Jaroslav Rudis

Zu Gast im Theater Bremen 2016
Zu Gast beim Festival globale° 2014

Foto: Jan Rasch

Jaroslav Rudiš, geboren 1972, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramatiker. Er studierte Deutsch und Geschichte in Prag, Zürich und Berlin und arbeitete u.a. als Lehrer, Journalist und Vertreter einer tschechischen Brauerei in Deutschland. Zuerst schrieb er Erzählungen, Gedichte und Songtexte. „Grand Hotel“, nach „Der Himmel unter Berlin“ sein zweiter auf Deutsch erschienener Roman, wurde 2006 verfilmt. Mit seinem tschechischen Verleger hat er darüber hinaus die Band „The Bombers“ gegründet. Sein dritter Roman „Potichu“ (Die Stille in Prag) wurde in Tschechien von der Kritik begeistert aufgenommen. Bei Voland & Quist erschien 2012 auf Deutsch die Graphic Novel „Alois Nebel“. 2012/13 hatte Jaroslav Rudiš die Siegfried-Unseld-Gastprofessur an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Im Dezember 2013 lief die Verfilmung von „Alois Nebel“, illlustriert von Jaromír 99, in den deutschen Kinos an. Zusammen mit dem Jaromir 99 gründete er die Kafka Band, die mit einer Mischung aus Musik, Literatur und Videokunst durch Mitteleuropa tourt. 2014 erhielt Jaroslav Rudiš für sein Werk den Usedomer Literaturpreis.

http://jaroslavrudis.wordpress.com/


Bücher

Nationalstraße

Roman, 2016
Luchterhand, ISBN: 978-3-630-87442-5
160 Seiten, €14,99

Frieden ist nur eine Pause zwischen zwei Kriegen: Vandam war einer von denen, die es losgetreten haben am 17. November 1989, als unten in der Prager Altstadt auf der Nationalstraße die samtene Revolution ins Rollen kam, die einige Wochen später das kommunistische Regime hinwegfegte. Damals war Vandam ein junger Polizist, ein Vorstadt-Held oben in der Plattenbausiedlung des neuen Prag, die dem Wald abgetrotzt mitten in rauer Natur liegt. Dort oben haben sie als kleine Jungs heimlich Krieg gespielt, dort hat Vandam nach seinem Vater gesucht, wenn der wieder einmal angedroht hatte, er würde sich erhängen, bis er am Ende doch übers Balkongeländer sprang. Fünfundzwanzig Jahre später wohnt Vandam immer noch in der Plattenbausiedlung seiner Kindheit. Längst ist er kein Held mehr, sondern ein Verlierer: Wegen Gewaltexzessen aus dem Polizeidienst entfernt, prügelt er sich als einsamer Schläger durch Tage und Nächte und hebt im Fußballstadion regelmäßig die rechte Hand zum Hitlergruß.

Aus dem Tschechischen von Eva Profousová

Vom Ende des Punks in Helsinki

Roman, 2014
Luchterhand Literaturverlag, ISBN: 978-3-630-87431-9, Broschur
352 Seiten, €14,99

Ole ist 40, war früher Punk, Frauenheld und erfolgreich mit seiner Band, aber das ist lange her. Heute betreibt er das »Helsinki«, eine kleine, verrauchte Bar in einer namenlosen (ost)deutschen Großstadt. Außer der Bar, ein paar Freunden und seinen Erinnerungen ist ihm wenig geblieben. Als seine Bar geschlossen wird, bricht Ole zu einer Reise nach Tschechien auf. Es wird eine Zeitreise an den dunkelsten Punkt seiner Vergangenheit: 1987 versuchte er als 17-Jähriger mit seiner 16-Jährigen Freundin Nancy über die grüne Grenze in den Westen zu fliehen. Nancy kam dabei ums Leben …

Aus dem Tschechischen von Eva Profousová.

Alois Nebel. Leben nach Fahrplan

Graphic Novel, 2013
Voland & Quist Verlag, ISBN: 978-3-863910-29-7
104 Seiten, €17,90

Neue Geschichten vom berühmtesten tschechischen Eisenbahner Alois Nebel! Aus der Bahnhofskneipe in Bílý Potok erklären er und seine Freunde mit typisch tschechischem Humor die Welt, sie lästern über die schnöseligen Prager, tauschen zwei tschechische Nachwuchsfußballer gegen einen polnischen Nachwuchspriester, machen Schmuggelgeschäfte und erleben, wie das Bahnhofsklo dank einer Marienerscheinung zur Pilgerstätte wird. Und all das spiegelt sich wie so oft in Tschechien im geliebten einheimischen Bier. Denn egal was in der Welt passiert: »Altvater bleibt Altvater.«

Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch

Die Stille in Prag

Roman, 2012
Luchterhand Literaturverlag, ISBN: 978-3-630-87380-0, Broschur
240 Seiten, €16,99

Jeder Aufbruch hat einmal ein Ende. Die Revolution, die Anfang der 90er Jahre das Leben in Prag zu einer einzigen großen Party machte, ist längst vorbei. Jetzt ist Spätsommer, das Licht ist bereits schwach und träge geworden. Doch bevor sich der Sommer endgültig dem Ende zuneigt, wird für fünf Menschen nichts mehr so sein, wie es vorher war …

