Jens Laloire

Bremer Netzresidenz 2014
Foto: Literaturhaus Bremen

1978 im niedersächsischen Twistringen geboren, begann Jens Laloire nach dem Zivildienst in der Lebenshilfe Sulingen in Essen sein Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte, das er 2007 in Bremen abgeschlossen hat. Seitdem lebt und arbeitet er als freiberuflicher Dozent, Autor und Moderator in Bremen. Als Kulturjournalist schreibt er über Literatur, Tanz und Theater für verschiedene Zeitungen und präsentiert im Rahmen der Reihe ›Laloire schlägt auf‹ in der Bremer Stadtbibliothek das Werk deutschsprachiger Gegenwartsautoren.
Darüber hinaus organisiert und moderiert er Literaturveranstaltungen wie die generationsübergreifende Lesereihe ›Doppelpack‹, die er in Kooperation mit dem Bremer Literaturkontor veranstaltet. Außerdem geht er seit vielen Jahren der literarischen Arbeit nach, schreibt vor allem Kurzprosa und präsentiert seine Texte regelmäßig auf Lesungen.

In den Jahren 2011 und 2012 hat er den Lehrauftrag für Kreatives Schreiben an der Universität Bremen innegehabt und 2012 das interaktive Literaturprojekt ›netzdichte.de‹ des Bremer Literaturhauses an der Waller Gesamtschule geleitet (gemeinsam mit den Autorinnen Jutta Reichelt & Janine Lancker). Seit 2014 betreut er die Publikationsreihe ›MiniLit‹, in der das Bremer Literaturkontor Texte junger Bremer Autorinnen und Autoren veröffentlicht.

2012 hat er in Berlin bei der Endrundenlesung des Literaturwettbewerbs Prenzlauer Berg teilgenommen. 2014 wurde er gemeinsam mit Nora Bossong und Nikolas Hoppe für das Projekt ›Bremen und Kampala – Schreiben im transkulturellen Raum‹ mit dem Stipendium der Bremer Netzresidenz des virtuellen Literaturhauses ausgezeichnet. Zuletzt ist von Jens Laloire die Erzählung ›Der spuckende Zwerg‹ in der Anthologie ›Autorenträume‹ erschienen.


Veröffentlichungen (Auswahl):

  • Artikel über Literatur, Tanz & Theater in Weser Kurier, taz, u.a.
  • Porträts & Glossen in der zett, dem Bremer Magazin für Stadtkultur
  • ›Der spuckende Zwerg‹ (Erzählung), in: Autorenträume (2013), Verlag Monika Fuchs
  • ›Die Legende von der Neustadt‹ (Erzählung), in: Z-Magazin (2013)
  • ›Menü à la Sarrazin‹ (Kurzprosa), in: Zeitschrift für Alles (2012)
  • ›Das Los des Flaschensammlers‹ (Märchen), in: Die Zeitschrift der Straße (2011)

LESEPROBEN:

