Bremer Netzresidenz 2007 für Norbert Hummelt und Benjamin Lauterbach

Mit der „Bremer Netzresidenz“ werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller ausgezeichnet, deren literarische Projekte die technischen Möglichkeiten des Internets kreativ und innovativ ausloten. Die Netzprojekte sollen literarische Prozesse für ein Publikum transparent machen und für eine Teilnahme öffnen.

Aufgrund der Vielzahl qualitativ hochwertiger Bewerbungen hat die vom Literaturhaus Bremen eingesetzte Jury in Zusammenarbeit mit der Stiftung „kunst:raum sylt quelle“ entschieden, in diesem Jahr zwei Preise zu vergeben:

Foto NorbertHummeltcNadjaKüchenmeister_1024
Der Lyriker und Eliot-Spezialist Norbert Hummelt wird im Rahmen der „Bremer Netzresidenz“ eine neue Übersetzung von T.S. Eliots „The Waste Land“ erarbeiten. Das Gedicht gilt als einer der Schlüsseltexte des 20. Jahrhunderts. Von heute aus betrachtet, wirken der vielstimmige Kanon und die Weite des Wissenshorizontes fast wie eine poetische Vorwegnahme des Internet-Zeitalters. Nimmt man hinzu, dass „The Waste Land“ mit einem umfangreichen Anmerkungsteil erschien, so wird deutlich, dass Eliot bereits 1922 die Vernetzung eines literarischen Textes mit dem gesamten Wissensfundus der Kulturen ins Auge fasste.
Norbert Hummelt stellt fertige und überarbeitete Passagen ins Netz, er öffnet ein Forum für Diskussionen und konkrete Textarbeit. Jeder, der sich für Eliots und Hummelts Arbeit interessiert, ist zur Teilnahme eingeladen. Kommentare, Verbesserungen, eigene Varianten, Fortschreibungen, Links etc. sind erwünscht. Das gesamte Verfahren wird den Übersetzungsprozess transparent und nachvollziehbar machen. Der Autor stellt sich im Forum der Diskussion, beantwortet Zuschriften und kommentiert die Übersetzungen anderer. Bestenfalls wird so neben Hummelts „Waste-Land“ – Übersetzung eine weitere entstehen, montiert aus den Stimmen der Community.  Mit dem Übersetzungsprojekt von Norbert Hummelt zeichnet die Jury eine Arbeit aus, die eine angemessene Aktualisierung jener poetischen Verfahren bieten könnte, mit denen Eliot die moderne Dichtung revolutionierte.

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Die zweite „Bremer Netzresidenz“ in diesem Jahr erhält der derzeit am Literaturinstitut in Leipzig studierende Autor Benjamin Lauterbach für sein literarisches Projekt „Weltwohnen“. Das Schreibprojekt bedient sich der Möglichkeiten globaler Vernetzung, zielt aber vor allem auf die eigene Standortbestimmung der Schreibenden. Von einer virtuellen Basis aus, soll ein möglichst weit reichendes Netz aus Texten entstehen, das verschiedene Orte auf der Welt literarisch einfängt. Es ist Lauterbachs Ziel, über Sprache und Bilder fremde Orte auch in einem distanzierten Medium wie dem Internet sinnlich erfahrbar zu machen. Benjamin Lauterbach bindet in sein Netzprojekt weitere Schriftstellerinnen und Schriftsteller ein, öffnet es aber gleichzeitig dem Publikum.  So könnte das virtuelle Literaturhaus zu einer Art Hauptquartier für Weltreisende und -wohnende werden, die abseits vom klassischen Reisebericht poetische, persönliche und analysierende Eindrücke zusammentragen.

Die Bremer Netzresidenz ist mit jeweils 2.000 Euro dotiert. Neben dem Preisgeld erhalten die nominierten Autoren einen vierwöchigen Aufenthalt im kunst:raum sylt quelle auf der Nordseeinsel Sylt.

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