Literaturtipp zur Prime Time – Crime Time 2016

20160902_083059_800Perdita Krämer, künstlerische Leitung des bremer kriminal theaters und neue Festivalorganisatorin der „Prime Time – Crime Time“ empfiehlt:

„Never say anything“ von Michael Lüders.

Mein persönlicher Literaturtipp zum 19. Bremer Krimifestival ist Never Say Anything des Nahost-Experten und Präsidenten der Deutsch-Arabischen Gesellschaft Dr. Michael Lüders. In diesem spannenden Polit-Thriller begleitet der Lesende Sophie Schelling, eine Berliner Journalistin, die ihren Beruf noch ernst nimmt: Auf einer Dienstreise in Marokko wird Sophie Schelling zufällig Augenzeugin eines Kriegsverbrechens, eines  amerikanischen – als Anti-Terroreinatz getarnten – Luftangriffs auf das kleine, am Atlasgebirge gelegene Dorf, Gourrama. Zurück in Deutschland will die Journalistin die Wahrheit ans Licht bringen, scheitert jedoch zunächst trotz des beweisenden Filmmaterials. Sie gerät ins Visier der amerikanischen Geheimdienste, welche damit beginnen, Sophie Schellings neversayanythingLeben zu ruinieren und dabei auf modernste Technik zurückgreifen. Aber die Journalistin gibt nicht auf: Sie findet Verbündete und beginnt sich zu wehren…

Never Say Anything  greift ein aktuelles, starkes politisches Weltthema auf und liest sich sehr spannend. Für mich als Islamwissenschaftlerin sehr spannend. Auf der Prime Time liest der Autor zweimal: Einmal – am 22.09. um 20 Uhr von der Buchhandlung Lesumer Lesezeit organisiert – im Alten Gerichtssaal in Lesum und einmal am 26.09. auf der Ozeana im Rahmen der Langen Radio Bremen Krimi-Nacht.

Michael Lüders: Never Say Anything. C. H. Beck, 2016, ISBN: 978-3-406-68892-8, 367 Seiten, € 14,95

Der Buchtipp des Monats

Spörl-Portrait_800Uwe Spörl, Universitätslektor für neuere deutsche Literaturwissenschaft der Universität Bremen, empfiehlt

„Die Unglückseligen“ von Thea Dorn.

Die Molekularbiologin Johanna Mawet ist besessen von der Idee, Krankheit, Leid und Tod zu bekämpfen, ja zu besiegen. Sie ist felsenfest davon überzeugt, mit solcher Forschung der Menschheit einen Gefallen zu tun. Und auch wenn sich bestenfalls kleine Teilerfolge einstellen wollen: Bei einem solch „faustischen“ Unterfangen ist der Teufel natürlich nicht weit, jedenfalls in der Literatur. Die eigentliche Würze erhält dieser Roman aber durch einen weiteren Johann, Johann Wilhelm Ritter nämlich, einen Pionier der Elektrophysik und Naturphilosophen aus Goethes Zeiten, der sich wie Faust und Johanna bedingungslos seinen Forschungen verschrieben hatte – und dementsprechend früh, als Mittdreißiger, im Jahr 1810 starb. So steht es jedenfalls in Wikipedia. Johanna Mawet und mit ihr die Leser haben also einen weiteren Forschungsauftrag, nämlich zu klären, was dieser Ritter eigentlich in der heutigen Welt, in der die Geschichte des Romans spielt, zu suchen hat (er selbst fragt sich das übrigens auch). Des Rätsels Lösung soll hier natürlich nicht verraten werden. Dass die Geschichte ein großer Spaß ist, obwohl und weil sie ganz ernste Themen (die Ethik und die Geschichte der Wissenschaften insbesondere) behandelt, sei hier nur festgestellt. Noch größeren Spaß macht allerdings die Sprache des Romans – und das ist vielleicht das Beste, was man von Literatur sagen kann. Genauer gesagt, sind es Sprachen: die der Goethezeit und die unserer Zeit, die der Wissenschaft und die des Alltags, Gencodes und Comics, wissenschaftliche Protokolle und Zaubersprüche – das alles (und noch viel mehr) geht in diesen Roman ein und macht ihn zu einem Fest der Sprache. Wer also Lust auf Literatur hat, sollte diesen Roman, der Lust macht, unbedingt lesen.