Das Los des Flaschensammlers – ein Märchen

Es war einmal in Bremen ein Mann, der hatte keine Arbeit und nicht viel Geld, aber einen Traum: Er träumte davon, eines Tages bei der jährlichen Bürgerparktombola ein Auto zu gewinnen. Zwar besaß er keinen Führerschein mehr, dennoch sehnte er sich danach, mit einem eigenen Wagen zur Nordsee zu fahren, um aufs Meer hinauszuschauen und die großen Schiffe mit der Autohupe zu grüßen.
Da der Mann es sich nicht leisten konnte, täglich aus eigener Tasche die Lose zu bezahlen, ging er während der Tombola-Wochen jeden Abend zum Bremer Bahnhofsplatz und wühlte in den Mülleimern nach Pfandflaschen. Das Pfand löste er im Supermarkt ein, um sich am nächsten Tag an den kleinen Buden vor dem Bahnhof zwei oder drei Lose zu kaufen – je nachdem wie viel Geld er durch die Flaschen zusammenbekommen hatte.
In all den Jahren hatte er hin und wieder verschiedene Preise gewonnen: mehrmals rosafarbene Papierservietten oder Frühstücksflocken einer Bremer Firma, auch Schokolade, Lakritze oder Kinogutscheine hatte ihm das Losglück beschert, und einmal sogar eine Eintrittskarte für ein Spiel im Weserstadion.
Obwohl ihm die Frühstücksflocken und die Lakritze geschmeckt und der Kinofilm und das Fußballspiel gut gefallen hatten, war er mit seinen Preisen nicht glücklich, denn er wollte das Auto gewinnen und nicht Servietten oder Kinogutscheine.
„Nie habe ich Glück“, dachte er, gab trotzdem nicht auf, sondern versuchte es jedes Jahr von Neuem. Und so ergab es sich, dass er eines Tages wieder zu einer Losbude auf dem Bahnhofsplatz ging, um sich vom Erlös der eingesammelten Pfandflaschen zwei Lose zu kaufen. Das erste Los war eine Niete, auf dem zweiten jedoch stand eine Gewinnnummer. Der Mann hastete zur Gewinnausgabe vor der Bahnhofshalle und schob der Frau hinter dem Tresen das Los zu.
„Ich habe gewonnen!“, sagte er – und seine Stimme zitterte dabei ganz leicht vor Aufregung, denn obschon er so oft mit Lakritz oder Frühstücksflocken abgespeist worden war, hoffte er immer noch bei jedem Gewinnlos auf den Hauptpreis, das Auto. Die Frau, die hinter dem Tresen der Gewinnausgabe saß, nickte, nahm ohne aufzuschauen das Los entgegen, blätterte in einem großen grünen Aktenordner, verglich die Losnummer mit den Zahlen auf einer Liste und wollte bereits in das Regal mit den Servietten greifen, als sie in ihrer Bewegung stockte.
Nach einer kurzen Starre ließ sie ihren Blick nochmals zwischen Los und Liste hin- und herwandern, dann hob sie langsam ihren Kopf. Erst jetzt schien sie den Mann wahrzunehmen, der da vor ihrem Tresen stand und sie erwartungsvoll anstarrte. Sie musterte ihn ein paar Sekunden stumm und ausdruckslos, verglich ein letztes Mal die Losnummer mit der Zahlenreihe in ihrem Ordner, nickte kurz, griff sich einen Stift und setzte hinter der Nummer ganz oben auf ihrer Liste ein kleines rotes Häkchen. Mit einem veränderten Gesicht blickte sie schließlich auf, schenkte dem Mann ein weißes Lächeln, drückte ihren Brustkorb nach vorn, räusperte sich und sagte mit einer wohlklingenden Stimme:
„Herzlichen Glückwunsch! Sie haben den Hauptpreis gewonnen! Von heute an sind Sie der Besitzer eines nagelneuen BMW im Wert von 55.000 Euro, den das Autohaus Rusch für die Bürgerparktombola gesponsert hat! Ich gratuliere Ihnen herzlich im Namen des Bürgerparkdirektors und im Namen des Autohauses Rusch! Herzlichen Glückwunsch!“
Der Mann konnte sein Glück kaum fassen und stand für einen Augenblick mit offenem Munde starr da – doch plötzlich riss er die Arme in die Höhe, hüpfte vor Freude auf und ab und rief unaufhörlich „Gewonnen! Gewonnen! Ich habe gewonnen!“
Viele der Menschen, die kurz zuvor noch hastig über den Bahnhofsplatz geeilt waren, hielten nun inne, um den Mann zu beobachten, der da auf- und abhüpfte, fremde Menschen umarmte und schließlich die Frau hinter ihrem Tresen hervorzog, um mit ihr ein Freudentänzchen aufzuführen. Das alles dauerte vielleicht drei oder vier Minuten, dann hasteten die Menschen weiter, stand der Mann in sich versunken alleine da und saß die Frau wieder auf ihrem Stuhl hinter dem Tresen und blätterte in ihrem Ordner. Der Mann spürte zwar noch das Glück, das ihn durchströmte, hatte sich inzwischen jedoch ein wenig beruhigt und war gar ein bisschen traurig darüber, dass er das gewonnene Auto nicht sofort mitnehmen durfte, sondern bis zum nächsten Tag warten musste.
Am folgenden Morgen duschte sich der Mann, rasierte sein Gesicht glatt und verpackte seinen blassen dürren Oberkörper in einem frisch gebügelten Hemd, das er zuletzt vor vielen Jahren auf seiner Hochzeit getragen hatte. Er scheitelte sein Haar mit einem kleinen Kamm und ging zur vereinbarten Zeit zum Bahnhofsplatz.
Dort erwarteten ihn bereits der Direktor der Bürgerparktombola, ein Journalist der größten Lokalzeitung mit einem Fotografen an seiner Seite und der Chef des Autohauses Rusch, das den Wagen für die Tombola spendiert hatte.
Der Direktor hieß den Mann willkommen, schüttelte ihm die Hand und gratulierte im Namen des Bürgerparkvereins; auch der Autohauschef schüttelte ihm ausgiebig die Hand und gratulierte im Namen des Autohauses Rusch; der Fotograf hingegen knipste Fotos und der Journalist fragte den Mann, wie er sich fühle.
„Großartig“, sagte der Mann, „noch nie zuvor habe ich etwas Bedeutendes in meinem Leben gewonnen. Und nun das! Ich fühle mich großartig!“
Ein Grinsen belebte sein sonst oft müde dreinblickendes Gesicht; und neben ihm da grinsten der Direktor und der Chef des Autohauses Rusch, während der Kugelschreiber des Journalisten über die Blätter seines Notizbuches kratzte und die Kamera des Fotografen klickte und klickte und klickte …
Doch irgendwann war es endlich soweit: Der Autohauschef überreichte die Autoschlüssel und der Mann durfte sich hinter das Steuer des BMW setzen, der jetzt ihm gehörte. Er freute sich darauf, mit seinem eigenen Auto ans Meer zu fahren. Er schloss die Fahrertür von innen, steckte den Schlüssel ins Zündschloss, löste die Handbremse, winkte den vier Männern zu und trat sanft aufs Gaspedal. Ganz langsam rollte er mit seinem BMW über den Bahnhofsplatz an den Abfalleimern vorbei zur Straße und sah, wie die vier winkenden Männer im Rückspiegel immer kleiner wurden.