Fünf Menschen zwischen Straßenbahnlärm und dem Techno des Herzens, zwischen Lichteffekten und Rockmusik – und ein Konzert der Stille, das alles verändert. Petr, von seiner großen Liebe verlassen, arbeitet nach einem abgebrochenen Studium als Aushilfe bei der Straßenbahn. Auf einer seiner Fahrten trifft er die junge Punkerin Vanda, die sich fest vorgenommen hat, mit 18 das Koksen sein zu lassen. Ein Monat ist es bis dahin noch. Der angesehene Anwalt Wayne hat es dagegen geschafft, sein Leben auf Erfolgskurs zu bringen. Doch dann meint er, in den Nachrichten seinen im Irak stationierten Bruder blutüberströmt auf einer Trage zu erkennen und wird völlig aus der Bahn geworfen. Er weiß noch nicht, dass Hana, die im Flieger nach Prag sitzt, nicht bereit ist, ihn aufzufangen. Und dann ist da noch der alte Vladimír, der seine Frau verloren hat und sie nicht gehen lassen kann. Den Auslöser für das ganze Übel auf der Welt sieht er im Lärm. Den Rest seines Lebens verschreibt er dem Kampf für die Stille …

Aus dem Tschechischen von Eva Profousová.

Alios Nebel

Graphic Novel, 2012
Voland & Quist Verlag, ISBN: 978-3-863910-12-9
360 Seiten, €24,90

Ende der achtziger Jahre. Alois Nebel arbeitet als Fahrdienstleiter an einem kleinen Bahnhof in Bílý Potok, einem abgelegenen Ort an der tschechoslowakischpolnischen Grenze, dem früheren Sudetenland. Er ist ein Einzelgänger, der das Sammeln alter Fahrpläne der Gesellschaft von Menschen vorzieht. Doch manchmal legt sich der Nebel über die Bahnstation, und dann sieht er Züge mit Geistern und Schatten aus der dunklen Vergangenheit Mitteleuropas: dem Zweiten Weltkrieg, der Vertreibung der Deutschen, der sowjetischen Besatzung. Alois Nebel wird diese Alpträume nicht los und endet schließlich in einem Sanatorium. Dort lernt er „den Stummen“ kennen, der bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren, verhaftet wurde. Niemand weiß, warum er nach Bílý Potok gekommen ist oder was er dort sucht, aber er ist es, der Alois Nebel dabei hilft, den Kampf gegen seine Dämonen aufzunehmen …

Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch.

Grand Hotel

Roman, 2008
Luchterhand Literaturverlag, ISBN: 978-3-630-62139-5, Broschur
240 Seiten, €8,00

Fleischman ist ein etwa 30jähriger Mann, der in seinem Leben schon mehr verloren hat als nur seinen Vornamen oder das zweite „n“ in „Fleischmann“. Als Kind musste er einen schweren Autounfall und den Verlust seiner Eltern verkraften. Er kommt in die Obhut seines Cousins Jégr, eines unverbesserlichen Frauenhelden, der Fleischman wohl nur wegen der Zahlungen vom Sozialamt bei sich aufnimmt. Jégr übernimmt nach der Wende die Leitung des futuristischen Grand Hotels auf dem Berg Jested in der tschechischen Provinz. Fleischman hat keine andere Wahl, als für Jégr zu arbeiten. Denn sein größtes Problem: Sobald er auch nur in die Nähe der Ortsgrenze gerät, wird er Opfer schlimmer Angstattacken, und so scheint er für immer an den kleinen Ort gefesselt. Doch Fleischman träumt sich weit hinauf, sein Spezialgebiet sind die verschiedenen Wolkenformationen, seine große Liebe ist die Meteorologin im Fernsehen. Ihr schreibt er freundlich verliebte Briefe, wenn ihr mal wieder eine kleine Unrichtigkeit unterlaufen ist, die Antwort sind stets gleiche Autogrammkärtchen. Im wirklichen Leben muss er sich mit den Gästen des Grand Hotel herumschlagen. Mit einem Gast aber schließt er Freundschaft, Franz, dessen Obsession geschmacklose Kaffeetassen sind, in denen sich die Überreste seiner besten Freunde befinden, die auf heimischen Boden „begraben“ werden wollten. Franz und Fleischman unternehmen nächtliche Ausflüge, um die Asche an ihrem jeweiligen Wohnort auszustreuen. Als Franz selbst stirbt, versteckt ihn Fleischman und bringt ihn zu seinem Kumpel im Krematorium. Er will Franz’ Asche verstreuen, wenn er seinen endgültigen Ausbruchsversuch im Heißluftballon unternimmt, seinen geliebten Wolken entgegen. Dass ihn dabei die Serviererin Ilja, von der er doch geglaubt hatte, sie könnte seine Meteorologin ersetzen, nicht begleitet, muss er in Kauf nehmen. Man kann nicht alles haben, diese Lektion hat er schon früh im Leben gelernt.

Aus dem Tschechischen von Eva Profousová.