Buchtipp des Monats

Esther Willbrandt, Literaturredakteurin beim Nordwestradio, empfiehlt im Monat Mai die Anthologie

„Wie wir leben wollen. Texte für Solidarität und Freiheit“, Herausgeber Matthias Jügler.

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Hunderttausende sind auf der Flucht, so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen, Lebenszusammenhängen. Die gigantischen Fluchtbewegungen werden langfristig die Welt verändern, und sie werden Europa verändern, auch die Art, wie wir leben. Das ist ein Fakt, an dem auch Grenzzäune und Aufmärsche nichts ändern werden. Die einzige Frage ist: Wie gehen wir damit um? In der Anthologie Wie wir leben wollen stellen sich fünfundzwanzig Autorinnen und Autoren diese Frage.

Der Band vereint viele klangvolle Namen und ein breites Spektrum an Perspektiven – von der erst 21 jährigen Lara Hampe bis zur lebens- und schreiberfahrenen Ulrike Draesner, Autoren aus den alten und neuen Bundesländern, Schriftsteller, die in Deutschland oder anderswo geboren sind. Sie alle positionieren sich in ihren Texten, suchen oft im Schreiben selbst noch nach einem Umgang mit dem Thema oder verarbeiten eigene Erfahrungen.

Stephan Thome, der Taipeh als Lebensort gewählt hat und dort selbst schon rein äußerlich ein Fremder ist, führt uns zurück ins China des 19. Jahrhunderts, als dort die Angst vor der Überfremdung durch deutsche Einwanderer grassierte, vor der „Christianisierung des Morgenlands“. Julia Weber zerlegt wütend und verzweifelt die Psychologie des Fremdenhasses. Saša Stanišić kam als Flüchtling aus Bosnien nach Deutschland und verlor sein Herz im Naturpark Neckartal-Odenwald. Er schreibt: „Jede Heimat ist eine zufällige – dort wirst du halt geboren, hierhin vertrieben […] Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will. […] Das gibt dann vorzügliche Ortsvereinsbeitritte, Sprachreisen, Alterswohnsitze in Florida und Auswanderinnen in die Dominikanische Republik zu besser aussehenden Männern.“

Texte für Solidarität und Freiheit heißt das Buch im Untertitel – sie gilt es mehr denn je zu verteidigen, unbedingt auch mit klugen Texten wie diesen.

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Suhrkamp 2016, 197 Seiten, 10,00 €

Mit Texten von Shida Bazyar, Bov Bjerg, Kristine Bilkau, Nora Bossong, Jan Brandt, Micul Dejun, Ulrike Draesner, Roman Ehrlich, Lucy Fricke, Mirna Funk, Heike Geißler, Lara Hampe, Franziska Hauser, Heinz Helle, Svenja Leiber, Édouard Louis/Geoffroy de Lagasnerie und Hinrich Schmidt-Henkel, Inger-Maria Mahlke, Matthias Nawrat, Markus Orths, Maruan Paschen, Philipp Rusch, Saša Stanišic, Stephan Thome, Senthuran Varatharajah, Julia Weber sowie Matthias Jügler (Hrsg.).

 

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Der Literaturtipp des Monats

Gianna_1024_72Gianna Lange, Trägerin des Bremer Autorenstipendiums, empfiehlt

„180° Meer“ von Sarah Kuttner:

Jules Meer muss grau und stürmisch sein. Immer wieder zieht es sie dorthin, wenn es bei ihr nicht so gut läuft. Und das tut es eigentlich nie.

Jule arbeitet als Sängerin in einer Bar, die sie nicht mag, wo sie in einem Kleid, das sie nicht mag, Musik singt, die sie nicht mag. Am Klavier begleitet sie ihr Kollege, den sie nicht mag, und im Büro der Bar schläft sie mit ihrem Boss, den sie nicht mag. Noch weniger als all das kann sie eigentlich nur ihre Eltern leiden: ihre depressive und narzisstische Mutter Monika und ihren abwesenden Vater Michael. Die einzigen Menschen, die sie mag, sind ihr Bruder Jakob und ihr Freund Tim, bei dem sie sich gut fühlt und dessen Nähe sie will und ertragen kann.

Ihr ohnehin schon wackeliges Leben gerät bedrohlich ins Schwanken, als Tim von ihrer Affäre mit dem Boss erfährt und von ihr vorerst nichts mehr wissen will. Kurzschlussartig packt Jule ihre Sachen und fliegt zu ihrem Bruder nach London. Dort lässt sie sich von der Masse tragen und von farblosen Stadtrandvierteln beruhigen. Sie entwickelt eine von beiden Seiten misstrauisch beäugte Beziehung zu einem Hund, dessen ambivalentes Verhalten sie an ihr eigenes erinnert. Und eigentlich sollte es ihr egal sein, dass ihr Vater in der Nähe lebt, am Meer, und bald an Krebs sterben wird. Mit geliehenem Hund im Gepäck, vielen Knoten im Kopf und der Aussicht auf 180 Grad Meer macht sie sich dennoch auf den Weg, ihren Vater noch einmal zu sehen.