Thea Dorn: Die Unglückseligen. Knaus 2016, gebunden, 560 Seiten, ISBN: 978-3-8135-0598-6,

 

Buchtipp des Monats

Esther Willbrandt, Literaturredakteurin beim Nordwestradio, empfiehlt im Monat Mai die Anthologie

„Wie wir leben wollen. Texte für Solidarität und Freiheit“, Herausgeber Matthias Jügler.

_esther

 

Hunderttausende sind auf der Flucht, so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen, Lebenszusammenhängen. Die gigantischen Fluchtbewegungen werden langfristig die Welt verändern, und sie werden Europa verändern, auch die Art, wie wir leben. Das ist ein Fakt, an dem auch Grenzzäune und Aufmärsche nichts ändern werden. Die einzige Frage ist: Wie gehen wir damit um? In der Anthologie Wie wir leben wollen stellen sich fünfundzwanzig Autorinnen und Autoren diese Frage.

Der Band vereint viele klangvolle Namen und ein breites Spektrum an Perspektiven – von der erst 21 jährigen Lara Hampe bis zur lebens- und schreiberfahrenen Ulrike Draesner, Autoren aus den alten und neuen Bundesländern, Schriftsteller, die in Deutschland oder anderswo geboren sind. Sie alle positionieren sich in ihren Texten, suchen oft im Schreiben selbst noch nach einem Umgang mit dem Thema oder verarbeiten eigene Erfahrungen.

Stephan Thome, der Taipeh als Lebensort gewählt hat und dort selbst schon rein äußerlich ein Fremder ist, führt uns zurück ins China des 19. Jahrhunderts, als dort die Angst vor der Überfremdung durch deutsche Einwanderer grassierte, vor der „Christianisierung des Morgenlands“. Julia Weber zerlegt wütend und verzweifelt die Psychologie des Fremdenhasses. Saša Stanišić kam als Flüchtling aus Bosnien nach Deutschland und verlor sein Herz im Naturpark Neckartal-Odenwald. Er schreibt: „Jede Heimat ist eine zufällige – dort wirst du halt geboren, hierhin vertrieben […] Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will. […] Das gibt dann vorzügliche Ortsvereinsbeitritte, Sprachreisen, Alterswohnsitze in Florida und Auswanderinnen in die Dominikanische Republik zu besser aussehenden Männern.“

Texte für Solidarität und Freiheit heißt das Buch im Untertitel – sie gilt es mehr denn je zu verteidigen, unbedingt auch mit klugen Texten wie diesen.

wie_wir_leben_wollen
Suhrkamp 2016, 197 Seiten, 10,00 €

Mit Texten von Shida Bazyar, Bov Bjerg, Kristine Bilkau, Nora Bossong, Jan Brandt, Micul Dejun, Ulrike Draesner, Roman Ehrlich, Lucy Fricke, Mirna Funk, Heike Geißler, Lara Hampe, Franziska Hauser, Heinz Helle, Svenja Leiber, Édouard Louis/Geoffroy de Lagasnerie und Hinrich Schmidt-Henkel, Inger-Maria Mahlke, Matthias Nawrat, Markus Orths, Maruan Paschen, Philipp Rusch, Saša Stanišic, Stephan Thome, Senthuran Varatharajah, Julia Weber sowie Matthias Jügler (Hrsg.).

 

>> mehr zum Buch

>> mehr zur Veranstaltung

Der Literaturtipp des Monats

Gianna_1024_72Gianna Lange, Trägerin des Bremer Autorenstipendiums, empfiehlt

„180° Meer“ von Sarah Kuttner:

Jules Meer muss grau und stürmisch sein. Immer wieder zieht es sie dorthin, wenn es bei ihr nicht so gut läuft. Und das tut es eigentlich nie.

Jule arbeitet als Sängerin in einer Bar, die sie nicht mag, wo sie in einem Kleid, das sie nicht mag, Musik singt, die sie nicht mag. Am Klavier begleitet sie ihr Kollege, den sie nicht mag, und im Büro der Bar schläft sie mit ihrem Boss, den sie nicht mag. Noch weniger als all das kann sie eigentlich nur ihre Eltern leiden: ihre depressive und narzisstische Mutter Monika und ihren abwesenden Vater Michael. Die einzigen Menschen, die sie mag, sind ihr Bruder Jakob und ihr Freund Tim, bei dem sie sich gut fühlt und dessen Nähe sie will und ertragen kann.

