreibtisch auf dem Parkettboden niedergelassen. Ganz klein und bescheiden.

Mein ehemaliger Arbeitsplatz…

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Mein aktueller Arbeitsplatz….

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Die Ausbeutung ging weiter. Wie ich schon erwähnt habe, meide ich in Prag die touristischen Hauptadern, doch das war mit den beiden nicht drin. Sie finden Massentourismus irrsinnig spannend. So durchstöberten wir alle Souvenirläden, um Glasfigürchen von russischsprechenden Verkäuferinnen zu erwerben, es wurden mehrere sündhaft teuere Marionetten, die in anderen Geschäften ein Drittel gekostet hätten, gekauft. Golemfiguren aus Josefin und Zinnsoldaten, die als handmade angepriesen wurden, in Wahrheit aber in taiwanischen Fabriken in Massenproduktion gegossen und lackiert worden waren, auch diese mussten erstanden werden. Wir besuchten die uninteressantesten Museen der Stadt. Wachsfigurenblödsinn, optische Täuschungen und Quatschausstellungen sämtlicher Couleur, Geistermuseum, mit Geistern aus Pappe,  ein Foltermethoden – Museum, Alchimistischer Blödsinn und eine Barbiepuppensammlung. Natürlich alles begleitet von überlebenswichtigen Geschenkideen. Auf der Karlsbrücke musste der Massentourismus das gefürchtete Springseil meiner Kinder erleiden.

Der beste Spielplatz; die Karlsbrücke…

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…und schliesslich ließen wir Karikaturen für stolze 700 Kronen von uns malen, aber wir kennen niemanden, dem sie ähnlich sehen. Hilfe.

Zuhause, geldlos und mit hängender Zunge, angekommen, habe ich gewaschen, aufgeräumt, gesaugt, geputzt und Nahrung zubereitet. Mein Rechner lag verwaist auf dem Parkett.

Ich war froh, als sie schliefen.

Ich war froh.

Mit einem Lächeln betrachtete ich die kleinen Golems, die sie aus Ton geformt hatten.

Ich bewunderte die penible Größenanordnung, die nicht berührt werden durfte.

Golemkunst…
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Eine Golemschule. Der große Golem muss der Lehrer  sein…

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…und der Golemschüler (2. v. l.) hat so kurze Beine bekommen, dass er so aussieht, als hätte er einen nackten Po.

Jetzt bin ich wieder alleine

Ahoj.

Eure Rena

PS. Das nächste mal schreibe ich darüber wie ich fast Václav Havels Muse geworden bin.


 

Mittwoch, 14. Oktober | 19:00 Uhr

Buntes Treiben

 

Ich liebe dieses Bild.

Ich verabscheue den Inhalt.

An jeder Ecke offenbart sich die farbige Pracht der miesesten Spirituosen der Welt. Ich denke, manche sind tödlich giftig, denn ich habe nie beobachten können, dass jemand sie gekauft hätte.

Die Verkäufer sind meist Vietnamesen, Überbleibsel aus der kommunistischen Ära, als die Tschechoslowakei, um das Theater des Kommunismus aufrechtzuerhalten, Menschen aus anderen kommunistischen Ländern aufgenommen hatte um Solidarität und Brüderschaft zu zelebrieren.

Seitdem trägt unser allseits beliebter Flip Flop den Namen Vietnamka.

Anbei schicke ich Euch einen kleinen Auszug aus meinem noch nicht erschienenem Roman Der Duft meines Vaters. Dies aus zweierlei Gründen, erstens kann ich etwas von Hana erzählen, was ich bereits dreimal versprochen habe und zweitens, taucht darin ein Zigeuner auf, Pardon ein Rotationseuropäer (!), damit wir dem Thema Fremdsein im und nach dem Kommunismus ein wenig näher kommen.