Obwohl er sich so sehr auf die Nordsee gefreut und vorgenommen hatte, direkt dorthin zu fahren, kurvte er zuerst durch die Viertel der Stadt. Er genoss das Gefühl, in seinem neuen Gefährt all jene Orte zu passieren, an denen er auf Menschen treffen könnte, die ihn kannten. Und tatsächlich fuhr er immer wieder hupend und winkend an Bekannten und Freunden vorüber, die ihm staunend nachblickten und in seinem Rückspiegel zu winzigen Männchen schrumpften. Hier und da hielt er auch an, kurbelte das Fenster runter und ließ seine Freunde den BMW bewundern. Aber nicht ein einziges Mal stieg er aus oder ließ einen seiner Freunde einsteigen – stets hielt er nur kurz an und sagte nach wenigen Minuten, dass er nun weiter müsse, da er am Meer erwartet werde.

Abends war er allerdings immer noch in der Stadt unterwegs, und als er auf der Hochstraße am Bahnhof vorbeikam, drosselte er die Geschwindigkeit seines Wagens, rollte im Schritttempo über den Asphalt und schaute aus dem Fenster hinunter zum Bahnhofsplatz, auf dem er all die Jahre Mülleimer durchwühlt hatte. Noch vor zwei Tagen war er um diese Zeit auf der Suche nach seinem Glück von Abfalleimer zu Abfalleimer gegangen.

