Blogale: der Blog zur globale° 2017

Wer die globale° 2017, das Festival für grenzüberschreitende Literatur, live im Internet verfolgen möchte, hat dazu auf dem Blog zur globale° die Gelegenheit. 17 Studentinnen der Universität Bremen unter der Leitung von Ina Schenker geben die wichtigsten Infos zu diesem Literaturhighlight. Der Blog lädt dazu ein, hinter die Kulissen des Festivals zu blicken und den Autor*innen und ihren Büchern näher zu kommen. Hier gibt es Rezensionen, Veranstaltungsberichte und Interviews zu lesen. So seid ihr immer auf dem aktuellen Stand über das Geschehen vor Ort.

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Literaturtipp zum Festival „poetry on the road“

Regina Dyck, Festival Director von poetry on the road, empfiehlt

„Du sagt es“ von Connie Palmen:

Connie Palmen ist die Grande Dame der niederländischen Literatur, eine vielfach ausgezeichnete Autorin. Ihr erster Roman ›Die Gesetze‹ erschien 1991. Der internationale Bestseller machte Palmen zum Shootingstar der niederländischen Literatur und überzeugte die Literaturkritik. In ihrem neuen Roman ›Du sagst es‹ (dt. 2016) beschreibt Palmen die Ehe von Sylvia Plath und Ted Hughes, dem berühmten Schriftstellerehepaar, das Weltliteratur schrieb.

Nach Plaths Suizid im Jahr 1963 galt sie als Märtyrerin, Hughes hingegen als Verräter – eine Schuldzuweisung, zu der er sich zeitlebens nie äußerte. In dieser fiktiven Autobiografie schreibt Connie Palmen den Mythos um. Sie schildert die Beziehung zwischen Plath und Hughes aus der Ich-Perspektive von Hughes, der nunmehr sein Schweigen bricht. Connie Palmen lässt Ted Hughes auf eine amour fou und leidenschaftliche Ehe zurückblicken und eine Liebe neu beschreiben. Dazu befragt, warum sie die Sicht des Mannes gewählt hat, sagt Connie Palmen im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „Ich wollte fühlen, wie es ist, ein Judas zu sein . . . den Verrat nachzuempfinden, statt den Verrat zu beschreiben.“

»›Du sagst es‹ ist ein bezwingender Roman über zwei Virtuosen, denen die Götter alles gaben«, schreibt Elke Schmitter im SPIEGEL. Der Roman wurde 2016 mit dem wichtigsten Literaturpreis der Niederlande ausgezeichnet, dem ›Libris-Literaturpreis‹, 2017 erhielt er den ›Inktaap-Literaturpreis‹. Connie Palmen lebt in Amsterdam, Niederlande.

Connie Palmen: Du sagt es. Diogenes, 2016, ISBN: 978-3-257-06974-7, 288 Seiten, € 22,00

Festival-Blog zur globale° 2016

Der Blog zum zehnjährigen Jubiläum der globale° 2016, dem Festival für grenzüberschreitende Literatur, gibt euch die wichtigsten Infos zum Literaturhighlight des Herbstes. Erfahrt mehr zu den Autorinnen und Autoren und ihren Büchern und verschafft euch einen Einblick hinter die Kulissen der Veranstaltungen. Seid immer auf dem neuesten Stand über das Geschehen vor Ort und lest die Rezensionen, Veranstaltungsberichte und Interviews der Studierenden der Universität Bremen.

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Blogale – der globale° Festivalblog ist ein Projekt des virtuellen Literaturhauses Bremen und der Universität Bremen.

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Prager Literaturstipendium – Der Blog

Von Gesa Olkusz.

Donnerstag, 29. September 2016:

Die letzten Tage in Prag vergehen wie im Fluge. Letzte Termine, letzte Blicke auf nun vertraute Ansichten, noch ein Museum besuchen, noch ein Stadtviertel besichtigen.

Vieles bleibt dem fremdsprachigen Besucher verborgen, man sammelt Eindrücke, bekommt ein Gefühl für die Stadt, kennen kann man sie nach nur einem Monat, und ohne Sprachkenntnisse, nicht. Die Schlagzeilen in den Zeitungen, die Gespräche auf den Straßen bleiben unzugänglich, nur aus den heimischen Medien ist man in Ansätzen über politische Vorgänge, soziale und wirtschaftliche Umstände informiert.

Das Stipendium dient dem kulturellen Austausch. Das ist geglückt, Einblicke in Literatur und Film funktionieren durch Übersetzer, Einblicke in die Kunst funktionieren auch ohne Worte.

Das Gefühl des Willkommenseins, das Prag den, wohlgemerkt, Besuchern aus aller Welt vermittelt, steht im starken Kontrast zu dem Arm mit dem Schwert in der Hand, der dem Betrachter aus dem Stadtwappen entgegen kommt. Die erfahrene Gastfreundschaft, Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft der Prager steht in eben diesem Kontrast zu den Schlagzeilen über die tschechische Flüchtlingspolitik.

So sind auch dies Prager Eindrücke, die Widersprüche einer Stadt, alt und neu, Ruhe und Trubel, Gastfreundschaft und Verschlossenheit.