Ciao,
Rena

…Es war später Nachmittag, ich war todmüde und wollte nur noch schlafen. Den ganzen Tag hatte ich im Zug gesessen, mein Körper hatte sich daran gewöhnt und wollte das Sitzen nicht mehr aufgeben. Ich musste mir einen Ruck geben um hochzukommen. Direkt vor dem großen schwarzen Gebäude, das ein Museum oder eine Oper sein musste, ergoss sich ein riesiger Platz, der mir bekannt vorkam. Ich kannte ihn aus den unzähligen Kinderfilmen, die ich gesehen hatte. Das war also der Wenzelsplatz. Beängstigend grossflächig und überwältigend, eine rote Trambahn durchschnitt ihn wie eine Geburtstagstorte. Doch ich musste weiter, obwohl der Platz durchaus interessant wirkte.
„Entschuldigung, wissen Sie …“ Die Frau stampfte rasch weiter, ohne meine Frage zu registrieren. Die Menschen hatten hier viel zu tun, das stand fest. Mit Einkaufstaschen irrten sie von links nach rechts und schienen blind und taub für die Aussenwelt zu sein, vielleicht um sich vor all den Eindrücken zu schützen. Das verstand ich sehr gut.
„Entschuldigung …“, sprach ich eine Jugendliche an. „Weißt du, wo die Korunní Strasse ist?“
„Nee, vielleicht irgendwo in Vinohrady.“, antwortete sie und ging. Ihr Prager Slang war unüberhörbar, sie sprach eine völlig andere Sprache. Na fabelhaft, das konnte ja heiter werden.
„Darf ich Sie was fragen?“
„Ja …“, antwortete der junge Roma, spitzbübisch und verwegen. Seine schwarzen Kulleraugen kniff er zusammen, weil ihn die tiefstehende Sonne blendete. Ich bekam es mit der Angst zu tun, entsann mich doch der vielen Vorwarnungen der tschechischen Bevölkerung. Ich verstummte. Um mich herauszuwinden fragte ich beiläufig nach der Uhrzeit. Er antwortete völlig unbeeindruckt und ging weiter. Ich ärgerte mich, meine Pseudofeigheit brachte mich nirgendwo hin, eigentlich sah er ganz nett aus und war es wahrscheinlich auch.
Ich wusste jetzt also die genaue Zeit, jedoch immer noch nicht, wo die verhexte Korunní Strasse war. Gezielt quatschte ich einen adretten Mann mit Pilotenbrille an. Er antwortete nervös. „Strassenbahn neunzehn, am Platz Míru vorbei, da fängt die Korunní Strasse an, die neunzehn fährt noch weiter. Welche Höhe oder Hausnummer?“ Ich wußte es nicht auswendig, spuckte irgendeine beliebige Zahl, worauf er meinte das wäre von Platz Míru nur eine Station. Seine präzise, schnelle Antwort war so perfekt, dass ich mir nichts merkte.
„Und zu Fuß?“
„Zu weit.“, sagte er. „Ich empfehle die Strassenbahn neunzehn zu nehmen.“
Klar, dass er mir riet die Strassenbahn zu nehmen, der Herr Ingenieur, Architekt, oder was er war, der hatte ja Asche in der Tasche, ich dagegen sparte jeden Haller, verdammt nochmal! Ich stand wieder ein Loch in die Erde. Der Zigeuner kam erneut vorbei. Ich pirschte mich an. Er lächelte, wie ein kleiner Kobold, in seiner Hand flatterte eine fast leere Stofftasche.
„Kennen Sie die Korunní Strasse?“
„Klar.“ Und dann legte er los. Peng.
Er begleitete mich sogar einige Strassen weit, bis ich mein Ziel vor Augen hatte, hätte ich einen Stift und Zettel zur Hand gehabt, hätte er mir Notizen aufgeschrieben und mir wahrscheinlich Kleingeld für die Straßenbahn spendiert. Geht doch, dachte ich, als er sich genauso unvoreingenommen entfernte, wie er aufgetaucht war. Ich Idiotin. Und ich dachte, er frisst mich auf.
Die Korunní Strasse war eine mächtige, breite Strasse. Mit der Trambahn wäre ich tatsächlich in wenigen Minuten da gewesen, jetzt spürte ich meine Beine nicht mehr. Ein Sturm kündigte sich an. Heftiger Wind peitschte die Allee entlang, Menschen eilten in ihre Häuser, die Röcke der Frauen wurden aufgebläht und offenbarten mir das ganze Spektrum der aktuellen Unterwäschenmode in Prag. Staub wirbelte auf und pfiff mir um die Ohren. Dicke Tropfen platschten sporadisch auf den Bürgersteig und binnen von Sekunden brach ein so heftiger Regen los, das ich mich in einem Hauseingang verstecken musste. Erschöpft und durchnässt suchte ich Schutz. Ein See im Schuh. Ich hatte eine Ruhepause bitter nötig, sowie eine trockene Regenjacke. Doch weder konnte ich mir eine Pause gönnen, noch besaß ich eine Regenjacke…


 

Mittwoch, der 30. September | 13:00 Uhr

Ähm…ich arbeite.

Sieht doch jeder.
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Dazu muss der dicke Türrahmen, in der bombastischen Prager Wohnung in der ich logiere, herhalten. Das nennt man Visualisierung des Werkes. Einzelne Kapitel kleben in bestimmter Anordnung, sodass ich sie beliebig schieben kann. Schließlich wollen wir Romane und keine Biografien schreiben. Doch vor lauter Zetteln komme ich jetzt gar nicht mehr zurecht. Es ist zum Verrücktwerden!

Das Aufstehen fällt mir hier leicht, erstens ist es schon recht spät am Vormittag und zweitens fällt mein Blick auf den Prager Himmel, der schön und erstaunlich klar ist. Ich freue mich des Lichtes und der regen Geschäftigkeit auf der Straße und drehe mich vorsichtshalber noch einmal um, schließlich kann man mit 46 Jahren nicht aus dem Bett springen, als wäre man 20, sondern erstmal alle Knochen sortieren und dann die Zettel…

Sofort beginnt es in mir zu arbeiten, bis zum Kurzschuss. Peng. Scheiß Zettel. Schlecht gelaunt schleiche ich zum Bad und weiß nicht, was ich zuerst machen soll, die Zettel runterreißen, oder Zähneputzen oder zum Beispiel über die Monster berichten.

Wisst Ihr welche Monster ich meine?

Siehe Bildmaterial:
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Diese Schönheiten beschützen den St.-Veits-Dom, indem sie Regenwasser auf Passanten giessen. Die Prager nennen sie chrlici, was sowas wie Speyer bedeutet. Doch das deutsche Wort Speyer beschreibt die chrlici nur schlecht, denn aus diesen chrlici sprudelt das Wasser so vehement, dass von speien gar nicht die Rede sein kann, das Wasser überflutet sie, das Wasser überwältigt sie, sie können nicht anders.

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Dagegen ist nichts einzuwenden. Als ich in der Dämmerung eines ganz normalen Wochentages da stand und die schwarzen Silhouetten ansah, wie sie sich absprungbereit mit offenen Mäulern und beängstigend-bedrohlichen Fratzen an die schwarze Fassade der gigantischen Kathedrale krallen, gequält und zum chrlici verurteilt, während aus dem Innern der Kathedrale ein wunderschöner Chor meine Ohren verwöhnte, fühlte ich mich wie eine Ameise, die von einem duftenden Riesenbonbon überrollt wird. Ich war platt! Klein. Mickrig. Verschwunden. In solchen Augenblicken vergesse ich alle Zettel der Welt, da ist mir die Visualisierung meines Werkes schnurzegal,  Kaffee ist mir Wurst und ich möchte auch keine Prinzessin sein. Dann bin ich nur der Empfänger jener Kraft.

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Am nächsten Tag war ich nochmal dort, doch eine Flutwelle von Touris verwehrte mir den Zugang.

Mein Tip: Gehen Sie an einem regnerischen Dienstagabend im November hin. Und Sie erleben was.

Ihr freundlicher Reiseführer.

P.S.: Über Hana schreibe ich das nächste mal.