Ihr ohnehin schon wackeliges Leben gerät bedrohlich ins Schwanken, als Tim von ihrer Affäre mit dem Boss erfährt und von ihr vorerst nichts mehr wissen will. Kurzschlussartig packt Jule ihre Sachen und fliegt zu ihrem Bruder nach London. Dort lässt sie sich von der Masse tragen und von farblosen Stadtrandvierteln beruhigen. Sie entwickelt eine von beiden Seiten misstrauisch beäugte Beziehung zu einem Hund, dessen ambivalentes Verhalten sie an ihr eigenes erinnert. Und eigentlich sollte es ihr egal sein, dass ihr Vater in der Nähe lebt, am Meer, und bald an Krebs sterben wird. Mit geliehenem Hund im Gepäck, vielen Knoten im Kopf und der Aussicht auf 180 Grad Meer macht sie sich dennoch auf den Weg, ihren Vater noch einmal zu sehen.

Sarah Kuttners Protagonistin ist so voller Selbstverachtung und ungelöster Probleme, dass es einem beim Lesen bisweilen fast unbehaglich wird. Untätig sehen wir der jungen Frau dabei zu, wie sie Schlechtes schlecht sein lässt, kaputt macht, was noch heil ist, und dabei nichts hinterfragt, weil die Mauer, die sie um sich selbst gezogen hat, zu hoch und zu dick ist. Mit gewohnt schonungsloser und direkter Sprache kreiert Kuttner eine Protagonistin, die es einem schwer macht, sie zu mögen – was der Protagonistin selbst vermutlich gut passen würde. Ihr Dauerzustand ist eine Mischung aus Wut und Verachtung, die sich auf ihre Umwelt, vor allem aber auf sie selbst konzentriert. Selten fühlt sie sich neutral, niemals einfach nur zufrieden. Selbst als sie in Bewegung gerät, sich aus ihrer gewohnten Unbehaglichkeit löst und die Fassade langsam zu bröckeln beginnt, geschieht dies stolpernd. Kuttner lässt uns, wie bereits in früheren Werken, keinen Moment lang an das Klischee „Ende gut, alles gut“ glauben. Stattdessen entlässt sie uns mit der Botschaft, dass auch Versuche, selbst gescheiterte, lohnenswert sind – und manchmal alles, was wir bekommen. Das rückt Kuttners Buch mitten ins Leben und macht es so lesenswert.

Cover_180_Grad_Meer_300
Sarah Kuttner: 180° MEER
S. FISCHER, gebunden, 272 Seiten
ISBN: 978-3-10-002494-7
€ 18,99


Sarah Kuttner stellt ihr Buch am 29. April um 20:00 Uhr im Kulturzentrum Schlachthof vor.

>> mehr zur Lesung

Der Literaturtipp des Monats

Renz_800Martin Renz, Leiter der Stadtbibliothek Vegesack, empfiehlt:

„Hundert Freuden“ Gedichte von Wisława Szymborska.

Welch passender Titel für diesen kleinen Gedichtband! Auf etwa 200 Seiten versammelt er die vielleicht zugänglichste Auswahl von Gedichten der polnischen Lyrikerin Wisława Szymborska (1923–2012). Er bildet Szymborskas Schaffen in der Zeitspanne von den 50ern bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts ab. Und auch wenn das Spätwerk nicht Eingang in diese 1996 erschienene Sammlung gefunden hat, mag das Attribut repräsentativ für sie wohl angemessen sein, da hier diejenigen Texte zu finden sind, die womöglich auch das Komitee der Svenska Akademien dazu bewogen haben, Szymborska vor inzwischen 20 Jahren den Nobelpreis für Literatur zuzusprechen.

Neben einigen, wenigen Gedichten aus Szymborskas noch dem sozialistischen Realismus verschriebener frühester Schaffenszeit, lernen Leserinnen und Leser aus dem deutschsprachigen Raum hier von Karl Dedecius kongenial übersetzte Texte einer beständig zwischen Moderne und Postmoderne oszillierenden Individualistin kennen. Epigonentum? Fehlanzeige. Szymborska entpuppt sich – stets mit dem ihr eigenen ironischen Augenzwinkern – als fragende Zweiflerin, als Philosophin des „ex negativo“, als Poetin des „Was wäre wenn?“. Symptomatisch dafür sind Titel wie „Von der nicht stattgehabten Expedition in den Himalaya“, „Rezension eines nicht geschriebenen Gedichts“ oder Gedichtanfänge wie „Meine Nichtankunft in der Stadt N. / erfolgte pünktlich.“