Der Besucher reist wieder ab, kennen kann man eine Stadt nach nur einem Monat nicht, doch sind die mitgenommenen Eindrücke und Erinnerungen ein erster Schritt zum Kennenlernen.


Montag, 26. September 2016:

Prag im späten September. Der Wochenmarkt am Ufer. Touristen und Anwohner mischen sich in der einmal angenehmen Menschenmenge, man probiert, schaut, setzt sich mit einer Köstlichkeit ans Wasser, in dem gierig die Schwäne schnappen.

Spinnen an den Brückenbrüstungen.

Die erstaunliche Anzahl von Tauben, aber wenig Krähen.

Die beeindruckende Anzahl von Hunden, aber wenig Katzen, nur auf dem Petřín, da eine ganze Gruppe, die um eine alte Dame herumscharwenzeln. Das abendliche Feuerwerk über der Moldau, das jedes Mal die Vögel auffliegen lässt, die sich längst zur Nachtruhe begeben hatten.

Die Gruppen von Kindern in gelben Warnwesten, die in den Parks der Außenbezirke allen möglichen Aktivitäten nachgehen, Bockspringen, Slalomlaufen, Tunnelkriechen. Immer wieder die Segwaygruppen, die sich leise schnurrend nähern, dann hat man sie plötzlich im Rücken, widerwillig lässt man eine Mischung aus selbstzufriedenen und verlegenen Gesichtern an sich vorbei rauschen.

Die freundlichen Polizisten, die um die Burg herum die Taschen kontrollieren. Vor den Burgmauern die kleinen Häuschen, ehemalige Gaststätten, die noch einmal an eine andere Zeit erinnern.

Und immer wieder Kafka, wenn man weiß, wo man schauen soll. Häuser, Spaziergänge, Cafés. Die Stimmung aus seinen Stückchen, manchmal ist sie geradezu spürbar, und manchmal geht sie im Trubel der Besucher unter. Dann biegt man um eine Ecke, und da ist sie wieder, kein Mensch weit und breit, das alte Straßenpflaster, das Licht, das wirklich golden ist, und zufrieden geht man weiter, denn so, genau so, hat man es sich vorgestellt.


Mittwoch, 21. September 2016:

Pünktlich zum Literaturfestival im Park Stromovka zieht der Herbst in Prag ein, er steht der Stadt gut zu Gesicht. Wie eine alte Dame atmet sie bei den kühleren Temperaturen auf, froh darüber, sich in die elegante Herbstgarderobe kleiden zu dürfen. Die Farben der Blätter schmücken die verzierten Häuserfassaden, die Straßen leeren sich von den Touristen, nachts läuft man unter Straßenlaternen über die Moldaubrücken, Nebel über dem Wasser und die Passanten in Hut und Mantel mit hochgeschlagenen Kragen.

Im Baumgarten Stromovka, dem größten Park der Innenstadt, trotzen die Zuhörer den kühlen Temperaturen auf langen Bänken. Drei deutsch-, und vier tschechischsprachige Autoren lesen auf der Bühne, und das Publikum zieht sich Jacken und Tücher fest um die Schultern, dampfende Becher in den Händen, und bleibt, von der Kinderbuchautorin und Dichterin Daniela Fischerova am frühen Nachmittag bis zu den Gedichten Milan Dĕžinskýs in der einsetzenden Abenddämmerung.

Dies der bleibende Eindruck des Festivals, die Aufmerksamkeit der Zuhörer inmitten des Trubels des Parks, zwischen gelegentlichen Regentropfen und fallenden Blättern, am ersten Herbsttag in Prag.


Freitag, 16. September 2016:

Eindrücke aus Prag. Mit der Zeit lernt man die unmittelbare Gegend kennen, macht Ausflüge auch in entlegene Winkel der Stadt, doch ob man sich in Prag, Rom oder Lübeck befindet, ein Aufenthaltsstipendium ist ein Arbeitsstipendium. Die Kulisse ist ein Bonus, eine Stimmung, die man aufnimmt, mitnimmt, doch es sind die Räume der Wohnung, die man wirklich kennen lernt.

Die Risse in der Wand, die knarrende Diele im Flur, die Geräusche aus dem Treppenhaus, erstaunlich wenige, als hielten sich die Bewohner noch in der Sommerfrische auf. Nur aus der Nachbarwohnung erklingt täglich ab vier Uhr nachmittags Operngesang mit Klavierbegleitung. Die hohen Räume und kleinen Kammern, Luftschächte, der Hinterhof mit den Tauben und den Nachbarn, die abends vor offenen Fenstern in großen Sesseln sitzen.

Der Lauf der Sonne, die durch die riesige Fensterfront herein scheint und am späten Nachmittag fast unerträglich wird. Fast, denn die Weite vor den Fenstern ist ein Luxus, die Aussicht unerhört für eine Stadtwohnung – der Fluss, der Petřín mit der Hungermauer, die „Kleine Seite“. Das Farbenspiel des Himmels jeden Abend, dann die erleuchtete Burg.