Donnerstag, der 23. September 2015 | 13:00 Uhr

„KEINE PRINZESSIN.“

Meinen zweiten Beitrag widme ich meinen Kindheitsträumen. Das kommt nicht von Nichts, wenn man sich vorstellt, dass ich gestern Abend einer echten Prinzessin begegnet bin.

Sie sah natürlich ein bisschen anders aus, als damals im Jahre 1977, als ich sie zum ersten mal auf dem Bildschirm bewundert habe, doch der Funken in ihren Augen, ihr Lächeln und ihr Liebreiz, der mich früher schon in den Bann gezogen hatte, war unverändert. Ich bat sie, ob sie mir ein gemeinsames Foto widmen würde und sie sagte: „Ja, gerne.“ Und ich schmiegte mich an sie, spürte den grünen Pulli, den sie trug, während Max das Foto schoss und wunderte mich, dass sie einen Kopf kleiner war als ich. Für mich waren alle Prinzessinnen unerreichbar groß! Vielleicht, weil ich in der Tschechoslowakei noch so klein war. In Deutschland habe ich aufgehört Prinzessinenfilme zu sehen und dachte mir, jetzt will ich selber eine sein. Aber zurück zu meinem Erlebnis. Ihre Stimme war so schön, das ich mich nur mit Mühe auf meine bevorstehende Autorenlesung konzentrieren konnte. Zehn Minuten später stand ich schon auf dem Podium, gemeinsam mit meiner Übersetzerin Jitka Nešporová und Jiří Hájíček, einem sympathischen Schriftsteller aus České Budějovice und hatte sie schon vergessen. Die Prinzessin. Stattdessen hörte ich Jiří Hajíček und seiner Kurzgeschichte zu, und freute mich über die Scheinwerfer, die ein wenig Wärme spendeten. Es war wohltuend in meiner Muttersprache zu lesen, es ist schön die andere Seite zu kennen, hierzulande kennt jeder, die andere Seite vom Vorhang.

Als ich die Stufen vom Podium hinabstieg, sah ich sie wieder. Die Prinzessin. Sie stand mit verschränkten Armen da und lächelte. Ich verzog mich nach hinten um eine Tüte Chips zu vertilgen und dachte an meine Karriere. Und da hörte ich sie. Die kleine Prinzessin. Sie stand bereits auf der Bühne, öffnete ihre Lippen und aus der zarten Kehle ertönte eine edle, klare Stimme, die mich träumerisch versinken liess. Honig für die Ohren. Mir kamen die Tränen.

Sie ist keine Prinzessin mehr.

Sie ist Sängerin!

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Leider habe ich völlig vergessen über Hana, meine Heldin in Prag, zu schreiben. Nur soviel. Dieses Mädchen sucht ihren Vater. Findet sie ihn?

 

 


 

Donnerstag, der 17. September 2015 | 8:00 Uhr.

„DIE KLEINSTE CAFESTORY.“

Ich bin gestern erst um eins ins Bett, konnte mich nicht vom Bildschirm meines Rechners trennen, obwohl wir zwei so ne Art Hassliebe pflegen. Dementsprechend fühle ich mich heute morgen grauenhaft. Ich fühle mich nicht nur so, sondern ich sehe auch so aus. Egal, denke ich, der Kaffee bringt mich wieder auf Trab und wenn ich die Haarbombe auf dem Kopf (siehe Bildmaterial) entferne, könnte man meinen, dass ich, ich bin.

rena!Gleich gegenüber des prächtigen Hauses, in dem ich wohne, strahlt mich ein schickes Café mit penibel polierten Glaswänden an, so wie es sie in München zu Dutzenden gibt. Das nette Mädchen, dass mir bereits gestern eine Latte Macciato serviert hatte, ist besser gelaunt denn je und macht mir zu meiner größten Verwunderung gar keine Vorwürfe, dass ich das Brot, dass ich gestern bei ihr bestellt habe, nicht mitnahm. Auf mich ist kein Brotverlass.

Rena2„Eine Latte!“, sage ich selbstbewusst und stolz. Gestern brachte sie mir nämlich, nachdem ich eine „Latte macciato“ bestellt hatte, ein, zwar leckeres, jedoch winziges Kaffeechen, dass ich sie fragen musste, was das sein soll, ich hatte doch eine Latte macciato bestellt, alias Kübel Kaffee. Und sie meinte: „Die großen Becher heißen Latte, die kleinen Macciato.“ Zack.

Aha, gut zu wissen, sagte ich, und ging mit dem winzigen Becher hinaus. Heute, habe ich einen Pott echten Arabica in den vierten Stock geschleppt, genauergesagt einen halben Pott, die andere Hälfte war Wegezoll. 100 Prozent Arabica – 0 Prozent Wirkung. Und mit dem Kopf soll ich schreiben?

Rena3Ok.

Ich schreibe über eine 13jährige, die ihren Vater sucht. Sie heißt Hana, ihr Vater lebt in Prag und genießt während der Totalität eine angesehene Position. (Ich kann vom Kommunismus nicht die Finger lassen.)

 

Wie es weitergeht, erfahrt Ihr das nächsten Mal…

Eure Rena Dumont


>> mehr zum Prager Literaturstipendium

Rena Dumont erhält das Prager Literaturstipendium 2015

Das virtuelle Literaturhaus Bremen und das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren vergeben zum fünften Mal das „Prager Literaturstipendium 2.0“. Diesjährige Preisträgerin ist die Schriftstellerin und Schauspielerin Rena Dumont.

