Jutta Dornheim

Foto: Privat

„Es zeichnet die moderne Dichtung aus, dass sie sich auf das Zählen der ’Streifen auf der Tulpe’ konzentriert hat; aber immer wieder hat sie auch ihre Fähigkeit bewiesen, dem Partikulären einen universellen Sinn zu geben, ein neues Zentrum für Erfahrungen zu stiften …“.
Mit diesen Worten interpretiert Michael Hamburger in seinem Buch „Wahrheit und Poesie“ den englischen Poeten Samuel Johnsohn, der schon 1759 meinte, dass es nicht die Aufgabe des Dichters sei, die Streifen auf einer Tulpe zu zählen und auch nicht, die verschiedenen Abstufungen von Grün in einem Wald – vielmehr komme es darauf an, solche hervorstechenden, auffallenden Merkmale zu gestalten, „die in jedem Betrachter die Erinnerung an das Original hervorrufen …“.
Genau darauf kommt es auch mir an.

Jutta Dornheim ist in Bremen habilitierte Kulturwissenschaftlerin; in Leipzig und Tübingen studierte sie Literaturwissenschaft, Linguistik und Empirische Kulturwissenschaft. Sie wurde in Weißenfels an der Saale geboren, lebt seit 1958 in der Bundesrepublik Deutschland, zuerst in Würzburg und Tübingen, seit 1987 in Bremen.

Neben ihrer vielbeachteten Ethnografie über ein Dorf auf der Schwäbischen Alb mit dem Titel „Kranksein im dörflichen Alltag“ (1983) veröffentlichte sie zahlreiche satirische Texte, wissenschaftliche Aufsätze, die beiden Gedichtbände „In sperriger Lebenswelt“ (Münster 2005) und „Unsterblich sterblich (Münster 2006), den Erzählband „Steine können rückwärts fliegen. Geschichten um Verhältnisse und Verhängnisse“ (Vechta-Langförden 2009) sowie zahlreiche kulturpoetische Essays.

2006 erhielt Jutta Dornheim den ersten Lyrik-Preis des vom Stadtverband Saarbrücken ausgeschriebenen Literaturwettbewerbs „Am Herzschlag Europas“.

Veröffentlichungen (Auswahl):

Die Wasser kauenden Enten der Herta M. – Kulturpoetische Betrachtungen zur Verleiblichung von Gerüchten. Erschienen in „kuckuck. notizen zur alltagskultur“, 2/06, S. 4-9.
Vom taumelnden Kopf und stampfenden Adern – Aufführungsversuch einer Gefühls-Partitur „Glück“. In: kuckuck. notizen zur alltagskultur. Graz, 1/07
Die Nacht, die Atmosphäre, der Text – Kulturpoetische Aspekte einer Phänomenologie der Nacht. Ersch. in „kuckuck. notizen zur alltagskultur“, Graz, 2/2009
Wörtertod – Leibesnot. Kulturpoetischer Essay. In „Sterz – Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kulturpolitik“ Nr. 101/Februar 2009
Vulkan Obsidian oder Schrittmacher des Erinnerns. Lyrische Reihe edition bauwagen, 2006. Darin: „nicht einerlei“; „gezeiten“, „warnung“.


Bücher

Katzenmann, Roland, Faule Grete

Bremen-Roman in Geschichten, 2011
Kellner-Verlag Bremen, Boston, ISBN: 978-3-939928-68-3
168 Seiten, €9,90

Mit einem Vorwort von Bürgermeister Jens Böhrnsen
Originalzeichnungen: Kunsthistoriker und Philosoph Norbert Schneider

Die Alltagsforscherin Hannah und ihre Freundin Iris erleben viele Bremer Orte anders, als allgemein bekannt. In 27, auch einzeln zu lesenden Geschichten begeistern sie sich für Gebäude und Plätze, Straßen und Steine, Wasser und Wege, Pflanzen und Tiere, Erwachsene und Kinder, Einheimische und Fremde. Dabei entdecken sie, dass diese Orte Identität vermitteln: mit Lebendigkeit oder tiefer Stille, mit Geräuschen, Gerüchen und Geschehnissen; probeweise, zeitweise oder dauerhaft. Diese Orte sind nicht immer touristische Attraktionen, aber sie sind authentisch und bremisch. Hannah und Iris weihen Leserinnen und Leser in die Geheimnisse dieses literarischen Bremen-Erlebens ein durch ihr intensives, neugierig-freches Aufspüren und Beobachten von nicht alltäglich Vertrautem.

