Peter Fischer

Foto: Privat

Sonnenwende

Wer sagt denn, dass das
Blühen nachlässt, wenn die
Zeit anschwillt und die Sanduhr
Voller läuft?
Verwehter Phlox und letztes
Asterblau im Schnee – milder
Mohn pelziger Raunächte.Chronos
Refft seine dunklen Segel: Erster
Vogelzug und gefurchte Zelgen,
Schwirre Paarung und drängende
Keime. Gestern kommt
Wieder und wendet die Revers.Warum
Soll jetzt schon alles
Verwehen, noch ehe der
Abend schimmert?
Peter Fischer
(erschienen in „Dulzinea“/Heft 10/2007)

Peter Fischer † (29.Mai 1943 in Suhl, † 1.Juni 2012 in Bremen). Redakteur (Zeitgeschichte/Politik sowie Fernseh-, Theater- und Literaturkritik), Sachbuchautor, Lyriker. 2006 erschien sein Gedicht ‚Später Frühling‘ bei der Brentano-Gesellschaft in Frankfurt am Main.
Peter Fischer kam nach politischer Haft in der DDR und Freikauf 1975 in den Westteil Berlins, später nach Hamburg. Lebte bis zu seinem Tod mit seiner Frau, der Schriftstellerin Kerstin Fischer („Das Gewächshaus“, „Sergejs Schatten“, „Juris Kristalle“) und Sohn Klemens in Achim bei Bremen. Er war Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller.

Mitglied im Zeitzeugenportal der Bundesstiftung für Aufarbeitung.


Bücher

Der Fall

2011
Ludwigsfelder Verlagshaus, ISBN: 978-3-933022-72-1
174 Seiten, €22,00

„Der Fall“ ist Teil II und Fortsetzung der als Trilogie angelegten Nachkriegschronik über eine Jugend im geteilten Deutschland. Der Lebensgang von Michael Sahlok, der Hauptfigur des Romans, scheint eine entscheidende Hürde genommen zu haben: Er ist als politischer Häftling aus der DDR freigekauft worden. Er lebt zunächst im Westteil Berlins, später in Hamburg und arbeitet als Redakteur.
Doch Sahlok muss erkennen, dass Vergangenheit sich nicht einfach lösen lässt, sie haftet. Sie prägt Lebenszeit, formt Gefühle, fixiert Denkgewohnheiten: sie gerät zum Maßstab für Vergleiche.Die Bedrängnisse der Haftzeit wirken lange nach, sie stehen gegen neu gewonnene Eindrücke: Breit gestreuter Wohlstand muß nicht unbedingt zu größerer Solidarität führen, Phantasie und Empfindsamkeit steigern. Vorurteile, Desinformation sind auch hier keineswegs fremd. Was treibt Westdeutsche um?
Die Ära ist voller Widersprüche, Spannungen, die Vergangenheit keineswegs vorüber.
Berühmte Zeitgenossen kreuzen Michael Sahloks Lebensweg: Über einen obskuren politischen Zirkel trifft er auf Willy Brandt, den vormaligen Kanzler und SPD-Vorsitzenden.
Plötzlich taucht eine Jugenfreundin aus Thüringen auf, sie bittet um Fluchthilfe für ihren Mann. Lange vor den spektakulären Fluchten von 1989, taucht der Fluchtwillige auf einen Rat Michael Sahloks hin in der westdeutschen Botschaft in Warschau auf. Doch es gibt ungeahnte Schwierigkeiten, Günter Gaus, der Ständige Vertreter der BRD bei der DDR, wird eingeschaltet, der antichambriert bei Honecker…
Peter Fischer gelingt mit der „Der Fall“ eine faszinierende Verdichtung von Zeitgeschichte, der überaus kluge Beobachtung von Lebensumständen, von Milieu zugrunde liegt, und eine ebenso feinsinnige wie nuancenreiche Schilderung jener Jahre vor 1989, die schließlich das Gesicht Europas verändert haben.