Die Jury des Prager Literaturhauses Deutschsprachiger Autoren war „von der bildhaften und glaubwürdigen Beschreibung des Alltags in der Tschechoslowakei vor 1989 beeindruckt. Die Realität wird hierbei weder beschönigt noch dämonisiert, sondern sachlich sowie mit großem Sinn fürs Detail, und doch nicht ohne Emotionen beschrieben.“ Und weiter: „Die Folgen der Emigration, die die Autorin in ihren Texten behandelt, haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt – im Gegenteil.“
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Rena Dumont (Foto: Christian Hartmann), geboren 1969 im mährischen Städtchen Prostejov, flüchtete als Siebzehnjährige mit ihrer Mutter nach Deutschland. Es folgten acht abenteuerliche Monate im Asylbewerberheim Königssee, dann zog sie nach München und vier Jahre später zum Schauspielstudium nach Hannover. Seit 1995 tritt sie an verschiedenen deutschsprachigen Bühnen auf. Sie spielte in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen und schreibt Drehbücher und Kurzgeschichten. Ihr erster Jugendroman Paradiessucher ist 2013 bei Hanser erschienen. Rena Dumont lebt in München.

Mehr zur Preisträgerin:
http://www.renadumont.de/

Ab dem 15. September wird die Preisträgerin via Netz-Tagebuch über ihren Aufenthalt aus der tschechischen Hauptstadt berichten.
Die „Prager Literaturstipendium 2.0“ ist mit 1.500 Euro dotiert. Neben dem Preisgeld erhält die Preisträgerin einen sechswöchigen Aufenthalt in einer Wohnung in der Altstadt von Prag von Mitte September bis Ende Oktober 2015.


Das „Prager Literaturstipendium 2.0“ wird realisiert vom virtuellen Literaturhaus Bremen, dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, der Agentur pro-tisk und dem Verein Porta Bohemica.

Bisherige Preisträger waren Akos Doma (2014), Volker Harry Altwasser (2012), Christiane Neudecker (2011) und Susanne Berkenheger (2010).

Prager Netz-Tagebuch von Akos Doma

Doma_Akos_2_honorarfrei_HubertKlotzeck_850Das „Prager Literaturstipendium 2.0“. wurde in diesem Jahr an den Schriftsteller und Übersetzer Akos Doma vergeben. Vom 20. August bis Ende September berichtet Akos Doma online auf unserer Website via Netz-Tagebuch über seinen Aufenthalt  aus der tschechischen Hauptstadt.

 


 

28. September 2014:

Morgendlicher Abschied aus Prag. Prag wird mir fehlen, gelinde gesagt, die langen, sonnigen Nachmittage, Abende in der Wohnung, die Gesangsstunden eine Etage unter mir, der nächtliche Anblick des durch die alten, gewellten Fensterscheiben tatsächlich „golden“ schimmernden Hradschin, tausenderlei mehr. Mein Tschechisch ist nur unwesentlich besser geworden, strenggenommen habe ich – auch das erst jetzt in den letzten Tagen – nur ein einziges Wort gelernt: děkuji. Aber vielleicht ist gerade mit diesem kleinen Wort alles gesagt: děkuji.

Meine 100

1. Die Mama und die Hure                            J. Eustache                           F            1973

 


 

27. September 2014:

Kafka und Prag 2: Die Anekdote von der literaturbeflissenen Amerikanerin, die eigens nach Prag kam, um Tschechisch zu lernen, um Kafka mal im Original lesen zu können …

Ich habe mich an die Gattung des Blogs gewöhnt, obwohl es meinen beiden schriftstellerischen Grundprinzipien zuwiderläuft: Kein Wort zuviel und Du bist nichts, dein Werk ist alles.

Meine 100

2. Achteinhalb (8½)                                      F. Fellini                              I            1963

 


 

26. September 2014:

Das Plakat der diesjährigen Homosexuellenparade in Prag war wie frühere sowjetische Plakate der ins sozialistische Paradies marschierenden Jugend gestaltet, wehende Fahnen, stolz zum unsichtbaren Horizont erhobene, entschlossene Gesichter in die Strahlen einer verheißungsvoll aufgehenden Sonne getaucht. Der „große Marsch“ ins tausendjährige Wasauchimmer. Kundera nannte es Kitsch. Aber im Gegensatz zur Homosexualität scheint die menschliche Sucht nach Eschatologie, nach der großen Utopie, tatsächlich angeboren zu sein. Geradezu sehnsüchtig erinnert man sich da eines Pier Paolo Pasolini, der sich nicht platt-politisch, sondern existentiell-abgründig mit seiner Sexualität auseinandergesetzt und Zeitgeistmeinungen nie angepaßt hat. Er hat in seinen letzten Monaten an einem Werk zur Aufdeckung von P2 und Gladio gearbeitet, aber wie so viele Renegaten der Macht von Christus bis Chavez, von Kennedy bis Herrhausen, die dem „Lauf der Dinge“ eine radikal neue Richtung geben wollten, hat auch er mit dem Leben dafür bezahlt. Ein kleiner Strichjunge mußte für die Tat herhalten.

„In einer Gesellschaft, in der alles verboten ist, kann man alles machen: in einer Gesellschaft, wo nur etwas erlaubt ist, kann man nur dieses Etwas machen“ (P. P. Pasolini) – das große Geheimnis der Diktatur des Liberalismus.

Beim Spaziergang durch den Stromovka Park, den größten und schönsten in Prag, ein Mann und eine Frau mit drei Kindern, drei Mädchen, eines noch im Buggy, sie wirken zufrieden, wenn es das gibt: glücklich. Ein Anblick von schlichtem Glück, gar nicht der Rede wert. Aber daß gerade diese kleine, kleinste Einheit, Frau, Mann, Kind, in unserer Gesellschaft in Politik, Medien und Kunst nicht einen einzigen Fürsprecher hat, daß sie uns nicht einmal „der Rede wert“ ist, spricht nicht für sie – unsere Gesellschaft.

„The best lack all conviction, while the worst

Are full of passionate intensity“ (Yeats, The Second Coming).