Steine können rückwärts fliegen

Geschichten um Verhältnisse und Verhängnisse, 2009
Geest-Verlag, Vechta-Langförden, ISBN: 978-3-86685-177-1
170 Seiten, €16,80

Steine können rückwärts fliegen – dieser Titel erscheint auf den ersten Blick einfach, erst auf den zweiten offenbart er auch seinen Hintersinn. Ähnlich verhält es sich mit den hier versammelten Geschichten: Die Leserin/den Leser erwarten achtzehn spannungsgeladene, hintergründige Geschichten, die alle entscheidende biografische Momente entfalten, jene letzten Augenblicke, in denen sich entscheidet, ob die Akteure so oder so oder ganz anders handeln. Ob sie untergehen, scheitern, weiter dahintrudeln, sich behaupten oder Neues wagen. Doch ihre Entscheidungen hängen nicht von ihnen allein ab, die Autorin hält es in diesem Punkt mit dem großen B.B.: „Denn die Verhältnisse, sie sind nicht so.“ Letztere sind anwesend in Form von zeitgeschichtlich Markantem, das sich in fünf brisanten Gruppierungen präsentiert, so u.a. in den Themen ‚konspiratives studentisches Leben in der frühen DDR‘ (Kap. „Nachrichten aus Vineta“); machtgeprägte, spätindustrielle Arbeitsverhältnisse in der Bundesrepublik (Kap. „Arbeit, Liebe und Intrige“) und ‚Einbrüche, Zusammenbrüche und die Last neuer Lebensformen‘ (Kap. „Die moderne Zeit“). Auf diese Weise zeigt sich die unauflösliche Verwobenheit individueller Verhängnisse und objektiver Verhältnisse.

Unsterblich sterblich

Gedichte, 2006
Neues Literaturkontor, Münster, ISBN: 978-3920591827
96 Seiten, €10,00

Wie Poesie eine Verbindung mit philosophischem Denken eingehen kann, zeigt Jutta Dornheim in ihrem zweitem Gedichtband. Vom Sonett bis zum Aphoristischen reicht die Formenvielfalt, mit der die Autorin menschliche Erfahrungen und Begegnungen transzendiert. So wird das jeweils Geschehene, das Konkrete “nach-gesonnen und nach-gesponnen“, wie zum Beispiel mit Bezug auf Theodor W. Adorno: “ hier irrte der große A.: / das leben ist nicht beschädigt / jeder nachdenkversuch / vergeblich. / denn unauffindbar ist / worüber noch / nachzudenken wäre“. Neben der für Lyrik konstitutiven Beschäftigung mit dem Menschlichen und Erlebnishaften, neben sozial Einfühlsamem und politisch Unkorrektem findet sich bei Dornheim Historisches und Sagenhaftes, das schönsprachig neuen Zauber und Sinn erhält. „wo meer und land sich ineinander flüchten / da gleißt im morgenlicht der nonne diadem / so bräutlich hell und jungem blick genehm / es scheint gemacht aus stoff wie dem zum dichten“.

In sperriger Lebenswelt

Gedichte, 2005
Neues Literaturkontor, Münster, ISBN: 978-3920591780
96 Seiten, €8,00

Für Jutta Dornheim ist Lyrik eine von mehreren Arten der Beschäftigung mit Sprache, Kunst, Philosophie. Die Gedichte der gelernten Kulturwissenschaftlerin und Hölderlinbeeinflußten sind sowohl kunst- und naturlyrischer als auch politischer und zeitkritischer Art. – „Feine Pinkel // Blechzeuge-Blasen / Schmierseifen-Phrasen / veratmete Luft / geplättete Reifen / die Sagen, die Lügen / die Regenbogen / die Blaulicht pfeifen / die Regenpfeifer / die nach Folianten greifen…“ – Die Autorin, die in Leipzig Ernst Bloch gehört und bei Hans Mayer Germanistik studiert hat, bedient sich der Sprache in oftmals dialektischer, in jedem Falle vielfältiger Weise. Ihre Lyrik variiert in der Form, die Verse sind teils frei, teils gebunden, die Gedichte sind zuweilen sparsam, gelegentlich ausführlich, konkret und bildhaft, nie allzu themenverliebt, dabei gebildet und intellektuell in dem Maße, das Poesie verträgt. „In sperriger Lebenswelt“ zeigt, wie ein philosophischer Blick auf die Dinge der Lyrik zugute kommen kann. – „auch wenn wir meinen / stein vom fels zu sein: / uns ganz und gar / im ganzen zu vereinen / läßt uns das wahre ganze / absichtslos allein“