Er blickte auf die Losbuden und auf die leere Rampe, auf der heute Morgen noch der BMW gestanden hatte, der nun ihm gehörte. Während ein paar Autos hupend an ihm vorüberzischten, stoppte er seinen BMW, streichelte das Lenkrad und lachte vor Glück.
Genau in diesem Augenblick gab es einen lauten Knall, ein Ruck ging durch das Auto und schleuderte den Mann so kräftig nach vorn, dass er mit seinem Kopf gegen das Lenkrad stieß und dann zurück in den Ledersitz gedrückt wurde. Der Mann brauchte eine Weile, um zu begreifen, was passiert war. Zuerst bemerkte er die kleinen roten Tropfen, die aus seiner Nase auf sein weißes Hemd plumpsten und sich dort zu einem großen Fleck vereinigten; dann erkannte er im Rückspiegel direkt hinter seinem BMW einen Mercedes, und plötzlich stand ein älterer Herr neben seiner Tür und klopfte gegen die Scheibe.
Der Mann starrte den klopfenden Herren eine Weile stumm an, sah, wie dessen Mund hinter dem Glas des Autofensters auf- und zuging, öffnete schließlich die Tür von innen und stieg aus. Draußen erwartete ihn der andere mit wütendem Geschrei und durch die Luft wirbelnden Händen. Der Mann beachtete das Schimpfen und Fuchteln nicht, sondern sah allein seinen BMW, in dessen Heck sich ein Mercedes gerammt hatte. Hinter- und Vorderteil der beiden Wagen schienen sich zu einem einzigen Schrotthaufen vereinigt zu haben. Während der Mercedes-Fahrer fluchte und fuchtelte, schaute der Mann auf sein neues Auto und dachte an den Führerschein sowie die Versicherung, die er beide nicht hatte – und er dachte an das Glück, das ihm nie treu war. Tränen stiegen ihm in die Augen. Er schluchzte, versuchte die Tränen zurückzuhalten, spürte jedoch, wie sie nach und nach über seine Wangen kullerten und gemeinsam mit dem Blut auf sein Hemd tropften. Plötzlich spürte er, wie die Hände des Mercedes-Fahrers nach ihm griffen und ihn zu schütteln begannen. Nur kurz gab er sich diesem Schütteln hin, dann stieß er den anderen heftig zur Seite, machte zwei energische Schritte, kletterte auf die Leitplanke am Fahrbahnrand, schaute ein letztes Mal zum Bahnhofsplatz hinunter und sprang von der Hochstraße in die Tiefe.

Anstatt sich auf dem Asphalt alle Knochen zu brechen oder von einem Auto überrollt zu werden, landete der Mann auf der offenen Ladefläche eines Lastwagens in einem großen Haufen Fischernetze und verlor nicht sein Leben, sondern bloß sein Bewusstsein.
Als ihn der Fahrer des Lastwagens zwei Stunden später entdeckte und ansprach, erwachte der Mann, erblickte den Fahrer und fragte, ob er im Himmel sei.
Der Lkw-Fahrer schüttelte den Kopf und antwortete ihm, dass er keineswegs im Himmel, sondern, wenn überhaupt, dann schon eher in der Hölle, nämlich in Bremerhaven sei.
Der Mann sah den Fahrer mit großen Augen an, richtete sich auf, blickte sich um und sah … das Meer. Sie hatten direkt am Wasser gehalten und in der Ferne erkannte der Mann ein Schiff. Da musste er mit einem Mal laut lachen – und zwar so laut und heftig, dass der andere von ihm glaubte, er sei wahnsinnig geworden.
Nach wenigen Minuten jedoch hatte der Mann sich wieder beruhigt und fragte den Fahrer, ob er einmal die Hupe seines Lastwagens drücken dürfe. Der Fahrer wunderte sich über diesen Wunsch, war aber froh, dass der Mann mit dem Lachen aufgehört hatte und dass es ihm im Großen und Ganzen einigermaßen gut zu gehen schien. Also half er ihm von der Ladefläche und ließ ihn ins Fahrerhaus einsteigen. Dort setzte der Mann sich hinter das Lenkrad, drückte die Hupe und sah dem Tanker nach …

Diese Fassung ist eine überarbeitete Version des Textes, der 2011 in der Zeitschrift der Straße erschienen ist.