Kafka und Prag. Das besagt mir nichts. Nicht einmal sein Geburtshaus oder was davon übriggeblieben ist, paßt zu ihm. Kafka läßt sich nicht einem bestimmten Ort zuordnen, Kafka ist ein eigener Kontinent, ein eigener Archipel. Eine Fähre fährt zu diesem Archipel, der Kapitän ist ein epileptischer Russe, der Fährmann ein neurasthenischer Norweger. Kafka ist kein Ort, Kafka ist eine Zeit, die unsere, die Moderne. Kafka, das sind wir alle, das ist die Bürokratie, die Angst, die Paranoia, der unsichtbare, allgegenwärtige Feind … Aber Kafka ist auch zwei Dinge, die wir alle nicht sind. Er ist komisch und er ist erotisch.

Meine 100

3. Das süße Leben                                         F. Fellini                              I             1960

 


 

25. September 2014:

Vor zwei Tagen Herbstanfang. Seit einer Woche die übliche Torschlußpanik vor dem Ende eines Stipendiums, das Gefühl, nicht genug gearbeitet, nicht genug den Ort, seinen genius loci erkundet zu haben. Ausgedehnte Streifzüge durch diverse nahe und abgelegene Stadtteile Josefstadt, Smíchov, Holešovice, über die schöne Anhöhe des Letna Parks, Ausflug zur Burg Karlstejn, Besichtigung von Muchas Slawischem Epos (ein großes Werk, auch wenn den Bildern die Leichtigkeit und Verspieltheit seiner Jugendstilwerke fehlt). Überhaupt Jugendstil – wem das ähnlich gut gefällt wie mir, kann sich in Prag daran zu Tode laben, kaum eine Fassade im Zentrum ohne Jugendstilverzierungen und als Krönung die Jugenstilorgie des Gemeindehauses Obecní dům.

Das Hotel International. Einer dieser von der Architekturgeschichte verpönten Wolkenkratzer im „Zuckerbäckerstil“, die eine geradezu magische Anziehungskraft auf mich ausüben. Eine Art sozialistischer Jugendstil. Im Gegensatz zu den amerikanischen Wolkenkratzern, die in den meisten Fällen auf dem vertikalen Prinzip beruhen, also reiner Geist, sprich: Hybris sind, verlassen diese Ostwolkenkratzer nie das horizontale, fleischliche Prinzip, trotz ihrer oft ganz erheblichen Höhe überwiegt doch die horizontale Ausdehnung, die Verschlankung nach oben ergibt sich ganz natürlich. Das schönste Exemplar ist das gigantische Wohnhaus an der Kotelnitscheskaja-Uferstraße in Moskau.

Der Vorteil eines Aufenthalts in einem Land, dessen Sprache man nicht beherrscht: Man erspart sich die Lügen und Stimmungsmache, die tägliche Gehirnwäsche der Massenmedien, die ferngesteuerte Inszenierung und Eskalierung von Konflikten weltweit durch die Geostrategen des anglo-amerikanischen Imperiums und ihrer willigen Vollstrecker im europäischen Polit- und Medienestablishment. Das ist nicht wenig.

Meine 100

4. Orfeu Negro                                              M. Camus                       F/BR           1959


 

24. September 2014:

Meine 100

5. Die nackte Insel                                         K. Shindo                         J                1960

 


 

23. September 2014:

Meine 100

6. Die Regenschirme von Cherbourg            J. Demy                           F                 1963

 


 

22. September 2014:

Meine 100

7. Mein Onkel                                          J. Tati                                        F                  1958

 


 

21. September 2014:

Meine 100

8. Die Kinder des Olymp                        M. Carné                                    F                  1943-44

 


 

20. September 2014:

Meine 100

9. Geraubte Küsse                                    F. Truffaut                                 F                   1968

 


 

19. September 2014:

Meine 100

10. Die Ausgebufften                                B. Blier                                       F                  1974

 


 

18. September 2014:

Wenn man glaubt, Prag, jedenfalls das Zentrum, durch das man wochenlang kreuz und quer gelaufen ist, halbwegs zu kennen, entdeckt man plötzlich die versteckten, labyrinthartigen Innenpassagen innerhalb der Häuserblocks beziehungsweise die kleinen Parks zwischen ihnen. Das heißt, die meisten Touristen entdecken sie eben nicht, und so scheinen diese Bereiche eine Art Rückzugsraum für die einheimische Bevölkerung zu sein.

Innenhöfe gibt es auch zwischen den großen Mietshäusern der Jahrhundertwende, wie ich jetzt eines bewohne. Sie stehen fast Rücken an Rücken, und durch die nach hinten offenen Fenster und Türen entsteht eine vertraute Häusergemeinschaft. Aber auch innerhalb des Hauses selbst gibt es eine Verbindung zwischen den Wohnungen, einen in der ganzen Höhe des Hauses verlaufenden, nach oben offenen Schacht, auf den sich die Toilettenfenster aller Stockwerke öffnen. Und da diese Fenster naturgemäß meist geöffnet sind, entsteht auch hier eine gemeinsame Intimsphäre, alles sehr natürlich und entspannt.

Und wenn dann am Nachmittag in der Wohnung unter mir die Klänge des Gesangsunterrichts ertönen, fühle ich mich vollends ins Paris der 60er Jahre, in einen der Antoine-Doinel-Filme Truffauts versetzt.

Meine 100

12. Ein Regenschirm für Verliebte                           R. Nachapetow                      SU       1988

11. Hafen im Nebel                                                     M. Carné                                  F         1938

 


 

17. September 2014:

Meine 100

14. Verliebt in scharfe Kurven (Il sorpasso)              D. Risi                                    I          1962

13. Lola                                                                             J. Demy                                 F          1961

 


 

16. September 2014:

Meine 100

16. Tatis Schützenfest                                               J. Tati                                      F          1949

15. Letztes Jahr in Marienbad                                  A. Resnais                              F          1961

 


 

15. September 2014:

Sonnige Tage, die letzten Zuckungen des Sommers. Und abends das rituelle Feuerwerk über der Moldau, eine nicht vergehen wollende Urlaubsstimmung in der ganzen Innenstadt. Und wie eine Spiegelung des Feuerwerks am Himmel: der Tanz der Lichter der Uferlaternen auf den Wellen der Moldau unter meinen Fenstern.

Wissen ist Macht. Das Unwissen lacht (A.D.)