Ananke

Lyrik, 2008
Ludwigsfelder Verlagshaus, ISBN: 978-3-933022-52-3
64 Seiten, €11,90

„Bilder, Statuen, Sonaten, Symphonien“, so schreibt Gottfried Benn, „sind international – Gedichte nie. Man kann das Gedicht als das Unübersetzbare definieren“. Damit scheint das Besondere der Lyrik markiert: sie bleibt der Muttersprache verhaftet, sie begrenzt auf Verständnis hin, sie bleibt um Eindeutigkeit im Ausdruck bemüht und zugleich, Grenzraum des Geistigen, dem Zweideutigen der Natur verbunden.
Die Lyrik heute hat eigentlich nur gegen das Vorurteil anzukämpfen, sie sei schwer verständlich. Dies scheint unbegründet, da sie unauslöschlich fortlebt. Freilich, die Welt besteht nun einmal nicht nur aus Federgewichten; zudem: selbst Federn zwingen den Zeiger einer Waage zum Ausschlag!
Wie in dem von der „Dulzinea“-Redaktion ausgezeichneten Gedicht „Zeitfragen“, das mit wehmütigem Blick zurück ein Thema aus den „Oden“ von Horaz über die Flüchtigkeit der Zeit variiert, bleibt der Lyriker in einer scheinbar kühl kalkulierten Weise in einem Teil seiner Gedichte den großen Denkmustern der Antike verpflichtet, die er in eigentümlich anrührender Weise und mit hohem Sinn für Sprachwirkung mit dem Geschehen der Gegenwart zu verknüpfen versteht. Mit diesen Instrumentarien durchfährt der Autor mit seinen hier vorgestellten Kompositionen in unverkennbar eigenwilliger Notenschrift die rätselhaften Routen von Raum und Zeit. Dabei bleibt er lebensprall nahe an den „vollen Futteralen der Zeit“, weiß von „Schauermanns Hunger“ ebenso wie von der „Gier der Tycoone“, die fortdauert, unstillbar scheint und inzwischen dem Geschehen fast jegliche Perspektive zu nehmen droht. Über allem aber „Ananke“, die Verkörperung der ehernen Notwendigkeit, die noch über den Göttern und jeglichem Geschehen wirkt, und der das noch keimende und daher mehr den je gefährdete „ICH“ gegenübersteht, das aber schon „von Staubtanz und Fußspuren im tauenden Lehm“ weiß. Eine durchaus rare, aber eben deswegen außerordentliche Poesie mit zumeist gestrophten Versen, den Geist der Antike atmend, dabei dennoch fesselnd aktuell.

Der Schein

Roman, 2007
Ludwigsfelder Verlagshaus, ISBN: 978-3-9330222-46-2
184 Seiten, €22,00

„Die alten Heiler“, so heißt es an einer Stelle im Roman, „benannten drei Tore, durch die der Tod trat: Herz, Lunge, Hirn“. Bei Michael Sahloks Vater kam er in den letzten Tagen des Krieges durch die Schläfe; er fiel in Frankfurt am Main. Für Michael, Hauptfigur des Romans, der in einer thüringischen Kleinstadt aufwächst, verschränken sich von da an auf denkwürdig exemplarische Weise Lebensgang und politische Umbrüche eines durch die Verheerungen des Krieges noch nicht wieder zu sich gekommenen Landes. Die Kriegsfackel brennt nicht mehr, die Trümmer werden geräumt, aber wer zeigt den Nachgeborenen den inneren Weg, wer bewahrt den äußeren, wenn die Väter nicht mehr sind und die Mütter sie ersetzen müssen?
Weggefährten gibt es immer, aber sie bleiben selten: Georg, der Freund aus der Kinderzeit, kehrt nach einer Ferienreise nicht mehr zurück, Studienrat Klöben, der kundige Ratgeber und vielseitig Gebildete, stirbt, Jutta, die Jugendliebe, studiert in Budapest. Michael Sahlok versucht auch bei diesem schwankenden Lebensgrund die Unversehrtheit und Integrität seiner Person zu bewahren, was ihn schließlich fast zwangsläufig in das Räderwerk der politisch Mächtigen führt… „Der Schein“ ist der erste Teil einer Trilogie; in „Der Fall“ und „Die Zwischenzeit“ wird Michaels Spur durch die Zeit weiter verfolgt. Zugleich steht der wechselhafte Lebensgang der Hauptfigur für einige nicht eben unbedeutende Begebenheiten in der deutschen
Geschichte.