 


Die Legende von der Neustadt

Der Bremer Neustädter hat es nicht leicht: Nacht- und Kulturleben der Hansestadt spielen sich nicht in seinem Stadtteil, sondern auf dem anderen Weserufer im Steintorviertel ab, wo Studenten, selbst ernannte Lebenskünstler sowie stadtbekannte Szenegrößen in ihrer zeitgemäß aparten Kluft über den Ostertorsteinweg flanieren. Besuch von diesen bewunderungswürdigen Wesen sollte der Neustädter nicht erwarten, denn er lebt auf der falschen Seite, die zu betreten einem Viertelbewohner nicht zugemutet werden darf.

„Neustadt? … Neustadt … das ist doch … ist das nicht …?“, fragt der Viertellini ein wenig verwirrt, wenn er auf jenen Stadtteil angesprochen wird, zuckt schließlich mit den Schultern und verschwindet in einer Kneipe am Eck, um der entstandenen Irritation mit ein paar Becks beizukommen.
Neustadt, das ist … ja, ist Bremen, ist jedoch jenseits des Flusses, den der Viertelbewohner lediglich aus der Schräglage seiner Kuschelwiese, dem Osterdeich, kennt. Der Fluss, das ist die Weser, das weiß er wohl – aber dahinter, hinter der Weser? „Da ist das Café Sand. Das sieht man doch!“
Ja, aber was ist hinter diesem?
„Hinter dem Café Sand soll noch etwas sein?“ fragt er mit aufgerissenen Augen, starrt in den Abendhimmel über dem Stadtwerder und erschaudert beim Gedanken daran, sich in jene Ferne hinauszuwagen und hinabzustürzen in die niedersächsische Provinz, die er dort bisher vermutet hat. Hinter dem Café Sand lauert das Ende seines schnuckligen Biotops, das er nicht freiwillig verlässt, denn wer weiß, ob es eine Rückkehr geben wird, wenn er in die rauen Gefilde der Peripherie vordringt. Warum auch sollte er sein Miniaturparadies verlassen?
Hier ist doch alles zu haben: diverse Platten-, Buch und Secondhandläden, Öko-, Feinkost- sowie Designergeschäfte und Gourmettempel neben Fressbuden; sowohl keimige als auch smart aufpolierte Cafés, die eine oder andere Galerie, zwei Filmkunsttheater und ein Kulturzentrum; das legendäre Eck mit einem exquisiten, jederzeit zugänglichen Rauschmittelangebot und spontan inmitten der Kreuzung inszenierten Fußballperformances am Wochenende; Bars mit verheißungsvollen Namen wie Urlaub, Wohnzimmer oder Capribar und Tanzstuben wie Eule, Römer und Moments. Hinzu kommen die anarchischen Inseln – wie das Zakk, das Paradox, die Friese und das Sielwallhaus –, welche das originär Rebellische des Jahr für Jahr weiter aufgewerteten Quartiers zu konservieren versuchen.
Angesichts dieses vielfältigen Angebots lassen sich keinerlei Gründe entdecken, weshalb der Viertellini seine Heimstätte verlassen sollte. Hier findet er alles, was er für sein heimeliges Dasein mit einer Spur Punkrock benötigt. Was soll er woanders?