Meine 100

18. Tisch und Bett                                                F. Truffaut                            F          1970

17. Die Reise nach Tokio                                     Y. Ozu                                    J           1953

 


 

14. September 2014:

Meine 100

20. Ein Bahnhof für zwei                                         E. Rjasanow                          SU        1983

19. Die Ferien des Monsieur Hulot                          J. Tati                                     F          1953

 


 

13. September 2014:

Meine 100

22. Der dritte Mann                                                  C. Reed                                 GB        1949

21. Die sieben Samurai                                             A. Kurosawa                           J          1954

 


 

12. September 2014:

Im Zug nach Hannover, zu einer Lesung nach Uelzen: Zwei muskulöse Polizisten mit griffbereiten Pistolen, einer von ihnen im T-Shirt, streifen durch den Zug, und wie immer wenn ich das sehe, denke ich mir, nicht hier müßt ihr nach Verbrechern suchen, aus ihren verspiegelten, gläsernen Türmen, ihren gated communities müßt ihr sie holen, die Spekulanten und Finanzoligarchen, die für die „kannibalistische Weltordnung“ (Jean Ziegler), den Hunger und die schmutzigen Kriege und den daraus resultierenden Strom entwurzelter, heimatloser, mit dem sinnlos-beschönigenden Zehzettel „Migrant“ versehener Flüchtlinge verantwortlich sind und hinter den Kulissen der Politik mit einem Heer von Lobbyisten und „Denkfabriken“ die einst demokratischen Strukturen infiltrieren und aushöhlen, und manchmal – zumal wenn diese Sicherheitskräfte ausschließlich die nicht dezidiert christlich-abendländisch anmutenden Fahrgäste zur Kontrolle herauspicken (was sie ausnahmslos immer tun) –, sage ich es ihnen auch, und sie nicken oder lächeln meist zustimmend, sie verstehen, was ich meine – und gehen weiter, sie haben ihre Anweisungen und ihren Monatslohn. Und dann fällt mir die Polizistin ein, die uns, einem Freund und mir, bei einer Demonstration gegen den US-Angriffskrieg auf den Irak ungeachtet unseres relativ provokativen Plakats ein „Na, dann demonstriert schön für uns mit“ mit auf den Weg gab. Ich hätte sie am liebsten umarmt, unterließ es dann aber, sie hätte die Bewegung vielleicht doch mißverstanden.

 

Meine 100

24. Die süße Haut                                                     F. Truffaut                              F          1964

23. Die Liebenden                                                     L. Malle                                  F          1958

 


 

11. September 2014:

Meine 100

26. Meine Nacht bei Maud                                       E. Rohmer                             F         1969

25. Spiel mir das Lied vom Tod                                S. Leone                                 I          1968

 


 

10. September 2014:

Abend für Abend versinkt hinter dem Laurenziberg schräg gegenüber den Fenstern die Sonne, beschert wilde Wolkenformationen vor dem langsam sich verdunkelnden Himmel. Ganz dunkel wird es nie.

Auf einem Auto ein Aufkleber: I love porno, mit Herzchen in der Mitte. Ein Scherz? Ironie? Ernst gemeint? – Mitteleuropa im 21. Jahrhundert. Oder nur eine arme, verwirrte Seele.

Meine 100

28. Frau zu verschenken                                          B. Blier                                   F          1977

27. Zu schön für dich                                                B. Blier                                   F          1989

 


 

9. September 2014:

Meine 100

30. Schwarze Narzisse                                              Powell/Pressburger                GB         1947

29. Fahrstuhl zum Schafott                                     L. Malle                                    F           1957

 


 

8. September 2014:

Meine 100

33. Psycho                                                                 A. Hitchcock                         US         1960

32. Die Kraniche ziehen                                         M. Kalatosow                        SU         1957

31. Ladykillers                                                          A. Mackendrick                    GB        1955

 


 

7. September 2014:

Meine 100

36. Ich bin Kuba                                                        M. Kalatosow                      SU         1964

35. Ein Haufen toller Hunde (The Hill)                 S. Lumet                              GB         1965

34. Taxi Driver                                                           M. Scorsese                          US         1976

 


 

6. September 2014:

Mark Twain: „Es ist idiotisch, sieben oder acht Monate an einem Roman zu schreiben, wenn man in jedem Buchladen für zwei Dollar einen kaufen kann“. Recht hat er, aber es hilft nichts: Schaffen ist schöner als schoppen.

Meine 100

39. Pandora und der fliegende Holländer               A. Lewin                             GB         1951

38. Ein Mann und eine Frau                                      C. Lelouch                           F           1966

37. Ein Herbstnachmittag                                          Y. Ozu                                  J            1962

 


 

5. September 2014:

Besuch bei Freunden in Benešov. Besichtigung des Schlosses Konopiště, wo Erzherzog Franz Ferdinand, der designierte Thronfolger Österreich-Ungarns, mit seiner schönen, aber nicht standesgemäßen Frau Sophie Gräfin Chotek lebte. Franz Ferdinand war ein fanatischer Sammler und Jäger. Er besaß nicht nur eine große Sammlung erlesener alter Waffen und Rüstungen, er erlegte im Lauf seines Lebens auch die unfaßbare Zahl von 274.889 Stück Wild, über die peinlich genau Buch geführt wurde. Der mittellose, serbische Anarchist Gavrilo Prinzip brachte es in seinem kurzen Leben auf nur zwei Treffer.

Meine 100

42. Rocco und seine Brüder                                        L. Visconti                      I              1960

41. Liebling der Frauen (Monsieur Ripois)              R. Clement                     F/GB       1954

40. Schlacht um Algier                                               G. Pontecorvo                 I/AL        1966

 


 

4. September 2014:

Die Schriftstellerwohnung im vierten Stock, hoch über der Moldau. Wer nur das parzellierte, moderne Wohnen kennt, weiß nichts von der Wohnqualität einer klassischen, mitteleuropäischen Altbauwohnung der Jahrhundertwende. Parkettböden, hohe Decken, hohe Flügeltüren, große Fenster, die die Räume mit Sonnenschein geradezu ertränken, selbst die Akustik ist voller, schöner. Alledem wohnt ein Geist der Großzügigkeit inne, der in unserer Zeit des berechnenden, buchhalterischen Nützlichkeitsdenkens, der Pragmatik und der Überbevölkerung längst verschüttet ist.