Wollte man also Straßenszenen schildern, müsste man sich zuerst an die Touristen halten, die die Jugendstilfassade des Hauses fotografieren und mit dem Finger zeigen, wenn man sich aus dem Fenster lehnt. Müsste die Tretboote beschreiben, die sich jeden Morgen zur selben Zeit langsam ins Blickfeld schieben, wo sie in endloser Reihe bis zum Sonnenuntergang Parade halten. Die Frau, die jeden Morgen die kleine Eisenbahn im Park am Ufer abdeckt, und sofort finden sich Eltern mit ihren Kindern ein, die glücklich im Kreis umherfahren. Die Jogger, die Menschen frühmorgens mit ihren Hunden, die Lieferanten. Die Routine der Bewohner der Gegend, der man eine kurze Weile als Beobachter zusehen darf, bis man sie und die Prager Neustadt wieder sich selbst überlässt.


Samstag, 10. September 2016:

Die Hitze eines verspäteten Sommers hängt über der Stadt.

Die ersten Spaziergänge führen also fort von den Straßen und Plätzen, fort von den Menschenmassen, die sich in der drückenden Luft über Brücken und durch die Gassen der Altstadt schieben. Fort von den Segway-Geschwadern, den Souvenirverkäufern, den Gruppen singender und grölender erwachsener Männer, denen Sonne, Bier und eine merkwürdige Form der Zügellosigkeit im fremden Land zu Kopf gestiegen sind.

Statt dessen in die Parks! Luft, Kühle und grüner Raum. Auf den Spuren Kafkas wandelt man auch hier, laut Wagenbach war der Petřín einer seiner Lieblingsspaziergänge. Das ist verständlich: plötzlich findet man sich allein zwischen alten Bäumen, ein Eichhörnchen frisst am Wegesrand einen Löwenzahn, steile grasbewachsene Treppen führen an der Hungermauer entlang, weit unten die Prachtkulisse der Stadt, ganz ohne Enge und Lärm. Auf dem Weg hinab eine Apfelplantage, vereinzelte Menschen, die ebenfalls Abkühlung suchen, dann schattige Gassen, blumenbeladene Fensterbänke, bis die Mengen vor der Karlsbrücke wieder über einen hereinbrechen.

Oder die Havlíčkovy sady in Vinohrady, einer Wohngegend östlich der Neustadt: wunderbare Gärten mit verschlungenen Wegen, Wasserlandschaften und den letzten verbliebenen Weinbergen des Stadtteils. Auch die Straßen um den Park herum mit ihren Villen und alten Gärten bieten in ihrer Ruhe eine Abwechslung von den wogenden Massen in Nové Mêsto, der Neustadt. Dieser Widerspruch zwischen der Schönheit der Kulisse und der Zirkusstimmung, die in ihr herrscht, zwischen Plastikwelt und verlassenen Gassen, in denen von irgendwo Kinderstimmen hallen. Man sagt mir, die Prager würden die Altstadt in den Sommermonaten meiden, so sie dort nicht arbeiten oder wohnen. Als Gast in der Stadt kann man das kaum, zu schön sind die Bauten, zu geschichtsträchtig die Straßen. Doch auf etwas kühlere Tage kann man damit warten.


Samstag, 3. September 2016:

Die Moldau riecht wie die Spree. Nur sanfter sieht sie aus, obwohl sie das nicht ist. Aber an einem Septemberabend sieht ihre Oberfläche im letzten Sonnenlicht des Tages seidenweich aus, die Strömung ist fein und geschmeidig, Enten fliegen tief und langsam vorüber, und es ist unmöglich, nicht an die Zeitlosigkeit des Flusses zu denken, eines jeden Flusses, der unabhängig von dem Geschehen an seinen Ufern weiter fließt und uns mit der Geschichte seiner Länder und seiner Städte verbindet.

Und mit seiner literarischen Geschichte.

„Vertraut scheint mir Prag durch die, die es beschrieben haben.“ Ich habe von diesem Fluss gelesen, von den Straßen, den Häusern, den Bewohnern, und ich erkenne sie wieder, selbst wenn einige der Beschreibungen fast 100 Jahre alt sind.

Man solle am Anfang beginnen, schreibt Karel Čapek in seinen „Briefen aus England“. Gerade in diesem Reisebericht hat er mir Prag nahe gebracht, denn in den Beschreibungen Großbritanniens schildert er immer auch seine Heimatstadt und deren Menschen, das Leben in den Straßen, und die Sehnsucht klingt immer mit.

Und wenn ich auch keinen Reisebericht zu schreiben plane, sondern nur einige Eindrücke teilen will, ist das Lesen dieser verstecken Liebeserklärung an eine Stadt, die ich gerade erst zu entdecken beginne, und die doch nicht fremd scheint, vielleicht der Anfang meiner Pragreise gewesen.

Die Schwäne tauchen die Köpfe weit in das Wasser der Moldau, die Sonne sinkt immer tiefer hinter den Petřín, der Himmel färbt sich rot und dann schwimmt eine Bisamratte vorbei wie ein junger Hund, den Kopf gerade über Wasser, rasch und zielstrebig, denn der Tag neigt sich dem Ende zu. Es gibt viel zu tun.