Diese Frage wissen mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst jene Viertelbewohner nicht zu beantworten, die sich aufscheuchen lassen, wenn einmal im Jahr eine ominöse Schlacht zwischen Viertellinis und Neustädtern ausgerufen wird – und zwar die Schlacht um den Werdersee, die entscheiden soll, ob der See zum Viertel oder zur Neustadt gehört. Wer auch immer einst die Idee zu diesem Gefecht hatte, er muss es als Scherz gemeint haben, denn das Ganze mutet leicht absurd an, da die Truppe aus dem Viertel vermutlich fünf Stunden vor Schlachtbeginn aufbrechen muss, um sich auf die Suche zu machen. „Welcher See?“, fragen sie, die bloß dem Rufe des versprochenen Freibiers gefolgt sind. „Im Viertel gibt es doch überhaupt keinen See …“
Eben! Alles, bloß keinen See. Eventuell die eine oder andere Pfütze, allerdings ganz gewiss keinen See! Und so scheitern jene Schlachten und alle weiteren Versuche von Wagemutigen, das gegenüberliegende Weserufer zu erkunden, da ihnen spätestens auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke die Puste ausgeht oder sie auf der Erdbeerbrücke in Anbetracht der schwindelerregenden Höhe und Weite, von einem Taumel erfasst werden, der allein mit ein paar Cocktails im Heartbreak Hotel oder im Eisen zu entschärfen ist.

Das ist die Realität! Alle Geschichten von Freund- oder Liebschaften zwischen Neustädtern und Viertellinis, die länger als ein paar Monate gehalten haben sollen, sind Legenden: Jede Beziehung beruht auf gegenseitigem Besuch. Derlei Ausflüge indes sind dem Viertelbewohner nicht möglich – nur im Notfall verlässt er seine Wattewelt, in der alles so stylisch, flauschig und lauschig ist und die in manchen Kreisen dennoch als ranzig, rau und verrucht gilt.

Doch plötzlich, inmitten eines milden Herbstes, erschallt der Ruf aus der Fremde. Gerüchte machen im Viertel die Runde, dass jenseits der Weser – an einem Ort, der Neustadt genannt werde – eine Handvoll Verwegener aus einem ehemaligen Möbelhaus eine Location geformt habe, die ihresgleichen suche und am Wochenende mit einer hippen Event-Melange eröffnet werde. Eine Ausstellung wäre dort zu sehen, abgefahrene Bands würden aufspielen, anerkannte DJs Platten auflegen und Fahrradfreaks ein Sprintturnier veranstalten; darüber hinaus würden sich an jenem Ort allerhand renommierte Szenegrößen tummeln, mit ihren Hüften wackeln und Cocktails, Bier und Bionade schlürfen –
denn ja, tatsächlich sollen in dieser fernen Räumlichkeit angeblich sogar die angesagten Getränke verfügbar sein, die man bisher außerhalb des Viertels nicht zu bekommen glaubte …

Was also soll man tun?, fragen sich die Viertellinis. Kann man sich ein derartiges Ereignis entgehen lassen? Sollte man nicht dabei sein? Oder ist es viel zu aufwendig und gefährlich? Schließlich verlässt man sein komfortables Viertelchen nicht leichtfertig, bloß weil zweifelhafte Gerüchte etwas versprechen, das jenseits der Weser eigentlich nicht existieren kann. Schließlich war man bisher davon ausgegangen, dass fernab des eigenen Quartiers nichts Gutes, nichts Erstrebenswertes lauert.
Doch die Gerüchte verdichten sich, erste Pioniere berichten mithilfe modernster Kommunikationstechnologie Unglaubliches und animieren andere Viertellinis, es ihnen gleichzutun und Richtung Neustadt aufzubrechen. Und so schließt sich erst nur ein winziges Grüppchen, dann eine komplette Viertellini-Armada zusammen, um sich – wider ihres eigenen, so am Vertrauten gewöhnten Gemüts – in einer Freitagnacht hinauszuwagen. Für den Fall der Fälle mit Alkohol, Straßenkarten sowie Nummern von Taxiunternehmen bewaffnet, reiben sie sich nach dem Überschreiten der Brücke die Augen, wundern sich, dass jenseits ihrer wonneweichen Seifenblase tatsächlich etwas existiert und sie nicht vom Nichts verschlungen werden, sondern auf Straßen, Häuser und Menschen treffen. Indes am meistern wundern sie sich, dass sie den ultimativen Fun, der ihnen versprochen worden ist, tatsächlich erleben – und das so weit entfernt von ihrem Zuhause, in diesen verwunschenen Gefilden.