Meine 100

45. Doktor Schiwago                                              D. Lean                              GB/US            1966

44. Ryans Tochter                                                  D. Lean                               GB                 1970

43. Die Verlobten                                                   E. Olmi                                I                     1963

 


 

3. September 2014:

Meine 100

48. Rififi                                                                       J. Dassin                                 F          1954

47. Das Loch                                                                Jacques Becker                       F          1960

46. Der Pate (Teil 1)                                                   F. F. Coppola                          US        1972

 


 

2. September 2014:

Meine 100

51. The French Connection                                        W. Friedkin                            US         1971

50. Sie küßten und sie schlugen ihn                        F. Truffaut                              F           1959

49. Eifersucht auf Italienisch                                    E. Scola                                    I           1970

 


 

1. September 2014:

Meine 100

54. Moskau glaubt den Tränen nicht                       W. Menschow                        SU       1979

53. Die Korruption (La corruzione)                            M. Bolognini                          I          1963

52. Die Müßiggänger (I vitelloni)                               F. Fellini                                 I          1953

 


 

31. August 2014:

Meine 100

57. Der Job                                                                     E. Olmi                                   I          1961

56. Elvira Madigan                                                      Bo Widerberg                         S          1967

55. Wintermärchen                                                      E. Rohmer                              F          1992

 


 

30. August 2014:

Meine 100

60. Im Strudel                                                                I. Gaál                                    H         1964

59. Im Zeichen des Löwen                                           E. Rohmer                              F          1959

58. Der Clou                                                                    G. R. Hill                               US        1973

 


 

29. August 2014:

Meine 100

64. Adel verpflichtet                                                  R. Hamer                              GB      1949

63. Treibende Wolken                                                M. Naruse                              J          1955

62. Wilder Sommer                                                     V. Zurlini                               I          1959

61. Die Unbefriedigten (Les bonnes femmes)       C. Chabrol                             F          1960

 


 

28. August 2014:

Meine 100

68. Vier Nächte eines Träumers                                 R. Bresson                              F          1971

67. Karussell                                                                  Z. Fábri                                  H         1955

66. Die Tatarenwüste                                                 V. Zurlini                                I          1976

65. Der Idiot                                                                   A. Kurosawa                          J          1951

 


 

27. August 2014:

Gestern bei warmem Wetter Vysehrad und Moldauufer südlich der Jiráskuv Brücke. Alles sehr gelassen, die Tschechen beherrschen die hohe Kunst des Entspanntseins. Kommt das von all dem Bier, das sie trinken? Heute Dauerregen.

Ein Eintrag im „Buch der Bewohner“, einem von meinen Vorgängern in der Wohnung verfaßten Heft mit vielen guten Tipps: An heißen Tagen läuft der Nachbar (im Hof gegenüber) nackt herum. Nicht schrecken. Ich lese das, denke traurig: Mein Gott, warum tun Frauen nie sowas. Die Jalousien jedenfalls habe ich heruntergelassen.

Meine 100

72. Gilda                                                                   C. Vidor                                 US       1946

71. Die Lady von Shanghai                                     O. Welles                                US       1947

70. Banshun – Später Frühling                               Y. Ozu                                    J          1949

69. Vertigo                                                                 A. Hitchcock                           US       1958

 


 

26. August 2014:

Meine 100

76. Jules und Jim                                                       F. Truffaut                              F          1961

75. Der erste Lehrer                                                  A. Kontschalowski                 SU       1965

74. Das Wort                                                             C. T. Dreyer                             DK      1955

73. Rotbart                                                                A. Kurosawa                             J          1965

 


 

25. August 2014:

Meine 100

80. Die Hoffnungslosen                                          M. Jancsó                               H         1965

79. Ugetsu Monogatari                                             K. Mizoguchi                         J          1953

78. Das Lächeln einer Sommernacht                      I. Bergman                           S          1955

77. Die Jungfrauenquelle                                          I. Bergman                           S          1960

 


 

24. August 2014:

Am siebten Tag schuf Gott die Stille, und er sah, daß es gut war. Ich sehe das auch so.

Meine 100

84. Vollmondnächte                                                  E. Rohmer                              F          1984

83. Pauline am Strand                                              E. Rohmer                              F          1982

82. Der Teufel mit der weißen Weste                   J.-P. Melville                           F          1962

81. Die amerikanische Nacht                                    F. Truffaut                              F          1973

 


 

23. August 2014:

Auf der Insel gegenüber findet den ganzen Tag ein Straßenkonzert statt. Diese Konzerte gleichen sich weltweit genauso wie Fußgängerzonen. Dröhnende, chronisch schlechte, drittklassige Rockmusik, dumpfe Bässe, Schlagzeuggehämmer und hallende Elektronik und eine gröhlende Stimme wie vom Streckbrett. Diese Musik hat etwas grundsätzlich Verzweifeltes, Quälendes, absichtsvoll Häßliches, Impotentes, Blumen verwelken, wenn sie ihr ausgesetzt werden. Den Leuten gefällt’s aus irgendeinem Grund, sie johlen, aber Freude kommt nicht auf. Freude, Fröhlichkeit sind etwas Biologisches, durch Technik nicht zu Erzeugendes. Allgemein läßt sich feststellen, daß die Fähigkeit zur Freude, zur Fröhlichkeit eines Menschen, eines Landes seinem technischen Stand, seiner technischen Aufrüstung direkt proportional entgegengesetzt ist.

