Zukunftsmusik, Gedichte, 1991

Vom 06.03.2014 in

Die mehr als fünfzig neuen Texte, die er hier vorlegt, setzen also nicht nur ein poetisches Programm fort, das mit seinem ersten Auftritt 1957 glänzend begonnen hat; sie betreten ein ungesichertes und ziemlich herrenloses Gelände. Die neuen Gedichte sprechen mit der gleichen Selbstverständlichkeit und im selben Tonfall von alten Ehepaaren und von Weltuntergängen, von chinesischen Akrobaten und von den Geheimnissen des Kehlkopfs. Insofern sind sie nicht aktuell. Enzensberger hat sich gelegentlich über Dichter gewundert, denen die Dummheit als Inspirationsquelle dient. Scharfsinn, behauptet er, sei kein literarisches Verbrechen; im Gegenteil, die Sinnlichkeit der Sprache gehe am liebsten mit der Intelligenz ins Bett. Ob es um die Paradoxien unserer Wahrnehmung geht oder um das Los zweier alter Verkäuferinnen in einem Eisenwarenladen, um den politischen Terror oder um die rätselhafte Zeichnung einer Wanderdüne: die Poesie ist nicht nur, wie Novalis sagt, eine »Gemütserregungskunst«, sie kann auch das Denken beschäftigen.