Noch Tage später schwärmen jene, die sie sich hinausgewagt hatten, in prächtigen Farben von ihren Erlebnissen jenseits der Weser. Ihre ahnungslosen Szenegeschwister lauschen mit aufgerissenen Augen den Erzählungen von jenem Landstrich, der Neustadt genannt werde und eine einzigartige Lokalität namens Dete beherberge.
Von diesen Erzählungen befeuert wagen sich nach und nach immer mehr dieser sonst so reisescheuen Wesen hinaus in die Fremde, um jenes Kultureinrichtungshaus aufzusuchen, von dem die ganze Welt – also jeder im Steintorviertel – spricht. Mit Muffensausen passiert manch einer von ihnen den Fluss, mustert mit offenstehendem Munde aus der Straßenbahn heraus die Szenerie dort draußen, zögert, als seine Haltestelle angesagt wird, setzt dann doch seinen Fuß auf den Asphalt und geht dem Gebäude entgegen, von dem alle reden und vor dem er ein paar Minuten verharrt, um es aus der Distanz zu begutachten und die großen Schaufensterscheiben zu bestaunen, hinter denen das pure Leben zu pulsieren scheint. Geschöpfe, die kaum von den Bewohnern seines innig geliebten Viertels zu unterscheiden sind, tummeln sich en masse dort drinnen, einige sitzen auf Sesseln, Sofas und Korbstühlen, andere stehen mit Gläsern oder Flaschen in den Händen im Raum, trinken, lachen und gestikulieren. Auch vor dem Eingang stehen vertraut wirkende Wesen auf dem Gehsteig beisammen, rauchen, reden und lächeln dem Viertellini zu, als er sich an ihnen vorbeidrückt, um einzutreten.
Drinnen empfängt ihn Applaus. Irritiert bleibt er einen Augenblick im Eingangsbereich stehen, bis er begreift, dass der Beifall nicht ihm und seiner wagemutigen Expedition gilt, sondern den Musikern, die im Bühnenlicht an ihren Instrumenten herumwerkeln, bevor sie den nächsten Song anstimmen. Kaum erklingen die ersten Töne einer Country-Ballade, verstummen die Zuhörer, lauschen der Band, wippen mit den Fußspitzen zur Musik und nuckeln andächtig an ihren Bier- oder Bionadeflaschen. Kein Sitzplatz ist leer geblieben, sogar die Stufen einer mit Teppich überzogenen Treppe, die (wie ein Hinweisschild verrät) zu den Ausstellungsräumen im ersten Stock hinaufführt, sind mit Zuhörern besetzt. Während alle Gäste im Bann der Band verfangen zu sein scheinen, hantieren hinter der Theke zwei Typen, die dem Viertellini auf den ersten Blick sympathisch sind und ihn so herzlich begrüßen, als wäre er schon oft hier gewesen.
Wenige Minuten später steht der Abenteurer mit einer Flasche Bier in der Hand an eine weiße Säule gelehnt da, grinst und nickt zu der Musik. Vergessen sind die Ängste vor dem Aufbruch, vor dem Verlassen der trauten Umgebung, vergessen ist der Viertelkosmos – langsam verschmilzt der Viertellini fern ab der Heimat mit der Masse der Anwesenden.

Beeindruckt von ihren Erlebnissen und dem unvergleichlichen Ambiente dieses Kultureinrichtungshauses begeben sich viele Viertellinis ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal in jene entlegene Region, in der sich die Dete befindet. Sie genießen den freien Eintritt bei Konzerten, lümmeln sich auf den Sofas und Sesseln, trinken den vom Personal empfohlenen Rotwein, spielen Tischfußball im Raucherraum, entspannen sich auf den Sonnenstühlen oder Paletten, die von den Betreibern auf dem Gehsteig positioniert wurden; sie rauchen selbstgedrehte Zigaretten, lassen sich die Abendsonne ins Gesicht scheinen, nippen an ihrem Maracujasaftflaschen und simsen fernen Bekannten aus der Neustadt, denen sie niemals zuvor in deren Lebenswelt jenseits des Flusses begegnet sind, ob man sich am Wochenende statt im Wohnzimmer nicht in der Dete treffen wolle.
Sie spazieren Woche für Woche zu Vernissagen, Lesungen, Theatervorstellungen, Live-Hörspielen, Tanzkursen, Vorträgen oder dem kulturellen Sonntagsfrühstück – und der eine oder andere radelt gar in die Neustadt hinüber, allein um in der Dete einen Cappuccino zu schlürfen oder vom Käsekuchen zu naschen.