Sarah Kuttners Protagonistin ist so voller Selbstverachtung und ungelöster Probleme, dass es einem beim Lesen bisweilen fast unbehaglich wird. Untätig sehen wir der jungen Frau dabei zu, wie sie Schlechtes schlecht sein lässt, kaputt macht, was noch heil ist, und dabei nichts hinterfragt, weil die Mauer, die sie um sich selbst gezogen hat, zu hoch und zu dick ist. Mit gewohnt schonungsloser und direkter Sprache kreiert Kuttner eine Protagonistin, die es einem schwer macht, sie zu mögen – was der Protagonistin selbst vermutlich gut passen würde. Ihr Dauerzustand ist eine Mischung aus Wut und Verachtung, die sich auf ihre Umwelt, vor allem aber auf sie selbst konzentriert. Selten fühlt sie sich neutral, niemals einfach nur zufrieden. Selbst als sie in Bewegung gerät, sich aus ihrer gewohnten Unbehaglichkeit löst und die Fassade langsam zu bröckeln beginnt, geschieht dies stolpernd. Kuttner lässt uns, wie bereits in früheren Werken, keinen Moment lang an das Klischee „Ende gut, alles gut“ glauben. Stattdessen entlässt sie uns mit der Botschaft, dass auch Versuche, selbst gescheiterte, lohnenswert sind – und manchmal alles, was wir bekommen. Das rückt Kuttners Buch mitten ins Leben und macht es so lesenswert.

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Sarah Kuttner: 180° MEER
S. FISCHER, gebunden, 272 Seiten
ISBN: 978-3-10-002494-7
€ 18,99


Sarah Kuttner stellt ihr Buch am 29. April um 20:00 Uhr im Kulturzentrum Schlachthof vor.

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Der Literaturtipp des Monats

Renz_800Martin Renz, Leiter der Stadtbibliothek Vegesack, empfiehlt:

„Hundert Freuden“ Gedichte von Wisława Szymborska.

Welch passender Titel für diesen kleinen Gedichtband! Auf etwa 200 Seiten versammelt er die vielleicht zugänglichste Auswahl von Gedichten der polnischen Lyrikerin Wisława Szymborska (1923–2012). Er bildet Szymborskas Schaffen in der Zeitspanne von den 50ern bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts ab. Und auch wenn das Spätwerk nicht Eingang in diese 1996 erschienene Sammlung gefunden hat, mag das Attribut repräsentativ für sie wohl angemessen sein, da hier diejenigen Texte zu finden sind, die womöglich auch das Komitee der Svenska Akademien dazu bewogen haben, Szymborska vor inzwischen 20 Jahren den Nobelpreis für Literatur zuzusprechen.

Neben einigen, wenigen Gedichten aus Szymborskas noch dem sozialistischen Realismus verschriebener frühester Schaffenszeit, lernen Leserinnen und Leser aus dem deutschsprachigen Raum hier von Karl Dedecius kongenial übersetzte Texte einer beständig zwischen Moderne und Postmoderne oszillierenden Individualistin kennen. Epigonentum? Fehlanzeige. Szymborska entpuppt sich – stets mit dem ihr eigenen ironischen Augenzwinkern – als fragende Zweiflerin, als Philosophin des „ex negativo“, als Poetin des „Was wäre wenn?“. Symptomatisch dafür sind Titel wie „Von der nicht stattgehabten Expedition in den Himalaya“, „Rezension eines nicht geschriebenen Gedichts“ oder Gedichtanfänge wie „Meine Nichtankunft in der Stadt N. / erfolgte pünktlich.“

Ungeheuer spannend ist Szymborska auch, wenn sie – mal mehr, mal weniger augenfällig – feministische Standpunkte in ihr lyrisches Werk einflicht. So zum Beispiel im Text „Beim Wein“, für den die Bezeichnung „Liebesgedicht“ schon kaum noch passen mag:

Er sah, sein Blick gab mir Schönheit,
und ich empfang sie als die meine. […]
Ich ließ geschehen, daß er mich ausdachte
zum Ebenbild der Spiegelung
in seinen Augen. […]
Ich sage ihm, was er will: von Ameisen,
die an der Liebe sterben […].
[…] So tanze ich, tanze
in der staunenden Haut, in der Umarmung,
die mich erschafft. […]

Vordergründig wirkt Szymborska in ihrer Sprache häufig simpel, in der Wahl ihrer Gegenstände alltäglich, manchmal gar banal. Hinter dieser oft schmucklosen Fassade entdecken ihre Leserinnen und Leser jedoch hunderte von Freuden. Lesenswert!

Wislawa
Herausgegeben und aus dem Polnischen von Karl Dedecius. Mit einem Vorwort von Elisabeth Borchers und einem Nachwort von Jerzy Kwiatkowski

Erschienen: 27.02.1996
suhrkamp taschenbuch 2589, Broschur, 240 Seiten
ISBN: 978-3-518-39089-4