Ungeheuer spannend ist Szymborska auch, wenn sie – mal mehr, mal weniger augenfällig – feministische Standpunkte in ihr lyrisches Werk einflicht. So zum Beispiel im Text „Beim Wein“, für den die Bezeichnung „Liebesgedicht“ schon kaum noch passen mag:

Er sah, sein Blick gab mir Schönheit,
und ich empfang sie als die meine. […]
Ich ließ geschehen, daß er mich ausdachte
zum Ebenbild der Spiegelung
in seinen Augen. […]
Ich sage ihm, was er will: von Ameisen,
die an der Liebe sterben […].
[…] So tanze ich, tanze
in der staunenden Haut, in der Umarmung,
die mich erschafft. […]

Vordergründig wirkt Szymborska in ihrer Sprache häufig simpel, in der Wahl ihrer Gegenstände alltäglich, manchmal gar banal. Hinter dieser oft schmucklosen Fassade entdecken ihre Leserinnen und Leser jedoch hunderte von Freuden. Lesenswert!

Wislawa
Herausgegeben und aus dem Polnischen von Karl Dedecius. Mit einem Vorwort von Elisabeth Borchers und einem Nachwort von Jerzy Kwiatkowski

Erschienen: 27.02.1996
suhrkamp taschenbuch 2589, Broschur, 240 Seiten
ISBN: 978-3-518-39089-4

Der Literaturtipp des Monats: „April“ von Angelika Klüssendorf

Foto_Maike_c_Heike_Mueller_800Eine Leseempfehlung von Maike Duddek, Mitarbeiterin im Literaturhaus Bremen:

April, das ist Angelika Klüssendorfs junge Heldin in einer brüchigen Welt. Aber „April“, findet Maike Duddek, ist auch eine scharfe Beobachtung und Zustandsbeschreibung: Das Nebeneinander von Unvorhersehbarem und quälend langsamen Getriebensein ist nicht nur der Protagonistin, sondern ihrer ganzen Umgebung schonungslos eingeschrieben.

April steht am Übergang von der Jugend zum Erwachsensein in der DDR, und die Zukunft hält für sie keine Wunder oder großen Annehmlichkeiten bereit. Als Unterschichtenkind wird sie im Leipzig der 1970er weitergereicht, ohne irgendwo anzukommen. Es geht von einer schäbigen Wohnung in die nächste, von beliebigen Jobs in die Wohnungen gutherziger und weniger gutherziger Bekannter und schließlich in die Psychiatrie und zurück. April gerät von einem Mann an den nächsten und all das, so scheint es, ohne Erfüllung. Aprils Liebe zum Lesen und Schreiben wirkt dabei als einzige greifbare Konstante in ihrem Leben. Das, und das Nachspüren der Muster ihrer Kindheit. Dabei wagt April, die es mittlerweile in den Westen verschlagen hat, die Annäherung an ihre Familie, die nicht gelingen will…

Angelika Klüssendorf entwirft in „April“ ein Leben im geteilten Deutschland, das deprimierend und ungeschönt, aber auch faszinierend wirkt. „Lethargisch, fast schläfrig beobachtet sie“, heißt es über April, und das fällt auch auf Klüssendorfs Beobachtungsgabe zurück. April ist eine junge Frau, so impulsiv und wechselbar wie der Monat selbst – eine Naturgewalt­ in einer zunehmend zerrütteten Welt. Dabei ist es nicht nur der zerrüttete Staat, sondern auch ihr Leben und auch ihre Psyche, um die es immer schlechter steht. In der Sprache vermischen sich Inneres und Äußeres: wo die wörtliche Rede fehlt, durchdringen sich April und ihre Umwelt gegenseitig. Insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, es bei April mit einer streunenden Katze zu tun zu haben. Ein zähes Ding, das sich durchschlägt und immer irgendwie davonkommt.

„April“ ist deshalb vor allem eins: Ein Roman über das Spiel mit dem Davonkommen. Obwohl es auch das Porträt einer ganzen bestimmten Zeit ist, berührt es durch die Universalität des Erwachsenwerdens ganz empfindliche Punkte. Für mich ist klar: „April“ ist ein Buch, das beim Lesen erst dünnhäutig macht und dann subtil die Krallen ausfährt.

april_coverAngelika Klüssendorf: April
Roman, 2014
Kiepenheuer & Witsch
224 Seiten
€ 18,99

>> mehr zur Autorin