Die Viertellinis beginnen sich an das Leben außerhalb ihrer vertrauten Umgebung zu gewöhnen, beginnen zu ahnen, dass das bessere Leben möglicherweise jenseits jenes Flusses zu haben ist, hinter dem sie so lange nichts vermutet hatten. Immer häufiger lassen sie ihr Szenequartier hinter sich und verbringen ihre Abende in der Neustadt. Doch just in jenen Tagen, in denen sie sich ein Leben ohne Dete nicht mehr vorstellen können, verkünden die fünf Freunde, die das Kultureinrichtungshaus ins Leben gerufen hatten, dass es schon bald seine Türen wieder schließen werde.
Und tatsächlich: An einem Sommerabend stehen zwei Dutzend Viertellinis vor der verschlossenen Glastür ihrer Lieblingslocation. Sie blicken durch die Scheiben in den Raum, in dem sie in den vergangenen Monaten so viele schöne Stunden verbracht haben, und sehen: niemanden, nichts – der Raum ist leer! Sie tauschen ratlose Blicke aus, zucken mit den Schultern und schleichen mit hängenden Häuptern davon, verfallen nach und nach dem altbekannten Trott, verharren von nun an wieder ausschließlich in ihrem Viertel.
Viele Jahre später jedoch werden sie in der Wohnküche ihres Altbremer Hauses in einer Seitenstraße des Viertels mit ihren Kindern am Küchentisch hocken und ihnen mit feuchten Augen davon erzählen, wie sie damals – als die legendäre Dete für ein knappes Jahr der angesagteste Treffpunkt Bremens gewesen sei – den Schritt in jenes ferne Land gewagt hätten, das hinter dem Café Sand liege und sich Neustadt nenne.

Diese Fassung ist eine längere und stark überarbeitete Version des Textes, der 2013 im Z-Magazin erschienen ist. Ursprünglich entstanden ist der Text für das Neuland, einem Festival, das der Zucker-Club im August 2010 in der Bremer Neustadt veranstaltet hat. Für eine Lesung im Neustädter Kultureinrichtungshaus Dete im Juni 2014 ist der Text noch einmal umgeschrieben worden.


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»Laloire schlägt auf«

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Der Bremer Kulturjournalist Jens Laloire präsentiert in seiner Reihe über deutschsprachige Gegenwartsliteratur den Autor Joachim Meyerhoff. Laloire führt ein in dessen Werk und stellt eine kleine Textauswahl vor.


cover_ach_diese_lueckeJoachim Meyerhoff konzipiert immer wieder eigene Programme. Sein jüngstes Projekt Alle Toten fliegen hoch sorgt im Burgtheater Wien regelmäßig für ein volles Haus. In diesem autobiografischen, in sechs Teile unterteilten Programm erzählt Meyerhoff seine eigene Geschichte bzw. die seiner Familie. In sehr sympathischer, unaufgeregter, lustiger, aber auch nachdenklicher Art berichtet er von seinen Geschwistern, seiner Großmutter, seinem Vater oder seinem Austauschjahr in Amerika, und präsentiert dabei die hohe Kunst des Erzählens.


Der Eintritt ist frei.

Die Veranstaltung findet in der Krimibibliothek statt.

Veranstaltungsdetails

Datum und Uhrzeit
Daten: 21.04.2016
18:00

Ort
Stadtbibliothek Bremen - Zentralbibliothek

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