Erste Rundgänge, erstes Wiedererkennen von Stätten früheren Glückes: Flecku, Café Slavia. Ich wage den Gang über die Karlsbrücke. In der Verlassenheit der Morgenstunden mag sie zauberhaft schön sein, aber um sie an einem Samstag Nachmittag im August zu überqueren, muß man wirklich ein Menschenfreund sein. Ein Touristenmassenfreund. Eigentlich gehört sich das genauso verboten wie ein Spaziergang über die Váci Straße in Budapest. Ich werde fortan die anderen Brücken nehmen, denn hinüber muß ich ja doch.

Meine 100

88. Das Leben ist ein Chanson                                  A. Resnais                              F          1997

87. Onibaba – die Töterinnen                                    K. Shindo                               J           1964

86. Heaven’s Gate                                                     M. Cimino                              US         1980

85. Mutter Johanna von den Engeln                       J. Kawalerowicz                      P          1961

 


 


22. August 2014:

Meine 100

92. Diebe haben’s schwer                                          M. Monicelli                           I          1958

91. Tag der Rache                                                        C. T. Dreyer                            DK      1943

90. Eine verheiratete Frau                                         J.-L. Godard                          F          1964

89. Ein mörderischer Sommer                                   Jean Becker                            F          1983

 


 

21. August 2014:

Meine 100

96. Goldhelm                                                            J. Becker                                F          1951

95. Die Bösen schlafen gut                                       A. Kurosawa                          J          1960

94. Die Nacht des Jägers                                           C. Laughton                          US       1955

93. Harakiri                                                               M. Kobayashi                         J           1962


 

20. August 2014:

Fahrt durch die Oberpfalz, braune Felder, dunkle Wälder, eine schöne, spröde, dunkle Landschaft, die mir seit meinen sieben Jahren in der Gegend so vertraut ist. Unglaublich, wie tief sich einem in der Jugend Erlebtes einprägt. Der Zug ist wie die Züge vor dreißig Jahren, mit Abteilen, beweglichen Fenstern, knatternden Gleisen, ohne Klimaanlage, ohne Steckdosen, ein wenig schmuddelig und fröhlich, und plötzlich sind auch die Fahrgäste so, plötzlich wimmelt und atmet und menschelt es, unverkennbar: es geht nach Osten. Wie traurig, das alles nur in Superzeitraffer, aus 10 000 Metern Höhe zu erleben, nicht zu erleben. Liegt es an mir, daß ich sowas mag, während der Rest der Welt sich nach dem Gegenteil abstrampelt? Ich weiß, daß es nicht an mir liegt, aber ein Restzweifel bleibt doch. Und der darf nicht zu groß werden.

Domazlice, die Grenze von einst, und auf einen Schlag ist man drüben. Sonnenblumenfelder, bröckelnder Verputz. Nichts hat sich verändert. Oder doch? Ein LIDL schießt am Fenster vorbei, ich atme auf, die Versorgung der nächsten sechs Wochen ist gesichert. Ab Pilsen allein unter Tschechen, ich lausche der Sprache: der Klang ist nicht so ungestüm wie Serbokroatisch, nicht so sperrig wie Polnisch, nicht so schön wie Russisch, eher gemäßigt, mittig. Ihnen allen gemeinsam: Ich verstehe keine Silbe. Einfahrt in Prag hl.n. (vermutlich Hauptbahnhof).

Damit ich wirklich auch jeden Tag etwas verschicke, habe ich mir vorgenommen, in den nächsten Wochen meine wohlüberlegte, wenn auch subjektive Liste der 100 größten Filme der Filmgeschichte vorzustellen (diesbezüglich bin ich seltsam mitteilungsfreudig):

Meine 100

100. Picknick am Valentinstag                                  P. Weir                                    AUS    1975

99. Das Parfüm von Yvonne                                      P. Leconte                              F         1994

98. Die mit der Liebe spielen (L’avventura)          M. Antonioni                         I           1960

97. Das Irrlicht                                                              L. Malle                                  F           963

 


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Foto Akos Doma: Hubert Klotzeck

Akos Doma erhält das Prager Literaturstipendium 2.0

Doma_Akos_2_honorarfrei_HubertKlotzeck_850Der Verein Porta Bohemica, das virtuelle Literaturhaus Bremen und das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren vergeben zum vierten Mal das „Prager Literaturstipendium 2.0“. Diesjähriger Preisträger ist der Schriftsteller und Übersetzer Akos Doma.
Foto: Hubert Klotzeck

Die Jury des Prager Literaturhaus Deutschsprachiger Autoren überzeugte „die herausragende literarische Qualität des Werkes von Akos Doma, seine besonderen erzählerischen Momente.“ Die Jury würdigte auch „die beeindruckende Kenntnis und Empathie für die Stadt Prag, die in der überzeugenden Darstellung im Rahmen der Bewerbung zum Ausdruck kam.“ Besonders schätzte die Jury „den Mut von Akos Doma, den Status quo zu hinterfragen und unbequeme Fragen zu stellen.“

Ab dem 15 . August wird Akos Doma online via Netz-Tagebuch über seinen Aufenthalt   aus der tschechischen Hauptstadt berichten.
Akos Doma, 1963 in Budapest geboren, wuchs in Ungarn, Italien und England auf und kam mit 14 Jahren nach Deutschland. Sein Debütroman »Der Müßiggänger« erschien 2001 bei Rotbuch. Für seinen Roman »Die allgemeine Tauglichkeit« erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2012. Akos Doma ist Schriftsteller und Übersetzer, u. a. von László Földényi, Péter Nádas und Sándor Márai, und lebt mit seiner Familie in Eichstätt.

>> mehr zum Preisträger:

Die „Prager Literaturstipendium 2.0“ ist mit 1.500 Euro dotiert. Neben dem Preisgeld erhält der Preisträger einen sechswöchigen Aufenthalt in einer Wohnung in der Altstadt von Prag von Mitte August bis Ende September.

Das „Prager Literaturstipendium 2.0“ wird realisiert vom virtuellen Literaturhaus Bremen, dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, der Agentur pro-tisk und dem Verein Porta Bohemica.